Bill Murray in „St. Vincent“ Foto: Sony

Neu in den Kinos: Bill Murray glänzt in dem tragikomischen Spielfilm „St. Vincent“ als misanthropischer Vietnamveteran, den ein eigenwilliger Nachbarsjunge herausfordert. Regie-Debütant Teodore Melfi musst dabei einiges aufbieten, um den Altstar vor seine Kameras zu bekommen.

Er hat den Ruf, wählerisch zu sein, er verzichtet auf Agenten und Manager, und wenn er gerade keine Lust hat, ist er einfach nicht zu erreichen: Bill Murray gehört zu den Stars, die sich das nicht nur leisten können, sondern es auch tun. Zu seinen Welterfolgen zählen Filme wie „Ghostbusters“ (1984), „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (1993) und „Lost in Translation“ (2003); zuletzt war er vor allem in den Filmen von Wes Anderson präsent, zuletzt in „Grand Budapest Hotel“ in einer absurden kleinen Rolle.

Nun ist es dem Regie-Debütanten Teodore Melfi aus Brooklyn gelungen, den 64-jährigen Murray mit einem selbst verfassten Drehbuch dazu zu bewegen, sich noch einmal einer großen Hauptrolle zu stellen – und dabei so richtig auf die Pauke zu hauen.

Murray spielt den Vietnamveteranen Vincent McKenna, der in Brooklyn in den Tag hineinlebt, im abgehalfterten Cabrio durch die Gegend fährt, permanent trinkt und raucht und damit vor allem eines sagen will: Ihr könnt mich alle mal. Dummerweise ist sein Leben im Begriff auseinanderzufallen. Die Bank eröffnet ihm, dass sein Geld alle ist, Gläubiger sind ihm auf den Fersen, bei Pferdewetten hat er auch kein Glück. Und dann sitzt eines Tages auch noch dieser eigenwillige Nachbarsjunge vor seiner Tür, der mit seiner alleinerziehenden Mutter nebenan eingezogen ist. Doch dem kleinen Kerl gelingt es binnen kurzer Zeit, Vincent herauszufordern – und auf einmal liegt eine wunderbare Freundschaft in der Luft.

Solche Geschichten können leicht zu ­Abziehbildern werden, Melfi aber macht viel richtig: Schmuddelkleidung, Auto, Bar, Bruchbude, der ganze Kiez – alles wirkt echt. Vor allem aber hilft ihm Bill Murray, der schon öfter faszinierende Ekelpakete gespielt hat, den zynischen Journalisten in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ etwa oder den reichen Geizhals in der Charles-Dickens-Verfilmung „Die Geister, die ich rief“ (1988).

Nun ist er mit Leib und Seele ganz Vincent: Grandios, wie er seinen Barkeeper anraunzt, wie er den Latino-Umzüglern der Nachbarin Schäden an Auto und Gartenzaun anhängt, die er im Suff selbst verursacht hat, wie er dem schmächtigen Zwölfjährigen beibringt, sich gegenüber Drangsalierern in der Schule Respekt zu verschaffen, wie er ihn mitschleppt zum Saufen und ­Zocken. Schleichend freilich stellt sich ­heraus, dass es tief drinnen einen ganz anderen Vincent gibt, den kaum jemand kennt.

Newcomer Jaeden Lieberher macht den nachdenklichen Oliver zum liebenswerten Sonderling, Melissa McCarthy („Brautalarm“) verströmt Wärme als sich abstrampelnde Mutter, Naomi Watts („King Kong“) brilliert als russische Hure mit ganz eigenen Problemen. Eine kleine, seltsame Familie von Außenseitern wird daraus, die den ­Zuschauern unweigerlich ans Herz wächst.

Einige starke Momente hat der Film ­immer dann, wenn Bill Murray einfach nur steht, sitzt oder fährt, rauchend und trinkend zu einem ausgesuchten Soundtrack aus Songs von damals und heute, von ­Jefferson Airplane und Jeff Tweedy, Bob Dylan und The National. Die ganze komische Tragik menschlichen Daseins schwingt mit, während Murrays knautschige Miene zu sagen scheint: Jetzt erst recht.(In Stuttgart im EM)

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