Mit einem neuen Beobachtungssystem können Forscher das Sozialleben von Tieren entschlüsseln. Was verrät es über Fledermäuse?
Stuttgart - Nachts geht es richtig zur Sache. Das Netzwerk vibriert. Da trifft man sich und kommuniziert, lehrt und lernt, pflegt Freundschaften und verfolgt gemeinsame Projekte. Wer da was mit wem veranstaltet, ist allerdings schwer zu durchschauen. Vor allem, wenn man noch nicht genau weiß, nach welchen Regeln das komplizierte Gewirr von Beziehungen funktioniert. Fledermäuse machen es Verhaltensforschern nicht gerade leicht, ihr Sozialleben zu verstehen. Denn sie sind klein, schnell, nachtaktiv und entsprechend schwer zu beobachten. Nun haben Biologen gemeinsam mit Ingenieuren und Informatikern ein Beobachtungssystem entwickelt, das ganz neue Einblicke in den Alltag solcher Tiere liefert.
BATS – das Broadly Applicable Tracking System – nennt sich der technische Wildtierspion, der mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft entstand. Seit 2013 hat ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern verschiedener Universitäten an diesem System gefeilt. Für die biologische Seite waren Simon Ripperger und Frieder Mayer vom Museum für Naturkunde in Berlin zuständig.
„Die klassische Methode besteht darin, die Tiere mit einem Sender auszurüsten und ihnen dann mit einer Peilantenne hinterherzurennen“, sagt Simon Ripperger. Bei so flinken, nachtaktiven Flugkünstlern kann das zu einer echten Herausforderung werden. Zwar gibt es inzwischen auch Sender, die sich per Satellit orten lassen, allerdings werden meist nur einzelne Tiere mit solchen Sendern versehen, die dann stellvertretend etwas über ihre Artgenossen verraten sollen, zum Beispiel wo deren Winterquartiere liegen und auf welchen Routen sie dorthin reisen.
Der Mini-Computer liefert Unmengen von Daten
Wenn man aber das Sozialleben beobachten will, wird die Sache komplizierter. „Wir wollen zeitweise 50 Fledermäuse gleichzeitig im Auge behalten“, erklärt Simon Ripperger das Problem. Wer hält sich zu welchem Zeitpunkt wo auf? Was macht er dort? Mit wem hat er Kontakt? Und warum? Das alles zu analysieren war bisher so gut wie unmöglich. Das neue System kann solche Fragen endlich beantworten.
Jeder der geflügelten Kandidaten bekommt dazu einen Minicomputer zwischen die Schulterblätter geklebt – an eine Stelle also, die er mit der Schnauze nicht erreichen kann. Denn eine Begegnung mit knabbernden Fledermauszähnen tut der Technik nicht eben gut. Dieser Minicomputer hat eine individuelle Kennung, so dass die Forscher jederzeit wissen, zu welchem Tier er gehört. Erfasst werden auch die Kontakte zwischen den einzelnen Fledermäusen sowie Flughöhe oder Herzschlag. Alle diese Informationen speichert der Computer ab und schickt sie am Ende der Nacht an eine Downloadstation, die im Tagesquartier der Fledermäuse angebracht ist. Einmal am Tag kommen die Forscher vorbei, um die Ausbeute auf ihren Computer zu übertragen.
Auf diese Weise kommen gewaltige Mengen von Daten zusammen. Um daraus zum Beispiel ein Bild von den sozialen Netzwerken der Fledermäuse zusammenzusetzen, sollte der Minicomputer auf dem Fledermausrücken schon alle zehn Sekunden seine Informationen erfassen. Für andere Fragestellungen ist auch eine noch engmaschigere Observierung möglich. „Besonders für die Beobachtung von kleinen Tieren ist diese Technik revolutionär“, findet Simon Ripperger. Tatsächlich haben er und seine Kollegen auf diese Weise schon spannende neue Erkenntnisse gewonnen. Zum Beispiel darüber, wie die Ausbildung von Großen Abendseglern in Berliner Stadtparks funktioniert.
Fledermäuse pflegen ähnliche Beziehungen wie Menschen
Diese Fledermäuse verbringen den Tag in Baumlöchern oder Fledermauskästen. Allerdings nicht in irgendwelchen. Sie suchen sich immer gezielt das Quartier aus, das für das jeweilige Wetter oder die Jahreszeit am besten geeignet ist. Und auch um die Parasiten in Schach zu halten, wechseln sie immer mal wieder zwischen verschiedenen Refugien ab. „Jedes erwachsene Tier kennt deshalb eine ganze Palette an Unterkünften“, so Ripperger. Und dieses Wissen geben die Abendsegler offenbar an die nächste Generation weiter. „Wenn die Jungen im Alter von etwa vier Wochen fliegen können, leiten ihre Mütter sie gezielt zu den verschiedenen Quartieren hin“, resümiert der Forscher die Beobachtungsergebnisse. Wie man zum erfolgreichen Insektenjäger wird, muss der Nachwuchs dagegen offenbar allein austüfteln.
Es sind allerdings nicht nur Familienmitglieder, die im Leben einer Fledermaus eine wichtige Rolle spielen können. Die amerikanischen Vampirfledermäuse zum Beispiel sind nicht nur dafür bekannt, dass sie vom Blut anderer Tiere leben. Die exzentrischen Flattertiere fallen auch durch eine besonders ausgeprägte soziale Ader auf. Jeder Vampir hat unter seinen Artgenossen bestimmte Favoriten, mit denen er das Futter teilt und denen er das Fell pflegt. „Wir wollten wissen, ob diese sozialen Bindungen in freier Wildbahn weiter gepflegt werden“, so Ripperger. Also haben er und seine Kollegen in Panama ein Experiment gestartet. Vampire, die zwei Jahre lang in menschlicher Obhut gelebt hatten, wurden mit den Computern auf dem Rücken in ihrer alten Kolonie wieder freigelassen. Doch obwohl sie dort ihre Verwandten und alten Kumpel wiedertrafen, behielten sie die in Gefangenschaft geknüpften Bindungen bei. „Diese Tiere leben also in einem sehr stabilen sozialen Netzwerk“, erklärt Simon Ripperger. „Ihre Beziehungen kann man durchaus mit menschlichen Freundschaften vergleichen.“
Im nächsten Jahr will das Team nun nicht nur die Fledermäuse mit den Minicomputern ausrüsten, sondern auch Kühe. Auch für andere kleine Tiere wie Vögel, Amphibien und Reptilien sei der Wildtierspion gut geeignet. So soll er auch verraten, wo genau sich Eidechsen an Bahndämmen aufhalten. Das soll die Tiere besser schützen, wenn Gleissanierungen anstehen. Denn die Forscher wollen mit ihrer Arbeit auch zum Schutz von bedrohten Tierarten beitragen.