Bei der effizienten Förderung von Grundschülern im Lesen, Schreiben und Rechnen, steckt Baden-Württemberg noch in den Kinderschuhen. Was jetzt passieren muss
Zweieinhalb Stunden hat die Landesregierung am Montagabend mit den Bildungsforschern Petra Stanat und Michael Becker-Mrotzek darüber beraten, warum die Grundschulen im Land beim jüngsten Leistungstest so schlecht abgeschnitten haben und wie man am besten für Abhilfe sorgen kann. Am Tag danach zieht Ministerpräsident Winfried Kretschmann gemeinsam mit Kultusministerin Theresa Schopper (beide Grüne) in der Landespressekonferenz Bilanz. Natürlich habe am Ende des Abends nicht „die Erlösung von allen Schulproblemen“ gestanden, erklärte Winfried Kretschmann. Doch einige Hinweise hätten sich ihm ganz besonders eingeprägt.
„Wir brauchen neue Instrumente, um die basalen Fähigkeiten zu stärken“, sagte Kretschmann im Blick auf die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen. „Die Instrumente müssen evidenzbasiert sein, und sie müssen verbindlich sein.“ Beide Forscher hätten die Hamburger Grundschulen als großes Beispiel skizziert, von dem Baden-Württemberg sich eine Scheibe abschneiden könne. Deshalb fahre Kultusministerin Schopper demnächst an die Elbe, um sich den hochgelobten Grundschulunterricht dort in der Praxis einmal anzuschauen.
Praxis des „intelligenten Übens“
Besonders beeindruckt zeigte Kretschmann sich von der Praxis des „intelligenten Übens“, mit dem die Hamburger Lehrer ihre Schüler in den Grundkompetenzen fit gemacht hätten. Es gehe dabei nicht um stupides Pauken, wie es vor 40 Jahren noch üblich gewesen sei, betonte er. Die Rede sei von regelmäßiger Übungspraxis, von der nicht nur schwache, sondern auch starke Schüler profitierten.
Kultusministerin Schopper hat sich das von dem Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD) schon einmal erklären lassen. Sie sprach von regelmäßigen „Förderbändern“, in denen Grundschüler zum Beispiel jeden Tag von 9 bis 9.20 Uhr gemeinsam in der Klasse laut lesen. Sie habe Rabe skeptisch gefragt, ob Schüler mit Leseschwäche da nicht einfach abschalteten, erzählt Schopper. Doch Rabe verweise auf den Nutzen der steten Wiederholung: So könnten Schüler nach und nach immer mehr einzelne Wörter zuverlässig erkennen und allmählich im Lesen besser werden.
Zwar hat Baden-Württemberg 2016 schon erste Schritte gemacht, um Schulprojekte und Reformen an nachgewiesene positive Wirkungen zu koppeln, erklärte Kretschmann und erinnerte an die Politik von Schoppers CDU-Vorgängerin Susanne Eisenmann. Dennoch wird es im Südwesten noch lange dauern, bis evidenzbasierte Lernmodule Standard werden. Noch arbeitet die Schulverwaltung laut Schopper daran, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.
Viel verspricht die Kultusministerin sich davon, die Finanzausstattung der Grundschulen im Land an einen Sozialindex zu koppeln. So sollen Brennpunktschulen, bei denen der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund besonders hoch ist, die in einer Region oder einem Stadtteil mit hoher Arbeitslosigkeit ihren Standort hat, mehr Geld erhalten als Schulen in sozial entspannteren Umgebungen. Den Modellversuch, der nach den Sommerferien gestartet ist, stellte Schopper jetzt in Stuttgart noch einmal vor. Dabei erhalten rund 30 Schulen – zehn in Lörrach, 14 in Tübingen und zehn in Biberach – aufgrund ihres sozialen Settings mehr Mittel, mit denen sie neben den Lehrern unterschiedliche Experten – Logopäden, Ergotherapeuten, Erzieher – zur Förderung der Kinder hinzuziehen können.
Lehrerverbände reagieren verhalten positiv
Allerdings startet diese „sozialindexbasierte Mittelverteilung“ mit einem Handycap. Denn den Index, der Grundlage für die Mittelzuweisung werden soll, gibt es noch nicht. Schopper kündigte an, dass das Institut für Bildungsanalysen im Land (IBBW) im Januar eine erste Version vorlegen solle, die kontinuierlich weiterentwickelt werde. Ein Teil der 30 Versuchsschulen hat sich um zusätzliche Mittel beworben, alle haben nach Schoppers Worten bereits Vorerfahrungen mit freien Budgets. Regulär starten soll der auf vier Jahre angelegt Modellversuch zum nächsten Schuljahr.
Der Grundschulverband Baden-Württemberg wirbt für das Modell, wenn die indexbezogenen Mittel zusätzlich ausgezahlt werden. Insgesamt reagierten die Lehrerverbände verhalten positiv. Scharfe Kritik gab es von SPD-Chef und Exkultusminister Andreas Stoch. Nach Kretschmanns „Stuhlkreis“ passiere „exakt nichts“.