Die grün-schwarze Landesregierung sucht den Bildungskonsens für ein schlankeres Schulsystem in Baden-Württemberg. Worum es dabei für alle Schularten geht – das Wichtigste im Überblick.
Die grün-schwarze Koalition hat sich auf gemeinsame Vorschläge für ein schlankeres und leistungsfähigeres Schulsystem in Baden-Württemberg verständigt und strebt dafür die Zustimmung der demokratischen Oppositionsparteien SPD und FDP an. Darüber soll beim nächsten Bildungsgipfel im Kloster Bebenhausen an diesem Donnerstag verhandelt werden.
Wichtige Elemente des grün-schwarzen Reformpakets sind die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ab dem Schuljahr 2025/2026, die Bildung von Schulverbünden, bei denen die Haupt- und Werkrealschulen mit Gemeinschaftsschulen oder Realschulen zusammengehen sollen, sowie die Einführung von verbindlichen Ganztagsangeboten in sozialen Brennpunkten, die durch das zwischen Bund und Ländern vereinbarte Startchancenprogramm gefördert werden.
Was kommt auf die Gymnasien zu?
Zwanzig Jahre nach der flächendeckenden Einführung des „Turboabiturs“ an den gut 450 allgemeinbildenden Gymnasien in Baden-Württemberg kehrt das Land zum neunjährigen Weg bis zum Abitur zurück. Bisher waren viele Einzelheiten dieses Schritts offengeblieben, jetzt hat Grün-Schwarz sich auf Eckpunkte verständigt. Ab dem Schuljahr 2025/26 soll das neunjährige Gymnasium wieder der Normalfall im Land sein. Die Einführung soll aufwachsend von Jahrgang zu Jahrgang erfolgen.
Einzige Ausnahme: Zu Beginn im kommenden Sommer dürfen sowohl die Fünft- als auch die Sechstklässler im G9 starten. Gymnasien, die besonders begabten und leistungswilligen Schüler weiterhin ein G8-Angebot machen wollen, sollen dies „im Rahmen der am Schulstandort zur Verfügung stehenden Ressourcen“ tun können. So steht es in dem Koalitionspapier, das unserer Zeitung vorliegt. Im Klartext heißt das: Zusätzliche Mittel sollen dafür nicht zur Verfügung gestellt werden.
Was soll mit Haupt- und Werkrealschulen geschehen?
Bisher gibt es mehr als 250 Haupt- und Werkrealschulen im Land. Wenn der Vorschlag der Koalition umgesetzt wird, wird es irgendwann wohl keine eigenständigen Standorte dieser Schulart mehr geben. Stattdessen sollen sie nach dem Willen der grün-schwarzen Koalition entweder Schulverbünde mit Gemeinschaftsschulen oder mit Realschulen bilden. Der Werkrealschulabschluss, den es bundesweit nur in Baden-Württemberg gibt, soll unter den Tisch fallen. „Werkrealschulen sollen sich auch zur Standorterhaltung – wo immer möglich und vor Ort gewünscht – mit einer Realschule zu einer Verbundrealschule zusammenschließen“, steht in dem Koalitionspapier.
Worauf können sich Real- und Gemeinschaftsschulen einstellen?
Beide Schularten sollen Kindern und Jugendlichen im Land attraktive Bildungsmöglichkeiten jenseits des Gymnasiums bieten. Im Gegensatz zur klassischen Ausrichtung der allgemeinbildenden Gymnasien sollen sowohl die Gemeinschafts- als auch die Realschule eine lebenspraktische Profilierung und eine starke Berufsorientierung gewährleisten. Beide Schularten sollen Grundlagen für eine duale Berufsausbildung oder ein Studium schaffen.
Sowohl die Real- als auch die Gemeinschaftsschule soll klar erkennbar einen Bildungspfad eröffnen, der von Klasse 5 bis zum Abitur führen kann. Real-, Verbund-Realschulen und Gemeinschaftsschulen, die nicht schon jetzt eine eigene Oberstufe haben, sollen dazu entweder Oberstufenverbünde mit benachbarten beruflichen, allgemeinbildenden Gymnasien oder Gemeinschaftsschulen schaffen oder mit Nachbarschulen feste Kooperationen eingehen. Damit sollen zugleich die in Baden-Württemberg besonders gut ausgebauten beruflichen Gymnasien gestärkt werden.
Das bedeutet, dass Schüler an beiden Schularten, den Hauptschulabschluss, einen mittleren Schulabschluss oder das Abitur machen können. Der zentrale Unterschied zwischen Gemeinschafts- und Realschule wird dem grün-schwarzen Konzept zufolge künftig sein, dass die bisher gut 337 Gemeinschaftsschulen Schüler aller Begabungsniveaus gemeinsam unterrichten. An den gut 470 Realschulen soll dagegen die bisher zweijährige Orientierungsstufe auf ein Jahr verkürzt werden. Danach werden Schüler, die unterschiedliche Abschlüsse anstreben, in verschiedenen Parallelklassen unterrichtet.
Was ändert sich an Grundschulen?
An Grundschulen in sozialen Brennpunkten soll nach dem Willen der Koalition die verbindlichen Ganztagsangebote ausgebaut werden. Diese Entwicklung will die Landesregierung verzahnen mit dem Startchancenpaket, das Bund und Länder bereits vereinbart haben. An Schulen in schwierigen Lernumfeldern mit ungünstigem Sozialindex sollen demnach mehr Mittel fließen, um bessere Fördermöglichkeiten für die Schüler aufbauen zu können. Das soll ergänzend zu dem bereits vereinbarten Paket über eine verbesserte Sprachförderung in Grundschulen und Kitas realisiert werden.
Was ändert sich bei der Grundschulempfehlung?
In den vergangenen Jahren war die Grundschulempfehlung unverbindlich und die Eltern konnten davon abweichende Entscheidungen über die weitere Schullaufbahn ihrer Kinder treffen. Das soll nach dem Willen von Grün-Schwarz künftig nicht mehr ohne weiteres möglich sein. Tatsächlich soll die Grundschulempfehlung künftig aus drei Teilen bestehen, wovon einer der Wunsch der Eltern ist. Zweites Element ist die auf das Halbjahreszeugnis gestützte Empfehlung des Klassenlehrers.
Hinzu kommt als dritte Säule das Ergebnis eines landesweit einheitlichen Lernstandtests. Wollen Eltern ihr Kind gegen die beiden anderen Voten der Grundschulempfehlung dennoch auf ein Gymnasium schicken, soll das weiterhin möglich sein. Allerdings muss das Kind einen weiteren Test zur Feststellung der Lernpotenziale an einem zentralen Ort im Schulbezirk bestehen.
Wie geht es jetzt politisch weiter?
Mit dem grün-schwarzen Vorschlagspaket will Ministerpräsident Kretschmann in die nächste Runde der Gespräche über eine Bildungsallianz mit SPD und FDP gehen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende und ehemalige Kultusminister Andreas Stoch lies das grün-schwarze Papier unkommentiert. „Wir tun uns schwer damit, die Werkrealschule zu opfern“, erklärte der Spitzenliberale Hans-Ulrich Rülke auf Anfrage.
Kretschmann zeigte sich bei der Landespressekonferenz offen für weitere, über das eigene Reformkonzept hinaus gehende Vorschläge von SPD und FDP. „Das Bessere ist der Feind des Guten“, betonte der Regierungschef. Das gelte auch für Ideen der Opposition. Natürlich könne jeder auch Vorschläge machen, die Geld kosteten. „Das dann zu finanzieren, ist aber Aufgabe der Koalition“, fügte er hinzu. Die Vorstellung, dass seine Koalition „Milliardensäcke irgendwo herumstehen habe“, entbehre jeder Grundlage. Beim Spitzentreffen mit SPD und FDP an diesem Donnerstag will Kretschmann Einigungsmöglichkeiten mit den beiden Oppositionsfraktionen ausloten. Das Ziel ist ein Konsens über die Bildungsstrukturen, der Wahlperioden überdauern kann.