Werkrealschulen können Abwärtstrend nur leicht bremsen - regionale Unterschiede.

Stuttgart - Die mittlere Reife kann man seit kurzem auch auf Werkrealschulen erwerben: Das sind Hauptschulen mit einem breiteren Unterrichtsangebot. Doch die Eltern zeigen sich skeptisch, wie die Übergangsquoten beweisen. Die Realschulen stehen nach wie vor höher in ihrer Gunst.

Auch die Einführung der Werkrealschule kann im Südwesten den Trend zur Realschule und zum Gymnasium nicht stoppen. Das zeigen die neuen Zahlen des Statistischen Landesamts für das Schuljahr 2010/2011. Demnach wechselten landesweit 24,3 Prozent der 105000 Viertklässler auf eine Haupt- oder Werkrealschule. Im vergangenen Schuljahr waren es 24,6 Prozent, im Jahr zuvor 25,1 Prozent gewesen.

Grüne sehen Kritik an Werkrealschulen bestätigt

Realschulen und Gymnasien legen hingegen nach wie vor zu. Die Übergangsquote auf die Gymnasien stieg noch einmal leicht auf 40,7 Prozent an (Vorjahr 40,2 Prozent). Die Realschulen blieben mit 33,9 Prozent fast genau auf Vorjahresniveau.

Kultusministerin Marion Schick interpretiert die Zahlen als Stabilisierung der Trends bei der Wahl der Schulart. "Der Rückgang der Übergänge auf die Hauptschulen/Werkrealschulen konnte abgefedert werden", erklärte sie in einer Mitteilung. Erfreulich sei, dass die Empfehlung für Hauptschulen und Werkrealschulen auf mehr Akzeptanz stoße.

SPD und Grüne sehen sich hingegen in ihrer Kritik an dem Konzept der Werkrealschulen bestätigt. "Die Eltern lassen sich durch das andere Etikett nicht beirren", sagt der SPD-Bildungspolitiker Norbert Zeller. Wenn sie vor der Wahl stünden, ihre Kinder auf eine Haupt-, Werkreal- oder Realschule zu schicken, entschieden sich die meisten für die Realschulen. Zeller: "Die Kinder müssen ja auch zu den neuen Werkrealschulen weite Wege zurücklegen."

Auch seine Grünen-Kollegin Renate Rastätter hält die Hauptschulreform für gescheitert: "Die Abstimmung mit den Füßen im dreigliedrigen Schulsystem geht weiter." Die Statistik zeige, dass die neue Werkrealschule als Weiterentwicklung des Bildungsgangs Hauptschule keine Akzeptanz bei den Eltern finde.

Gravierende Unterschiede beu deutschen und ausländischen Schülern

Das schließt Rastätter auch daraus, dass 22,8 Prozent der Eltern mit der Grundschulempfehlung "Werkrealschule, Hauptschule" nicht einverstanden sind. 25,1 Prozent der Viertklässler haben eine solche Empfehlung für eine Haupt- oder Werkrealschule erhalten. 49,8 Prozent erhielten hingegen eine Empfehlung für Gymnasien. 17,7 Prozent der Eltern verzichteten aber auf diese Option und schickten ihre Kinder lieber auf die Realschule. Der Grundschulempfehlung "Werkrealschule, Hauptschule oder Realschule" stimmten laut Statistik mehr als 90 Prozent der Eltern zu.

Dies alles sind jedoch auf das Land berechnete Durchschnittswerte. Betrachtet man die einzelnen Regionen, fallen gravierende Unterschiede auf. So wurde zum Beispiel die Grundschulempfehlung "Werkrealschule, Hauptschule" im akademisch geprägten Stadtkreis Heidelberg für 15,5 Prozent der Viertklässler ausgesprochen. Im Stadtkreis Heilbronn erhielten diese Empfehlung hingegen 33,5 Prozent der Schüler.

Bei den Gymnasien ist es umgekehrt: In Heilbronn erhielten lediglich 38,8 Prozent der Viertklässler eine Empfehlung für diese Schullaufbahn, während es in Heidelberg 62,5 Prozent waren. Tatsächlich wechselten in Heilbronn dann nur 34,1 Prozent auf ein Gymnasium und 31,4 Prozent auf eine Haupt- beziehungsweise Werkrealschule.

Abwärtstrend wird sich fortsetzen

Die tatsächlichen Übergangsquoten auf eine Haupt- oder Werkrealschule streuen in Baden-Württemberg zwischen 11,9 Prozent im Stadtkreis Heidelberg und 31,8 Prozent im Landkreis Waldshut. Die Übergangsquote auf das Gymnasium war mit 29,2 Prozent im Hohenlohekreis am niedrigsten und mit 59,5 Prozent in Heidelberg am höchsten.

Gravierende Unterschiede bei den Übergangsquoten zeigen sich auch zwischen deutschen und ausländischen Schülern. Von den 92.700 deutschen Viertklässlern wechselten 21 Prozent auf eine Haupt-/Werkrealschule, 35 Prozent auf eine Realschule und 43 Prozent auf ein Gymnasium. Die 11.800 Ausländer haben ihre Schullaufbahn hingegen zu 49 Prozent auf einer Haupt- oder Werkrealschule fortgesetzt. Nur 27 Prozent gehen auf eine Realschule und nur 22 Prozent auf ein Gymnasium.

Nach Ansicht des SPD-Abgeordneten Norbert Zeller wird sich der Abwärtstrend für die Haupt- und Werkrealschulen weiter fortsetzen - es sei denn, die Landesregierung stellt es den Werkrealschulen frei, einen "echten Realschulabschluss" anzubieten.

Für die Grünen ist die Tatsache, dass 17,7 Prozent der Eltern ihre Kinder trotz einer Gymnasialempfehlung auf eine Realschule schicken, ein Alarmsignal. "Das macht deutlich, dass viele Eltern Angst vor einem Scheitern ihres Kindes am Gymnasium haben", sagt die Bildungspolitikerin Renate Rastätter. Das Gymnasium müsse deshalb zu einer Schulart werden, an der viel mehr als bisher individuelle Förderung und Hausaufgabenbetreuung angeboten werden.

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