Emi und Wahidullah spielen mit der Sozialpädagogin Maren Leypoldt (Mitte) ein Spiel, in dem es um ihre Gefühle geht. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Im Anna-Haag-Mehrgenerationenhaus werden Jugendliche, die verloren zu gehen drohen, fit für die Ausbildung gemacht. Viele haben Probleme wie Mediensucht oder leiden unter Ängsten.

Ein Kartenstapel mit Fragen liegt vor Emi und Wahidullah auf dem Tisch. Welches Tier wäre ich, wenn ich im Urwald leben würde? Was macht mich stark? Von wem fällt es mir leicht, Hilfe anzunehmen? Eine Karte nach der anderen ziehen die beiden und geben eine Antwort. Sie wären zum Beispiel ein Tiger (Emi) und ein Löwe (Wahidullah), weil der Tiger schön sei und der Löwe stark. Als die Frage nach der helfenden Person kommt, schauen die beiden zu der Frau, die in ihrer Mitte sitzt. „Frau Leypoldt“, meinen beide, ohne zu zögern. „Sie ist eine der wichtigsten Personen in meinem Leben“, sagt Emi sogar über die Sozialpädagogin.

 

Seit September ist die 16-Jährige im Anna-Haag-Mehrgenerationenhaus in einer Vorbereitungsklasse auf den Beruf (VAB), um fit für eine Ausbildung gemacht zu werden. „Komm auf Kurs – dein Kompass zur Ausbildung“ heißt das Projekt für chancenarme Jugendliche, von dem aktuell 60 Schülerinnen und Schüler, verteilt auf fünf Klassen, an der Sonderberufsfachschule profitieren. Eine der fünf Klassen führt zum Hauptschulabschluss, die anderen vier sind VAB-Klassen.

Intensive Eins-zu-eins-Begleitung gehört dazu

Das Besondere an dem Projekt ist die intensive sozialpädagogische und auch psychologische Begleitung, damit die Jugendlichen nicht verloren gehen, sondern eben „auf Kurs“kommen samt Berufsperspektive. Die meisten von ihnen haben ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungssystem mit dem Förderschwerpunkt Lernen besucht und keinen Schulabschluss. Wahidullah war zuvor in einem Sprachkurs, er ist einer der wenigen geflüchteten Schüler im Projekt.

Mindestens einmal die Woche, so gehört es zum Konzept, führt Maren Leypoldt intensive Einzelgespräche. So eine Eins-zu-eins-Betreuung kannten die beiden vorher nicht. „Sie hört mir zu und ist für mich da, wenn es mir nicht gut geht“, erklärt Emi, warum ihr diese Termine an ihrem Schulalltag sogar am „meisten Spaß“ machen. Die 16-Jährige ist eingesprungen für das Interview. Eigentlich wollte eine Mitschülerin über ihre Erfahrungen sprechen. Doch diese leidet an sozialen Ängsten und hat sich der Situation letztlich nicht aussetzen können.

Selbstverletzungen, Ängste, Mediensucht kommen häufig vor

Bei „Komm auf Kurs“ brächten die Jugendlichen viele Päckchen mit, so Maren Leypoldt. Die psychischen Belastungen hätten zugenommen, der Großteil sei zudem in prekären, bildungsfernen Verhältnissen aufgewachsen, sagt auch die Bereichsleiterin der Bildungsstätte und Projektleiterin, Dorothé Herz. Sie hätten viel mit Selbstverletzungen, Essstörungen, Mediensucht, Ängsten zu tun.

Projektleiterin Dorothé Herz berichtet über zunehmende psychische Probleme bei den Jugendlichen. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Sorgen machen den Expertinnen der zunehmende Schulabsentismus. Dieser ist auch schon im Schulbeirat des Gemeinderats wiederholt Thema gewesen. Zehn von 60 Jugendlichen mit Zusage auf einen Platz bei „Komm auf Kurs“ seien Anfang des Schuljahres gar nicht aufgetaucht, berichtet Dorothé Herz. Warum, ist unklar. Die Plätze haben Nachrücker übernommen – die Nachfrage sei groß. Der Bedarf aber auch. Umso erleichterter ist man im Anna-Haag-Mehrgenerationenhaus, dass die Zukunft weiter gesichert ist. Bis Ende 2026 läuft noch die Förderung aus dem Europäischen Sozialfonds, danach finanziert die Stadt Stuttgart das Projekt für weitere zwei Jahre.

Mit Schulabsentismus haben die beiden kein Problem

Auch in Emis und Wahidullahs Klasse sind nicht immer alle zwölf aus ihrer Klasse da. Die beiden hingegen kommen sehr gerne zur Schule, fehlen eigentlich nie. Beide seien sehr zuverlässig, fleißig und kooperativ, freut sich Maren Leypoldt. Sie hätten eine tolle Entwicklung gemacht und „machen es mir sehr einfach, weil sie Hilfe annehmen“, sagt die Sozialpädagogin.

Mit Emi arbeitet sie daran, ihre Gefühle auszudrücken. Wahidullah hat sie unter anderem zu Ärzten begleitet, ist bei seinem Hilfeplangespräch dabei und hat sein Netzwerk vergrößert. Der 19-Jährige würde gerne Schreiner werden. In der Werkstatt des Anna-Haag-Hauses fühlt sich der junge Afghane besonders wohl.

Emi hat in der Schule schon in die Arbeitsfelder Hausreinigung und Wäscherei reingeschnuppert. Besonders gut hat ihr das Praktikum in einer Kindertagesstätte gefallen. Mit Kindern zu arbeiten ist ihr Traum. Nach dem Projekt könnte sie sich im Anna-Haag-Haus zur Fachpraktikern Hauswirtschaft ausbilden und so ihren Hauptschulabschluss erwerben. Damit könnte sie eine Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistenz (früher Kinderhelferin) draufsatteln.

Emi zieht am Ende des Spiels noch eine Karte von dem Stapel: „Was beruhigt mich?“, liest sie vor. „Wenn jemand sagt, dass ich stark bin und dass ich das schaffe.“ Maren Leypoldt streicht Emi über den Rücken: „Du schaffst das!“