Der einstige Hoffnungsträger in der Coronapandemie streicht massiv Stellen. Andere Biotech-Firmen in Tübingen hingegen expandieren und suchen neue Mitarbeiter.
Das Biotechunternehmen Curevac, einst Hoffnungsträger für Covid-Impfstoffe, muss sparen und streicht Stellen. Doch in der Nachbarschaft auf der Oberen Viehweide in Tübingen, wo sich zahlreiche Biotechfirmen angesiedelt haben, rollen die Bagger und drehen sich Kräne.
„Hier oben ist einiges los“, sagt Professor Marc Schurr, der Vorsitzende des Vorstands der Ovesco Endoscopy AG. Erst seit fünf Jahren ist das 2008 gegründete Unternehmen, das Instrumente für die Behandlung von Krankheiten im Verdauungstrakt herstellt, an seinem heutigen Standort. Mit 190 Mitarbeitenden – davon 125 in Tübingen – erwirtschaftete Ovesco im vergangenen Jahr einen Umsatz von 31 Millionen Euro.
Jetzt hat Schurr ein Areal ganz in der Nähe im Blick: Dort soll für mehr als zehn Millionen Euro ein neues Gebäude hochgezogen werden. „Wir brauchen Platz für das weitere Wachstum“, sagt der Ovesco-Chef.
Mehr Platz braucht auch Steffen Hüttner, der Vorstandschef von HB Technologies, für das Tochterunternehmen Intavis. An diesem hält HB Technologies, eine Softwareschmiede für Bio- und Medizintechnik, 45 Prozent. Weitere Anteilseigner sind unter anderem auch die Gründer des Biotechnologieunternehmens Cegat, Dirk und Saskia Biskup. „Wir bauen ein neues Gebäude für die Herstellung von Peptiden“, berichtet der Chef von HB Technologies.
Peptide sind durch chemische Prozesse hergestellte Hormone, die gespritzt werden können. Dank dieser Peptide-Spritzen kann das Immunsystem Tumorzellen erkennen und bekämpfen. Bis jetzt werden solche Peptide zu Forschungszwecken an Kunden geliefert, „im nächsten Jahr sollen größere Pharmafirmen und Biotechunternehmen hinzukommen“.
Im neuen Gebäude soll Anfang 2025 die Produktion beginnen. Kosten wird es schätzungsweise zwölf Millionen Euro, für das Innenleben, Produktionsräume und Labors, kommen nochmals etwa zehn Millionen Euro hinzu. HB Technologies, mit einem Umsatz von vier Millionen Euro, beschäftigt 55 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Tochtergesellschaft Intavis kommt mit 35 Beschäftigten auf zwei Millionen Euro Umsatz. Dieses Jahr wurden insgesamt schon zehn Beschäftigte eingestellt, im kommenden Jahr sollen weitere zehn dazukommen.
Cegat hat jetzt alle Beschäftigte an einem Standort
Es geht Schlag auf Schlag auf der Oberen Viehweide. Erst im April hat Cegat neben dem bisherigen Firmensitz ein neues Gebäude eingeweiht. Der um den 25 Millionen Euro teuren Anbau vergrößerte Firmensitz bietet Platz für 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Es ist ein großer Vorteil, dass wir jetzt alle Beschäftigten an einem Standort haben“, sagt Firmenchef Dirk Biskup.
Etwa 200 Mitarbeiter sind für Cegat tätig und beschäftigen sich mit Genanalysen, weitere 200 arbeiten im Zentrum für Humangenetik von Saskia Biskup, die dort auch eine onkologische Praxis hat. „Die onkologische Praxis braucht Peptide, deshalb die Zusammenarbeit mit Intavis“, erklärt Dirk Biskup. 2023 setzte Cegat 40 Millionen Euro um, 2024 sollen die Erlöse weiter steigen.
Geld für Produktentwicklung statt für Gebäude
Kein eigenes Gebäude in Tübingen besitzt Immatics: „Es ist für uns sinnvoller, Geld in die Entwicklung unserer Produkte zu stecken als in Gebäude“, sagt der Tübinger Standortleiter Dominik Maurer. Doch auch das in der Krebsforschung tätige Unternehmen mit seinen 500 Beschäftigten – davon 280 in Tübingen – braucht zusätzlichen Platz und mietet sich in Gebäuden ein, die von anderen gebaut wurden. Ein solches wurde im Mai fertig und hat etwas mehr als zehn Millionen Euro gekostet. Finanziert wird das Unternehmen durch Investoren sowie Zahlungen etwa von Pharmafirmen, für die geforscht wird. Im Augenblick gibt es bei dem Unternehmen 25 offene Stellen. Da Immatics mit seiner Zelltherapie vorankommen will, würden „in den nächsten Monaten viele Stellen in unterschiedlichen Bereichen geschaffen“, meint Maurer.
Hoffnung für Curevac-Beschäftigte
Auf Arbeitsplätze bei den expandierenden Unternehmen auf der Oberen Viehweide in Tübingen könnten sich auch die Mitarbeiter von Curevac Hoffnungen machen. Etwa 300 der 1100 Stellen in Tübingen will Curevac streichen. „Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Mitarbeitern“, sagt Dirk Biskup. „Auch frühere Beschäftigte von Curevac könnten sich bei uns bewerben“, erklärt der Ovesco-Endoscopy-Chef Marc Schurr, „es gibt Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten im Stellenprofil“. Letztlich seien „die individuellen Interessen und Kenntnisse der Bewerber ausschlaggebend“, meint Dominik Maurer von Immatics.
Nach den Worten von Heiko Klever, dem Betriebsratsvorsitzenden von Curevac, ist der dortige Stellenabbau in den produktionsnahen und operativen Bereichen am größten. Klever bestätigte, dass es auch schon Anfragen von anderen Firmen gibt und hofft, „dass möglichst viele Curevac-Beschäftigte eine Stelle in Tübingen oder in der Region finden“.