Der Umsatz mit Biolebensmitteln steuert dieses Jahr auf neue Rekorde zu, der Südwesten ist vorne dabei. Auch der Bauernverband will die Chancen beim Ökoanbau nutzen. Mit dem Verband Bioland wird aber über die Förderung für die Landwirtschaft gestritten.
Stuttgart - Die Biolandwirtschaft steuert auf neue Rekorde zu – nicht nur, aber auch wegen der Corona-Krise. „Bio erlebt durch Corona einen zusätzlichen Boom“, berichtet Gerald Wehde. „Die Leute sind zu Hause, sie kochen selbst und machen sich mehr Gedanken über ihre Lebensmittel. Corona ist ein Beschleuniger für die Nachfrage nach Bioangeboten“, sagt der Geschäftsleiter Agrarpolitik und Kommunikation des Ökoanbauverbandes Bioland anlässlich der Grünen Woche in Berlin.
Höhere Bionachfrage kein Strohfeuer
„Auch früher gab es nach Skandalen manchmal eine höhere Nachfrage nach Ökoangeboten. Das war aber oft ein Strohfeuer, die Leute fielen dann schnell wieder in ihre alten Gewohnheiten zurück. Das ist jetzt anders“, sagt Wehde. Auch wenn die Biobauern dieses Jahr ihre Produkte auf der nur virtuell stattfindenden Grünen Woche in Berlin genauso wenig präsentieren können wie ihre konventionell wirtschaftenden Kollegen – die Corona-Krise, die eine Publikumsmesse verhindert, bewirkt eben auch, dass sich mehr Verbraucher für Biolebensmittel interessieren.
Umsatz bei Biolebensmitteln knüpft an gute Jahre an
Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) will zwar noch keine präzise Prognose für die Entwicklung im laufenden Jahr abgeben, bleibt aber zuversichtlich, dass sich der Siegeszug der Bioanbieter fortsetzt: „Wir erwarten nicht, dass sich an der Entwicklung etwas ändert“, sagt eine Sprecherin zu dem steten Wachstum der vergangenen Jahre. Und wie Wehde ist auch die BÖLW-Sprecherin der Meinung, Corona könne auch wegen des häuslichen Kochens einen zusätzlichen Schub geben. In der Krise machten sich die Menschen aber nicht nur Gedanken über ihr Wirken am häuslichen Herd: „Wir sehen, dass sich auch mehr Menschen für den Boden, das Wasser und die Tierhaltung interessieren“, heißt es beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft.
Nachhaltigkeit wird wichtiger
Ähnliches kann auch Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg berichten: „Aus Anfragen wissen wir, dass Bio für Verbraucher ein nachhaltiges Thema ist“, erklärt die Referentin für Lebensmittel und Ernährung. „Der Trend zu Bio hat in den letzten Jahren stets zugenommen, und man kann davon ausgehen, dass es so bleibt.“
Lebensmitteleinzelhandel entscheidend
Schon 2019 – neuere Zahlen soll es erst Mitte Februar bei der Nürnberger Messe Biofach geben – gaben die Deutschen fast zwölf Milliarden Euro für Biolebensmittel und Getränke aus – ein Plus um zehn Prozent. Ganz entscheidend war dabei der Lebensmitteleinzelhandel. Dieser steigerte seinen Umsatz mit Biolebensmitteln und Getränken um elf Prozent auf 7,13 Milliarden Euro und trug damit 60 Prozent zum Bioumsatz bei. Auf immerhin 3,18 Milliarden kam der Naturkosthandel. Etwa halb so viel erreichten andere Geschäfte wie etwa Reformhäuser, Bäckereien, Metzgereien, Hofläden, Lieferdienste und Wochenmärkte. Natürlich gibt es auch noch die kleinen Biopioniere der ersten Stunde – doch damit Bio auf breiter Front den Durchbruch schafft, ist der Lebensmitteleinzelhandel offenbar unverzichtbar.
Bioanteil erst bei fünf Prozent
Vor fünf Jahren noch lag der Umsatz mit Biolebensmitteln und Getränken erst bei 7,76 Milliarden Euro – im letzten halben Jahrzehnt wurde also ein Plus um 53 Prozent erzielt. Doch trotz des stattlichen Wachstums ist Bio ist mit einem Anteil von rund fünf Prozent am Umsatz beim Lebensmitteleinzelhandel – ohne Markthallen und Wochenmärkte – noch immer eine ausbaufähige Nische.
Ähnlich wie der Umsatz hat sich auch die Fläche für den Ökoanbau in Deutschland entwickelt. Aus einer Million Hektar sind in den vergangenen fünf Jahren 1,6 Millionen Hektar geworden. Ende 2019 waren 34 110 Biobauern am Werk, vor fünf Jahren wirkten 23 400 Biobauern zwischen Kiel und Konstanz. In Deutschland liegt der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche inzwischen bei 9,1 Prozent.
Südwesten bei Bioanbaufläche mit vorne
Baden-Württemberg liegt dabei mit einem Anteil von 14 Prozent nach dem Saarland und knapp hinter Hessen bundesweit auf dem 3. Platz. Joachim Rukwied, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, hatte jüngst gegenüber unserer Zeitung erklärt, die Landwirte sollten auch die Chancen des Bioanbaus nutzen. Wegen der höheren Förderung gegenüber konventionellen Betrieben sei der Ökobereich aber „sehr abhängig von politischen Entscheidungen“, sagte eine Sprecherin des Bauernverbandes in Baden-Württemberg. Zudem entstünden bei einer Umstellung etwa der Tierhaltung hohe Investitionskosten. Auch in den von den Ökoanbauverbänden schon seit Jahren kritisierten Direktzahlungen an die Betriebe steckten auch Gelder für deutlich höhere Standards als dies in Staaten außerhalb der Europäischen Union der Fall sei. „Die Direktzahlungen sind an strenge Umwelt- und Tierschutzauflagen gekoppelt“, sagte die Sprecherin.
Bioland will mehr Geld für Umweltschutz
Bioland aber geht dies längst nicht weit genug. „Der Bauernverband sagt zwar Ja zu Bio, aber er zieht nicht mit, wenn es um eine attraktive Förderung für Biobetriebe geht“, meint Bioland-Geschäftsleiter Wehde. „Wir wollen das Geld für unsere Leistungen für die Umwelt und den Tierschutz, der Bauernverband dagegen will das meiste Geld für eine pauschale Direktförderung ohne Gegenleistung.“
Nur für Bio zahlen Verbraucher höhere Preise
Wehde jedenfalls ist überzeugt von einem klaren Vorteil, von dem auch die Landwirte profitieren könnten: „Nur Bio schafft es, dass Verbraucher einen höheren Preis für Lebensmittel akzeptieren.“ Dass die Konsumenten ein ganz entscheidender Faktor für die weitere Entwicklung der Biolandwirtschaft sind, ist unumstritten: „Letzten Endes entscheidet der Verbraucher, wie viel Bioprodukte abgesetzt werden können“, sagt die Sprecherin des Landesbauernverbandes.