Baden-Württembergs Schulen erhalten immer schlechtere Noten. Foto: dpa

Vom Musterschüler zum Problemfall: Baden-Württembergs Schulen erhalten immer schlechtere Noten, zuletzt bei der IQB-Bildungsstudie. Ministerin Eisenmann setzt bei den Lehrern an. Das Motto „Viel hilft viel“ führe nicht weiter.

Stuttgart - Nach dem desaströsen Abschneiden Baden-Württembergs bei der jüngsten Bildungsstudie will Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) wieder die Lehrer und deren Qualifizierung in den Mittelpunkt stellen. „Wir haben nicht zu wenig Lehrer. Die Frage ist, sind sie an der richtigen Stelle? Sind sie richtig ausgebildet? Sind sie richtig fortgebildet?“, sagte sie am Mittwoch im Landtag. Dazu erwarte sie auch Aussagen des Landesrechnungshofes, der den effizienten Einsatz von Lehrern an den Südwest-Schulen überprüft.

Überdies will sie die Grundschulempfehlung neu fassen und die Beratung der Familien beim Übergang in die weiterführende Schule verstärken. Als weitere Stellschraube nannte sie das Schreiben nach Gehör, das an den Grundschulen im Land keine Zukunft mehr habe. Sie nahm auch die Eltern in die Pflicht: Sie müssten zu Hause die Bedeutung von Schule und die Wertschätzung gegenüber Lehrern vermitteln. „Auch da gibt es durchaus noch Nachholbedarf.“

Vom Musterschüler zum Problemfall

Laut der Studie des Instituts für Qualität im Bildungswesen (IQB) sackt der einstige Primus Baden-Württemberg im Ländervergleich auf hintere Ränge ab: Von Platz 2 im Fach Deutsch beim Zuhören rutschten die Neuntklässler im Land auf Platz 14, beim Lesen von Platz 3 auf Platz 13 und bei der Orthografie vom zweiten auf den zehnten Rang.

Wichtig sei, keine neuen Strukturdebatten anzuzetteln, so Eisenmann, und Ruhe in die Schulen zu bringen. Sie wolle mit Experten, Schulpraktikern, Eltern und Verbänden den besten Weg erörtern, das Bildungssystem wieder zum Erfolg zu führen. Eine von den Grünen angeregte Enquetekommission zum Thema Qualitätsentwicklung in der Bildung befürwortete sie allerdings nicht. Aus der FDP und der SPD kamen Angebote einer engen Zusammenarbeit mit dem Ziel eines längerfristigen Schulfriedens beziehungsweise einer Enquete.

In der Debatte spielte die Frage nach der Verantwortung für den Absturz Baden-Württembergs im bundesweiten Bildungsvergleich eine große Rolle. Die grün-rote Vorgängerregierung habe die Schulen unter Druck gesetzt und mit den Folgen ihrer Reformen allein gelassen, sagte CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart. Der „Sündenfall“ habe 2011 mit der Regierungsübernahme durch Grün-Rot begonnen. Diese Koalition habe eine neue Lernkultur eingeführt ohne Noten, Leistungserwartung und pädagogische Verbindlichkeit. Das Motto habe gelautet: „Jeder macht, was er will, aber keiner muss mehr können, was er eigentlich sollte.“ Der unter Grün-Rot zum Lernbegleiter degradierte Lehrer müsse wieder seine Fachkompetenz zur Geltung bringen dürfen.

Streit aus ideologischen Gründen

Der SPD-Bildungsexperte Stefan Flust-Blei wies die Vorwürfe zurück. Er erinnerte daran, dass Hintergrund der Resultate der IQB-Studie der von der damaligen Kultusministerin Annette Schavan (CDU) verantwortete Bildungsplan aus dem Jahr 2004 sei. „Interessanterweise oder zufälligerweise hat nämlich die IQB-Studie 2015 damit genau den letzten Jahrgang des alten, dreigliedrigen Schulsystems inklusive verbindlicher Grundschulempfehlung abgetestet - aus schwarz-gelber Regierungszeit.“ Die von Grün-Rot eingeführten und von der CDU und FDP bekämpften Gemeinschaftsschulen seien gar nicht getestet worden. Auch der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung seit 2012 habe das Ergebnis nicht beeinflusst.

Der Bildungsexperte der FDP, Timm Kern, verwies auf die Erfolge der schwarz-gelben Regierungszeit wie niedrigste Sitzenbleiberquote, Schulabbrecherquote und Jugendarbeitslosenquote. Statt das vielgliedrige erfolgreiche Bildungssystem zu erhalten, habe Grün-Rot aus ideologischen Gründen die Gemeinschaftsschule als „eine Schule für alle“ angestrebt.

Aus Sicht von AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen stand auf der Agenda: „Ideologie statt Verstand, Gemeinschaftsschule statt Gymnasium, Einheitsbrei statt Dreigliedrigkeit und Kuschelpädagogik statt Fachwissen.“ So habe Grün-Rot einem funktionierenden Bildungssystem ohne Not das Fundament entzogen.

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