Tim Krawczyk durchforstet täglich Dutzende Biotonnen. Weitere Fotos finden Sie in unserer Bildergalerie. Klicken Sie sich durch. Foto: factum/Simon Granville

Speisereste und Gartenabfälle aus dem Landkreis Ludwigsburg werden in Kompost und Biogas umgewandelt. Doch zu viel falscher Abfall erschwert die Verwertung. Mehrere Scouts wollen das ändern – indem sie den Inhalt der braunen Tonnen durchsuchen.

Kreis Ludwigsburg - Ekel kennt Tim Krawczyk nicht. Zumindest ist er dem 35-Jährigen fremd, wenn er in dem wühlt, was andere rasch loswerden wollen: Als einer von drei Biomüll-Scouts der Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL) durchforstet Tim Krawczyk seit drei Wochen täglich von 6 Uhr in der Früh an vor der Leerung die Biotonnen seiner Mitmenschen. Was er sucht? Abfall, der in dem braunen Behälter nichts verloren hat. „Ich will etwas für die Umwelt tun“, begründet der 35-Jährige seine Motivation. Er ist seit 2012 bei der AVL, war erst Mitarbeiter im Wertstoffhof, ehe er sich als Biomüll-Scout bewarb. Dass er in seinem neuen Job viel an der ansonsten frischen Luft und auf den Beinen ist, findet er außerdem gut. „Und dabei lerne ich gleich noch den Landkreis kennen.“

Zusammen schaffen Tim Krawczyk und seine Kollegen an einem Vormittag gut 240 Tonnen. Das Ziel des auf zwei Jahre angelegten Projekts ist, alle 110.000 Biotonnen im Kreis zwei Mal zu kontrollieren. In denen landeten im vergangenen Jahr 31.515 Tonnen Biomüll, davon 4645 aus dem Strohgäu. „Man begegnet vielen Gerüchen. Ich rieche das aber schon gar nicht mehr“, sagt Krawczyk und lacht, während er an jenem Vormittag in Möglingen den nächsten Deckel hebt. Der Geruch stört ihn ebenso wenig wie die Maden und Ameisen am Rand der Tonne oder die unzähligen Fliegen, die einem beim Öffnen entgegenschwirren. Die Tiere, sagt Tim Krawczyk, seien ein Zeichen dafür, dass in der Tonne das drin ist, was rein soll.

Lesen Sie hier: So wird aus Abfall Kompost

Wie gut oder schlecht die Bürger ihre Biotonnen befüllt haben, erkennen sie an der Farbe der Banderole. Grün bedeutet: Alles wunderbar. Die gelbe Banderole, die Tim Krawczyk ebenso griffbereit hat wie die grüne, weist darauf hin, dass falsche Abfälle drin waren. In vertretbarem Maß, weshalb die Tonne trotzdem geleert wird. In solchen Fällen unterstellt Tim Krawczyk dem Entsorger keine böse Absicht. Die vermutet der 35-Jährige schon eher, wenn er eine rote Banderole aus dem Rucksack zieht. Bei schweren Verstößen bleibt die Tonne voll stehen, ebenso bei Wiederholungstätern, die für eine Sonderleerung um die 30 Euro zahlen müssen. Einmal habe er eine Biotonne voller Restmüll durchforstet, berichtet der Scout. Hinein dürfen jedoch nur Speisereste, verdorbene Lebensmittel, Kaffeefilter, Eier- und Nussschalen, Gartenabfälle und Hygienepapiere. Alles andere ist tabu.

Guter Biomüll wird verbrannt

Am häufigsten entdeckt Tim Krawczyk Plastiktüten. Die bereiten später Probleme, ebenso die kompostierbaren Plastiktüten und generell die kompostierbaren Kunststoffe. „Sie zersetzen sich in der Verwertungsanlage gar nicht oder zu langsam“, sagt der 35-Jährige. Deshalb müssen die Tüten – wie sämtliche sogenannte Störstoffe – aussortiert werden – „um die Grenzwerte einzuhalten und hochwertigen Kompost zu erzeugen“, so die AVL. Das ist aufwendig und teuer. Allerdings bleiben dennoch immer wieder Mikroplastik, Glasscherben oder Aluminiumteilchen im fertigen Kompost zurück und landen auf dem Acker. Umgekehrt wird beim Aussieben auch viel verwertbarer Biomüll aussortiert. Er wird verbrannt – anstatt in Kompost für die Landwirtschaft und Biogas umgewandelt zu werden.

Im Landkreis landet eine Menge falscher Abfall in der Biotonne. Die Störstoffe machen rund drei Prozent aus. Das klinge erst mal wenig, sagt die Projektleiterin Katja Heine. „Im Schnitt sind das im Jahr rund 900 Tonnen oder 45.000 große Biotonnen.“ Und das sei zu viel, weshalb die AVL das Scout-Projekt auf den Weg brachte. „Wir wollen den Leuten das Ausmaß zeigen, sie informieren und sensibilisieren“, sagt Katja Heine: Wer eine gelbe oder rote Banderole erhält, bekommt von der AVL zusätzlich einen Brief mit vielen Informationen. Wie es nach dem Projekt weitergeht, ist unklar. „Wir sind für alles offen“, sagt Katja Heine. So oder so: Künftig soll der Anteil der Störstoffe noch ein Prozent betragen. Vergleichbare Aktionen gibt es laut der AVL auch anderswo, etwa im Hohenlohekreis oder in München.

Bisher meist positive Reaktionen

Die Scouts stellen fest, dass bei vielen Menschen der gute Wille zur vernünftigen Mülltrennung vorhanden ist. Wer Abfall in den biologisch abbaubaren Plastiktüten verpackt in die Biotonne schmeißt, tue dies oft aus Unwissenheit oder Nachlässigkeit. Manche fürchten, der Müll weiche durch und verunreinige die Biotonne, die 1996 eingeführt wurde. Gleichwohl: „Einige Leute wollen einfach nur Geld sparen. Die Biotonne kostet weniger als zwei Euro, Restmüll mehr als fünf Euro“, sagt Tim Krawczyk. Er dokumentiert jedes Ergebnis, am Nachmittag wertet er es aus.

Regelmäßig sprechen Anwohner den 35-Jährigen an, wenn er in seiner gelben Weste im Biomüll stöbert. Einige bitten um Tipps, etwa gegen Maden. Die Leute reagierten bisher meist positiv, sagt Tim Krawczyk, der gern vor Ort berät.

Kompost und Biogas, das später ins Gasleitungsnetz eingespeist wird, entstehen in der Vergärungsanlage Westheim im Landkreis Germersheim aus dem Ludwigsburger Biomüll. Laut der AVL kann die erzeugte Energie jedes Jahr rund 1,9 Millionen Liter Heizöl ersetzen. Das entspreche der energetischen Leistung von vier mittelgroßen Windkraftanlagen.

Gegen Maden hilft übrigens Kalk.

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