Ein Leben für die Firma – und dann? Wolfgang Grupp, Deutschlands bekanntester Textilunternehmer, stürzte nach der Firmenübergabe in eine tiefe Krise. Das ist seine Geschichte.
Ein Affe machte ihn berühmt und T-Shirts „Made in Germany“ reich. So könnte man den ehemaligen Trigema-Inhaber Wolfgang Grupp beschreiben, der vielen vor allem durch seine provokanten Aussagen in Talkshows bekannt ist. Doch die Biografie über Deutschlands bekanntesten Textilunternehmer, die am 31. März erscheint, erzählt auch die Geschichte eines Mannes, der lernen musste, dass auch er verletzlich ist.
Autor Volker ter Haseborg, Chefreporter der „Wirtschaftswoche“, hat Grupp über ein Jahr begleitet. In dem Buch, das im Deutschen Wirtschaftsbuch Verlag erscheint, gibt sich Wolfgang Grupp offen wie selten – über seine Zeit als Internatskind, sein Studentenleben, wie er Ehe und Familie plante, das Zerwürfnis mit dem Vater und sein Wirken als Unternehmer. Er spricht auch über Ängste und Depressionen, gewährt Einblick in sein Tagebuch, auch Frau und Kinder und Freunde kommen zu Wort.
Wolfgang Grupp hat nach Suizidversuch mehr als 2000 Briefe bekommen
Sein Suizidversuch im Sommer 2025 hat viele Menschen bewegt. Mehr als 2000 Briefe habe er bekommen, sagt Grupp. Der Mann, der nie zwischen Unternehmer und Privatmann getrennt hat, hatte nach der Übergabe seiner Firma Ende 2023 an seine Kinder Wolfgang junior und Bonita, „das Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden“, wie er sagt. „Dabei können meine Frau und Kinder überhaupt nichts dafür, dass ich Depressionen habe.“
Grupp, der am 4. April 84 Jahre alt wird, ist wieder täglich in der Firma, denn die ist sein Leben. „Manchmal hadert er damit, dass er die Firma übergeben hat“, sagt seine Frau Elisabeth, die weiß, wie schwer ihm die Übergabe fiel. „Eine seiner größten Lebensleistungen war, dass er sich aus dem Geschäft zurückgezogen hat“, sagt sie. Grupps Tochter Bonita sagt, ihr Vater habe manchmal das Gefühl, dass ihn die Leute nicht mehr wertschätzten, seit er die Firma übergeben habe. „Aber das ist überhaupt nicht so.“ Wolfgang Grupp junior äußert sich in dem Buch, dass sein Vater in der Firma aber nach wie vor gebraucht werde. „Wir wollen ihm das Gefühl nicht geben – aber er merkt, dass die Firma auch ohne ihn funktionieren würde.“
Schon als Kind saß Grupp oft bei den Näherinnen auf dem Schoß und die sagten: „Du gibst mal den Juniorchef.“ Das habe er verinnerlicht, sagt Grupp. Es sei für ihn eine Automation gewesen, dass er das, was der Großvater aufgebaut hatte, erhalten wollte.
Der Großvater war Vorbild für Wolfgang Grupp. Das Verhältnis zum Vater, von dem Grupp die hoch verschuldete Firma übernahm, war schwieriger und endete im Machtkampf. „Er oder ich“, hat Grupp nicht nur den Vater, sondern auch die Mitarbeiter wissen lassen. „Ich war schon knallhart damals“, sagt Wolfgang Grupp in der autorisierten Biografie, jetzt, da er nach der Übergabe der Firma selbst erfahren hat, dass das Leben ohne offizielle Funktion im Unternehmen zu Depressionen führen kann.
Wolfgang Grupp führte als Student ein Luxusleben
Rückblick: Seine Internatszeit in St. Blasien beschreibt Grupp als „die schlimmste Zeit“ seines Lebens, die ihn abgehärtet habe und in der er auch Verantwortung und Selbstständigkeit gelernt habe. Und die Studentenzeit? Als BWL-Student in Köln hat Grupp seine Freiheit genossen – in seinen Kalendern gar Buch geführt, mit welchen jungen Damen er verkehrt hat. Mit der 68er-Generation konnte er nichts anfangen, mochte es damals schon klassisch, stilvoll und diszipliniert, wie man ihn heute kennt: perfekt gekleidet, mit Maßanzug, Hemd, Krawatte und Einstecktuch.
Von Köln aus war es nicht weit zu den Kunden des Vaters – damals noch die großen Kaufhäuser wie etwa Kaufhof, Horten, Karstadt oder C&A. Sein Luxus – große Wohnung samt Auto – war also nicht nur zum Spaß. „Wenn der Sohn entsprechend ausgestattet ist, muss die Firma ja top laufen. So hat mein Vater gedacht“, lässt sich Grupp zitieren. Deshalb durfte Wolfgang Grupp auch das Reitpferd Saturn von Burladingen nach Köln mitnehmen, weil ein Vorstand von Kaufhof ebenfalls begeisterter Reiter war und sein Pferd in Köln im gleichen Stall hatte.
Wolfgang Grupp und der Erfolg von Trigema – „Geld verdient wie Heu“
Viel Überraschendes, aber auch Bekanntes kommt im Buch über Wolfgang Grupp zur Sprache, der mehr als fünf Jahrzehnte Trigema führte und in Talkshows über „Versager“ polterte, und anderen vorwarf, nicht verantwortlich zu handeln und keinen Anstand zu haben. Es handelt auch davon, wie Grupp das Geschäft umkrempelte, Trigema zu einer Marke und Deutschlands größtem Hersteller von Sport- und Freizeitbekleidung machte.
Damit er auf Messen in Köln, Düsseldorf oder München Aufmerksamkeit bekam, beauftragte Grupp eine Agentur, einen neuen Stand zu bauen und ließ Models in Trigema-Klamotten zu Discomusik tanzen. „Wenn da ein Messestand ohne Remmidemmi ist, kommt ja keiner“, war Grupp klar. Sein Kalkül ging auf. Für Comicfiguren von Walt Disney erwarb er die Exklusivlizenz für Deutschland, Österreich und die Schweiz, um sie auf seine T-Shirts zu drucken, Mitte der 70er Jahre druckte er auch Fußballer wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Günter Netzer auf seine Shirts. „Ich habe damals Geld verdient wie Heu“, so Grupp.
Auch der Einstieg in den Direktverkauf, die Werbung mit dem Affen vor der Tagesschau und das Festhalten an der Produktion in Deutschland werden thematisiert. Die Produktion müsse ausgelastet sein, ist das Credo des Erfolgsunternehmers, der auch zum Medienliebling wurde. Was nicht verkauft wird, landet im Lager – Grupps Schatzkammer. „Für 80 Millionen kriegen Sie mein Lager nicht“, sagt Grupp.
Familiengründung war für Grupp wie eine Unternehmensgründung
Auch viel Privates geben die Grupps preis. Stichwort Familiengründung: Die ging Grupp an wie eine Firmengründung. Er schuf zunächst die Infrastruktur – ein Heim für seine Frau und Kinder, die es noch nicht gab. Seine Frau Elisabeth lernte er bei der Auerhahnjagd kennen. „So einen Spinner hab’ ich noch nie erlebt“, meinte die zu ihren Eltern nach einem Wochenendtrip mit Grupp. Heute sagt sie: „Liebe auf den ersten Blick war es bestimmt nicht.“ Doch irgendwann habe sie gewusst, dass es zwischen ihnen passe. Die Hochzeitstorte übrigens, war 2,30 Meter hoch und musste mit einem Gabelstapler reingefahren werden.
Auch die Kinder mussten schon früh ihre Rollen in der Medienfamilie Grupp einnehmen. Künftig wollen sie aber nur noch Interviews zu geschäftlichen Dingen geben. „Das Allerletzte, das privat herausgegeben wird, ist dieses Buch“, hat die Diskussion von Elisabeth Grupp mit ihren Kindern ergeben. Die Biografie erzählt nicht nur Wolfgang Grupps Geschichte, sondern ist auch ein Familienporträt.
Sie haben suizidale Gedanken? Hier wird Ihnen geholfen
Wenn Sie selbst unter Depressionen leiden oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge. Auch wenn eine nahestehende Person betroffen ist, zögern Sie nicht, die Telefonseelsorge zu kontaktieren. Telefonnummer: 0800 1110 111
Hilfe für Betroffene und Angehörige
Es ist wichtig, dass Eltern, Verwandte und Freunde besonders aufmerksam sind, wenn bei Kindern oder Jugendlichen Anzeichen von Depressionen oder Suizidgefahr auftreten. Im Jahr 2023 war Suizid die häufigste Todesursache bei jungen Menschen im Alter von 10 bis 25 Jahren.
Auch hier gibt professionelle Hilfe:
www.deutsche-depressionshilfe.de
Info-Telefon Depression für Betroffene und Angehörige: 0800 33 44 5 33
E-Mail-Beratung für Betroffene und Angehörige: bravetogether@deutsche-depressionshilfe.de
Kinder und Jugendtelefon: 116 111 (Montag bis samstags 14 bis 20 Uhr)
Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/
Biografie mit 256 Seiten
Das Buch
„Wolfgang Grupp – die autorisierte Biografie“ erscheint am 31. März 2026 im Deutschen Wirtschaftsbuch Verlag. Seitenzahl der Print-Ausgabe: 256 Seiten. Preis: 30 Euro, ISBN: 978-3690660334
Der Autor
Volker ter Haseborg ist Chefreporter bei der Wirtschaftswoche. Er erzählt die Geschichte von Wolfgang Grupp und hat den Unternehmer für diese Biografie ein Jahr lang intensiv begleitet.