Ein überfüllter Kleidercontainer: Die Deutschen sortieren ihre Klamotten schneller aus als früher. Foto: Lichtgut/Leif-Hendrik Piechowski

Die Deutschen kaufen immer mehr Billigklamotten – und tragen diese immer kürzer. Aufgrund der Herstellung aus Synthetik-Mischfasern sind diese Kleidungsstücke zudem schwer zu recyceln. All das bringt das Altkleidersystem an seine Grenzen.

Berlin - Es gibt einen Berg in Deutschland, der in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist: der Altkleiderberg. Die Verbraucher kaufen immer mehr Klamotten – und tragen diese dafür immer kürzer. Das wirft die Frage auf, was mitden aussortierten Hemden, Hosen und Pullovern passiert. Denn die zunehmende Verwendung von Synthetik-Mischfasern erschwert auch die Wiederverwendung der Stoffe. Die Stuttgarter FDP-Bundestagsabgeordnete Judith Skudelny wirft der Bundesregierung vor, das Problem verschlafen zu haben. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) müsse schnell Ideen vorlegen, um die Kreislaufwirtschaft von Alttextilien zu verbessern, sagte Skudelny unserer Zeitung.

Die Deutschen shoppen nach Erkenntnissen der Umweltschutzorganisation Greenpeace im Schnitt 60 Kleidungsstücke im Jahr, nutzen diese allerdings nur noch halb so lang wie noch vor 15 Jahren. Viele Verbraucher bringen ihre Klamotten dann zu Altkleidersammlungen – wohl in der Hoffnung, dass die abgelegten Stücke dann noch sinnvoll verwendet werden. Möglich ist neben einer Weiternutzung auch die Verarbeitung beispielsweise zu Dämmstoffen. Kenntnisse darüber, wie viele Tonnen Alttextilien jährlich in Deutschland zusammenkommen und wie sie verwertet werden, hat die Bundesregierung nicht, wie das Umweltministerium auf eine Anfrage Skudelnys mitteilte.

Immer mehr minderwertige Textilien werden auf den Markt geworfen

Der Verein Fairwertung bestätigt jedoch, dass sich die Container deutlich schneller füllen als früher. „Wir stellen fest, dass bundesweit immer mehr Textilien in Altkleidersammlungen gegeben werden“, sagte der Sprecher des Netzwerks gemeinnütziger Altkleidersammler, Thomas Ahlmann, unserer Zeitung. Ein Hauptgrund dafür sei das Geschäftsmodell Fast Fashion: Immer mehr minderwertige Textilien würden auf den Markt geworfen und verkauft werden. „Dadurch sinkt die Nutzungsdauer von Textilien, so dass Kleidungsstücke immer schneller wieder aussortiert werden und in Kleidersammlungen landen.“

Viele der aussortierten Kleidungsstücke gelangen dann ins Ausland: Dem Umweltministerium zufolge ist die Menge der exportierten Alttextilien von gut 468 000 Tonnen im Jahr 2010 auf rund 539 000 im Jahr 2017 angestiegen. Dies sei an sich nicht problematisch, sagte Ahlmann. „Entscheidend ist eine hochwertige stoffliche Verwertung der gesammelten Textilien.“ Und dabei gibt es zunehmend Probleme.

„Das System der kostenlosen Altkleidersammlung gerät an seine Grenzen“

Ursache ist auch hier die Liebe der Deutschen zu Billigklamotten. Denn immer weniger abgegebene Bekleidung sei aufgrund ihrer schlechten Qualität noch für den Second-Hand-Markt geeignet, berichtete Ahlmann. Das betreffe inzwischen etwa 45 Prozent aus jeder Sammlung, der Trend zum Mischgewebe erschwere das Recycling minderwertiger Textilien zusätzlich. Die Sammler und Sortierer erhalten so immer mehr Altkleider, mit denen sie nichts anfangen können. „Hält der Trend zu minderwertigen Textilien an, gerät irgendwann das System der kostenlosen Altkleidersammlung an seine Grenzen, weil es schlicht nicht mehr kostendeckend ist“, gibt Ahlmann zu bedenken.

Skudelny fordert von der Bundesregierung, sich des Problems anzunehmen. Das Umweltministerium verweist in seinem Schreiben an die FDP-Politikerin auf ein Forschungsprojekt, das Vorschläge für einen umwelt- und ressourcenschonenderen Umgang mit Altkleidern erarbeiten soll. Die Ergebnisse sollen allerdings erst 2021 vorliegen. „Damit verschiebt die Bundesregierung das Problem in die kommende Legislaturperiode“, kritisierte Skudelny.

„Notwendig sind die Förderung innovativer Technologien in der Recyclingwirtschaft, ein transparenteres Sammelsystem und ein Werben für nachhaltigeren Konsum beim Kunden, um die Menge, die nicht dem Recyclingkreislauf hinzugeführt wird, zu verringern“, sagt sie Die Textilbranche müsse bereits im Produktdesign die Recyclingfähigkeit und die Sortenreinheit von Textilien mitdenken, forderte Ahlmann. Er sieht neben den Konsumenten aber auch die Politik gefordert. „Langfristig müssen wir zu einer echten Kreislaufwirtschaft kommen, die es ermöglicht, aus einem alten Shirt ein neues zu machen“, sagte der Fairwertung-Sprecher. „Dafür bedarf es aber noch einer Menge an Forschung und Entwicklung.“

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