Die Coronapandemie ist vorbei, ebenso der Boom für Biotechnologie. Doch die Branche im Südwesten ist stark und zeigt sich zuversichtlich.
Der Boom für so manche Biotechnikfirma ist nach der Hochphase von Corona vorbei. Doch auch wenn Curevac keinen Impfstoff auf den Markt brachte und jetzt Stellen streicht: Die Biotechnologiebranche im Südwesten zeigt sich nach wie vor zuversichtlich.
„Der Boom ist vorbei, aber es wird keinen Einbruch geben“, meint Professor Ralf Kindervater, Geschäftsführer der Landesagentur Biopro. Möglicherweise hat gerade die Coronapandemie der Branche, die zuvor ganz klar im Schatten von Autoindustrie und Maschinenbau stand, geholfen:
Baden-Württemberg spielt vorne mit
„Die Akzeptanz für die Biotechnologie ist seit der Pandemie gewachsen“, berichtet Klaus Eichenberg, Geschäftsführer der Bioregio Stern, zu der die Region Stuttgart und die Region Neckar-Alb mit Reutlingen und Tübingen gehören.
In der Gesundheitsindustrie sind im Südwesten nach den jüngsten Daten mehr als 90 000 Beschäftigte tätig, die nach Angaben in der Biopro-Broschüre „Gesundheitsindustrie 2023“ einen Umsatz von rund 25 Milliarden Euro erwirtschafteten. Stärkster Bereich ist die Medizintechnik, also die Herstellung von Geräten, Instrumenten sowie Produkten wie künstliche Hüften mit knapp 53 000 Beschäftigten und einem Umsatz von fast 15 Milliarden Euro, gefolgt von der Pharmaindustrie mit fast 24 000 Beschäftigten und einem Umsatz von etwas mehr als sieben Milliarden. Kleinster Bereich ist Biotechnologie für das Gesundheitswesen mit knapp 15 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als drei Milliarden Euro. Baden-Württemberg ist damit bundesweit einer der wichtigsten Standorte.
Alles da- Konzerne, Kleinbetriebe, Mittelständler
Neben den Konzernen wie Roche in Mannheim oder Boehringer Ingelheim in Biberach ist die Branche vor allem durch kleine Betriebe geprägt, viele haben weniger als zehn Beschäftige. Doch es gibt auch Mittelständler wie Erbe Elektromedizin. Das Tübinger Unternehmen setzte im vergangenen Jahr mit rund 1250 Beschäftigten 428 Millionen Euro um, der Exportanteil liegt bei 88 Prozent. Für dieses Jahr wird ein Umsatz von 475 Millionen Euro angestrebt. Rund 90 Millionen Euro hat Erbe in sein im Mai eröffnetes neues Werk in Rangendingen investiert – nicht in Tübingen, weil dort der Platz knapp ist. Rangendingen liegt im Zollernalbkreis, einem der Schwerpunkte der Medizintechnik in Baden-Württemberg. Erbe hat im Augenblick 100 offene Stellen, „selbstverständlich können sich auch Mitarbeiter von Curevac bei uns bewerben“, sagt Geschäftsführer Christian Erbe. „Wir erwarten ein weiteres Wachstum der Gesundheitswirtschaft“, meint Erbe, der auch Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags und der IHK Reutlingen ist. Die Menschen werden älter, andere Länder beginnen, ihr Gesundheitswesen auszubauen. Dazu brauchen sie vieles, was im Südwesten hergestellt wird.
Neues sollte hier produziert werden
Und dieser muss bei Forschung und Entwicklung weiter an der Spitze bleiben: „Wir müssen nicht das letzte Kopfschmerzmittel aus Asien zurückholen. Aber wenn wir etwas Neues entwickeln, etwa ein Medikament für personalisierte, auf den Einzelfall abgestimmte Medizin, dann sollten wir dies auch in Europa und in Baden-Württemberg produzieren“, sagt Professor Ralf Kindervater.