Die strategische Umstrukturierung bei Curevac bedeutet einen Personalabbau von 30 Prozent. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac strukturiert um, baut weitere Arbeitsplätze ab und verkauft alle seine Rechte an Corona- und Grippeimpfstoffen.

Das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac, das mitten in der Umstrukturierung steckt, verschärft den Personalabbau und verkauft alle Rechte an seinen mRNA-Impfstoffkandidaten gegen Covid-19 und Grippe an den britischen Pharmakonzern Glaxo Smith Kline (GSK).

 

Jetzt könne man ein neues Kapitel für Curevac aufschlagen, sagte Curevac-Vorstandschef Alexander Zehnder, der seit April 2023 an der Spitze des Unternehmens steht. „Die neue Lizenzvereinbarung versetzt Curevac in eine starke finanzielle Position und ermöglicht es uns, uns auf den Aufbau einer starken F&E-Pipeline zu konzentrieren.“

Das Tübinger Biotechunternehmen, das zunächst als Hoffnungsträger in der Coronapandemie galt, war mit der Entwicklung eines marktreifen Covid-Impfstoffs gescheitert und steckt seit dem Ende der Pandemie in der Umstrukturierung. Künftig wolle man sich auf hochwertige mRNA-Projekte in der Krebstherapie und anderen ausgewählten Bereichen mit erheblichem ungedeckten medizinischen Bedarf konzentrieren, teilte Curevac mit.

Gleichzeitig kündigte das Unternehmen an, die Belegschaft um 30 Prozent zu reduzieren, um eine schlankere, agilere Organisation zu schaffen und sich wieder verstärkt auf Forschung, Entwicklung und Innovation zu konzentrieren.

300 bis 350 Jobs fallen weg

Im Frühjahr hatte Curevac mitgeteilt, bis Ende 2024 rund 150 der weltweit 1100 Stellen abzubauen, und damit gut 13 Prozent der Arbeitsplätze. Jetzt sehen die Planungen mit rund 30 Prozent deutlich mehr vor. Bis zum Jahresende soll die Belegschaft auf 750 bis 800 Beschäftigte sinken, sagte ein Curevac-Sprecher unserer Zeitung. Davon erhofft man sich enorme Kosteneinsparungen. Ab 2025 sollen die Betriebskosten um mehr als 30 Prozent reduziert werden. Allein die Personalkosten sollen um 25 Millionen Euro sinken. Dem stehen einmalige Restrukturierungskosten von etwa 15 Millionen Euro gegenüber – unter anderem für Abfindungen und Sozialkosten. Diese sollen voraussichtlich im vierten Quartal verbucht werden.

Die Aktie hat im Jahresverlauf kräftig verloren. Foto: ariva/Grafik: Locke

Die neue Lizenzvereinbarung mit GSK, die den Verkauf aller Rechte an den in der Entwicklung befindlichen Corona- und Grippeimpfstoffen von Curevac beinhaltet, bringt den Tübingern viel Geld in die Kasse. Neben einer Vorauszahlung von 400 Millionen Euro soll es noch zusätzliche Zahlungen von bis zu 1,05 Milliarden Euro geben, wenn bestimmte Meilensteine in Entwicklung, Zulassung und Vertrieb erreicht werden. Hinzu kommen gestaffelte Lizenzzahlungen.

Partner seit dem Jahr 2020

Die neue Vereinbarung ersetzt nach Angaben von Curevac alle früheren finanziellen Gegenleistungen aus der vorherigen Kooperationsvereinbarung zwischen GSK und Curevac. Das Tübinger Unternehmen und der britische Pharmakonzern arbeiten bereits seit 2020 zusammen und hatten damals eine Kooperation zur Entwicklung von mRNA-Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten. Seinerzeit waren eine Eigenkapitalinvestition durch GSK von 150 Millionen Euro in Curevac sowie eine Einmalzahlung von 120 Millionen vereinbart worden. Auch Anfang 2023 hatte Curevac eine Kapitalerhöhung von 250 Millionen Dollar (rund 232 Millionen Euro) gemacht, an der sich vor allem neue Investoren beteiligt hätten, wie Curevac-Chef Zehnder in einem Interview mit unserer Zeitung gesagt hatte.

Die neue Lizenzvereinbarung wurde erst möglich, weil Curevac und GSK den im April 2022 mit der Bundesrepublik Deutschland geschlossenen Pandemiebereitschaftsvertrag mittlerweile beendet haben. Der mit Zahlungen an die Unternehmen verbundene Vertrag sah die Bereitstellung von Produktionskapazitäten und die Lieferung von mRNA-basierten Impfstoffen im Fall eines öffentlichen Gesundheitsnotstands in Deutschland vor.

An der Börse kamen die neuen Nachrichten zunächst gut an. Die Curevac-Aktie legte zeitweise um fast 28 Prozent zu, ehe die Kursgewinne bis Xetra-Handelsschluss nahezu gänzlich wieder abverkauft wurden.

Im ersten Quartal 2024 war Curevac tiefer in die roten Zahlen gerutscht. Der operative Verlust erhöhte sich von 60,4 auf 73,3 Millionen Euro im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum. Grund dafür waren unter anderem gestiegene Forschungskosten, aber auch erhöhte Ausgaben im Zusammenhang mit den Impfstoffpatent-Rechtsstreitigkeiten des Unternehmens. Der Umsatz stieg indes um mehr als 74 Prozent auf 12,4 Millionen Euro, da Curevac höhere Einnahmen aus seinen Kooperationen mit GSK und der Biotechfirma CRISPR Therapeutics erzielte. 2023 lag der Umsatz bei 53,8 Millionen Euro und der operative Verlust bei 274,2 Millionen Euro.