Die Bildungsforscherin Petra Stanat (zweite von links) präsentiert die Studie mit Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe, Stuttgarts Schulministerin Susanne Eisenmann und ihrem Kollegen Ralf Lorz aus Hessen. Foto: dpa

Die Grundschulen bekommen beim jüngsten Bildungstrend in ganz Deutschland keine guten Noten. Baden-Württemberg hat sich deutlich verschlechtert und liegt jetzt im Mittelfeld. Die ganze Republik leidet an Rechtschreibschwäche – aber nicht nur.

Berlin - Die Grundschulen in Deutschland sind in den letzten fünf Jahren nicht besser, sondern schlechter geworden. Zu diesem ­Ergebnis kommt der jüngste Bildungstrend, den das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Auftrag der Kultusministerkonferenz erstellt hat. Untersucht wurde das Leistungsniveau von Viertklässlern im Lesen, Zuhören, beim Rechtschreiben und in Mathematik. Außer beim Lesen gab es in allen untersuchten Disziplinen eine Verschlechterung der Leistungen. Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), die derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz ist, zeigte sich „erschüttert“. Die Studie „zeigt einen bundesweiten Handlungsbedarf bei der Förderung in den Kernfächern Deutsch und Mathematik“, sagte sie.

Großer Strukturwandel

Allerdings muss man wissen, dass die Grundschulen seit der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2011 große strukturelle Veränderungen verkraften mussten. Petra Stanat, die Leiterin der IQB-Studie, nennt zwei wesentliche Punkte: Erstens wurde zwischen 2011 und 2016 die Inklusion von Behinderten in den Regelschulen umgesetzt. Zweitens ist der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund deutschlandweit um 8,9 Prozent gewachsen. Der Anteil der Viertklässler mit Migrationshintergrund liegt bei einem Drittel – in einzelnen Ländern und Stadtstaaten ist er erheblich höher.

Wie die mit der Flüchtlingskrise ab 2015 zugewanderten Schüler sich in der vierten Klasse schlagen, hat die IQB-Studie nicht berücksichtigt: Getestet wurden 2016 lediglich Schüler, die mindestens schon ein Jahr in Deutschland in die Schule gingen. Wie die Flüchtlingskrise sich auf die Schulleistungen auswirkt, wird erst in den Folgeuntersuchungen deutlich werden. Klar ist aber schon jetzt, dass die Schülerschaft in den vergangenen fünf Jahren deutlich heterogener geworden ist und dass das Leistungsspektrum in den Klassen noch weiter gespreizt ist als zuvor.

Der Baden-Württemberg-Befund

Für die Schulen im Südwesten, die viele Jahre Spitzenplätze bei den Pisa-Studien belegten, setzt sich die Serie von zuletzt mittelmäßigen Leistungen bei der jüngsten IQB-Erhebung fort. Egal ob beim Lesen, beim Zuhören, in der Rechtschreibung oder in Mathematik: Die Viertklässler im Land schneiden im Bundesvergleich durchschnittlich ab. 63 Prozent der Schüler erreicht mindestens ein mittleres Leseniveau (Regelstandard). Bundesweit sind es knapp 66 Prozent. Gut 13 Prozent (gegenüber 12,5 Prozent) bleiben unter den von der Kultusministerkonferenz definierten Mindestanforderungen beim Lesen. Beim Zuhören erreichen im Land 67,1 Prozent (Bundesdurchschnitt: 68,4) den Regelstandard, 12 Prozent (Bund: 10,8) verfehlen das Mindestziel. In Mathematik erfüllen 62,7 Prozent der Südwest-Viertklässler die Regelanforderungen oder mehr (Bund: 62,2). Fast jeder sechste Schüler erreicht den Mindeststandard nicht. Genauso ist es bei der Rechtschreibung, bei der die Viertklässler durchschnittlich waren. Sorgen muss der Landespolitik bereiten, dass die Schüler in fast allen Disziplinen deutlich abgerutscht sind und das vorige Leistungsniveau nicht halten konnten.

Einen Sonderfaktor gibt es im Südwesten: 44 Prozent der Viertklässler haben Migrationshintergrund. Das ist der höchste Anteil in einem deutschen Flächenland. Nur in Hamburg und Bremen besuchen noch mehr Kinder von Zuwanderern die vierte Klasse.

Der Deutschlandtrend

Bein Lesen haben die Viertklässler ihr Niveau bundesweit behauptet, beim Zuhören und bei der Rechtschreibung dagegen gibt es ebenso wie in Mathematik einen negativen Trend. Der Anteil der Kinder, die den Regelstandard beim Zuhören erreichen oder übertreffen, ist von 74 auf 68 Prozent gesunken, in Mathematik erreichen noch 62 (nach 68) Prozent dieses Niveau. Dass es den Schulen trotz Inklusion und steigendem Anteil von Migranten gelungen ist, die Leistungen beim Lesen stabil zu halten, wertet die Studienleiterin Petra Stanat als Erfolg, auch das Ergebnis in Mathematik könne sich sehen lassen. „Bei Orthografie sieht das anders aus. Da muss etwas passieren.“ Tatsächlich liegt das Rechtschreibniveau bundesweit und in allen einzelnen Ländern mindestens zehn Prozent unter den Leis­tungen beim Lesen, Zuhören oder in ­Mathe. Nur gut jeder zweite Schüler (53 Prozent) erreicht beim Rechtschreiben den Regelstandard. Mehr als jeder fünfte (22,1 Prozent) verfehlt bundesweit die Mindestanforderungen. Nur Bayern und Schleswig-Holstein mit „nur“ 12,5 beziehungsweise 16,6 Prozent rechtschreibschwachen Schülern sind etwas besser. In Bremen verfehlen 40 Prozent, in Berlin, 33,6 Prozent und in Niedersachsen und Hessen jeweils mehr als 27 Prozent den Mindeststandard.

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