In der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen sind Gymnasium und Gemeinschaftsschule unter einem Dach Foto: dpa

Grün-Rot vernachlässige das Gymnasium, davon ist die FDP-Fraktion im Landtag überzeugt. Das belegten auch die neuen Bildungspläne. Das Kultusministerium weist die Kritik zurück.

Stuttgart - Stuttgart - Die FDP will im Landtagswahlkampf als Verteidiger des Gymnasiums punkten. „Es ist längst ersichtlich, dass das Gymnasium der grün-roten Koalition ein Dorn im Auge ist“, erklärte der Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion, Hans-Ulrich Rülke, am Mittwoch in Stuttgart. Die Landesregierung wolle das Gymnasium ausschalten, weil es „ein Konkurrent der grün-roten Lieblingsschulart Gemeinschaftsschule“ sei, und grabe ihm „durch die Hintertür das Wasser ab“.

Belege dafür sieht der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Timm Kern, unter anderem in den neuen Bildungsplänen, die im nächsten Schuljahr in Kraft treten sollen. Der „Einheitsbildungsplan“ nehme bewährten Schulen ihr Profil und sei ein Angriff auf deren Qualität. Vor allem drei Punkte stoßen Kern, der wie Rülke Gymnasiallehrer ist, auf: Änderungen beim Biologieunterricht und bei der Informatik sowie die sogenannten Leitperspektiven. Die Zusammenlegung der Fächer Biologie und Naturphänomene zum Fächerverbund Biologie, Naturphänomene und Technik (BNT) bedrohe die Qualität der einzelnen Fächer, ­sagte Kern. Das schwäche das Gymnasium insgesamt.

Das Kultusministerium wies die Vorwürfe zurück. Der Fächerverbund BNT gehe nicht zulasten der Biologie. Keines der beteiligten Fächer werde gekürzt, deren Gesamtstundenzahl bleibe erhalten. Von Klasse sieben an würden Biologie und Physik als Einzelfach fortgeführt, in Klasse acht folge Chemie. „Die FDP-Fraktion ist offenbar in wesentlichen Punkten der Bildungsplanreform schlecht informiert“, erklärte eine Sprecherin. Dies gelte auch für ihre Informatik-Kritik. Anders als von der FDP behauptet, werde das Wahlfach Informatik in der Oberstufe nicht abgeschafft. „Vielmehr steht die Landesregierung zu ihrem Wort und wird die Angebote im Bereich Informationstechnische Grundbildung (ITG) und Informatik weiter ausbauen.“ In der gymnasialen Oberstufe verbessere sich das Angebot sogar. Seit einigen Jahren bieten Gymnasien neben dem traditionellen zweistündigen Kurs auch Informatik als vierstündiges Kernfach an – als Schulversuch. 2017 können Schüler erstmals eine schriftliche Abschlussprüfung machen.

FDP hält Leitprinzipien für willkürlich

Kern hatte kritisiert, in den Bildungsplanentwürfen werde die informationstechnische Grundbildung zugunsten einer „sehr allgemein gehaltenen Medienkompetenz quer über alle Fächer verbannt“. Am härtesten treffe es die Gymnasien – dort werde der Neigungskurs Informatik in der Oberstufe ersatzlos gestrichen. Wenig hält die FDP auch von den sogenannten Leitprinzipien. Diese seien „mehr oder weniger willkürlich ausgewählt“ und sollten gestrichen werden, forderte Kern. Unterstützung erhält er von seinem CDU-Kollegen Georg Wacker: „Ohne die Leitperspektiven würde sich die Verständlichkeit und Lesbarkeit des Bildungsplans schlagartig deutlich verbessern. Ein solches willkürliches Sammelsurium verschiedener Themen über dem Bildungsplan braucht wirklich niemand.“

Um die Schüler auf die Zukunft vorzubereiten, sollen manche Themenbereiche übergreifend in verschiedenen Fächern behandelt werden: nachhaltige Bildung, Prävention und Gesundheitsförderung, berufliche Orientierung, Medien- und Verbraucherbildung sowie die Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt.

Insbesondere Letztere sorgte für großen Wirbel, als ein internes Arbeitspapier an die Öffentlichkeit geriet. Eine Arbeitsgruppe hatte vorgeschlagen, als Leitprinzip die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ zu verankern. Kritiker warfen der Landesregierung vor, sie wolle den Unterricht „sexualisieren“ und „pornografisieren“, mehrmals – zuletzt Anfang Oktober – gingen sie auf die Straße. Rund 192 000 Personen unterzeichneten eine Online-Petition gegen die Bildungspläne. Fast ebenso viele sprachen sich in zwei anderen Petitionen dafür aus, auch in der Schule über Homosexualität und gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften zu sprechen und diese auch als gleichwertig zu behandeln. In der neuen Leitperspektive sollen diese Fragen wertfrei behandelt werden. Auch religiöse oder ethnische Minderheiten sollen thematisiert werden.

Internet-Anhörung läuft noch bis zum 30. Oktober

Interessierte können sich noch bis zum 30. Oktober im Internet zu den Bildungsplänen äußern (www.bildungsplaene-bw.de). Seit Mitte September informierten sich dort fast 37 000 Personen, 612 nahmen zu den Plänen Stellung.

„Das klare Signal der vielen positiven Rückmeldungen von Lehrkräften, Eltern- und Schülervertretern wird auch die FDP-Fraktion mit ihrer schrillen Fundamentalopposition nicht übertönen“, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. Ihr SPD-Kollege Stefan Fulst-Blei erklärte: „Das Gymnasium hat seinen festen Platz in der Schullandschaft.“ Das werde auch so bleiben.

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