Die Filstalbahn gilt wegen der Verspätungen als „Krisenstrecke“. Foto: StZ

Die Bilanz nach einem Monat der Entschleunigung im Fahrplan fällt gemischt aus. Die DB Regio ist zufrieden, die Berufspendler sind es nicht. Aber wer ist eigentlich Schuld an engen Fahrplänen?

Stuttgart - Einzelne Strecken wie die der Frankenbahn, der Rems- und der Bodenseegürtelbahn im Bereich der DB Regio Baden-Württemberg gelten wegen häufiger Verspätungen als „problematisch“. Besonders die Filstalbahn von Stuttgart über Göppingen nach Ulm, die sich Züge des Güter-, Fern- und Nahverkehrs teilen müssen, hat den Ruf einer Krisenstrecke. Anfang Mai hat die Bahn versucht, mit einem zeitlichen Puffer in den Fahrplänen für mehr Stabilität zu sorgen: Acht Züge fahren am Morgen im Berufsverkehr zwischen fünf bis zwölf Minuten früher ab. Die Entschleunigung war auch vom Verein Pro Bahn begrüßt worden: Mit knappen Fahrzeiten und zu kurzen Halten seien manche Strecken „überzogen“ worden, sagt Stefan Buhl vom Verein Pro Bahn. Die Verantwortlichkeit hierfür sei nicht ganz klar, meint Buhl: „Das Land hat oft auf Drängen der Kommunen zusätzliche Halte vielleicht zu ambitioniert geplant, DB Netz hat faktisch nicht fahrbare Fahrpläne geprüft und zugelassen. Und DB Regio hat sich auf Fahrpläne eingelassen, obwohl sie hätte wissen müssen, das beispielsweise auf der Filstalbahn Haltezeiten von 30 Sekunden kaum ausreichen.“

Viele Kräfte wirken am Fahrplan mit

Wer eigentlich zuständig ist für die zu eng getakteten Fahrplänen, das ist umstritten: Die kämen „vom Land“, heißt es bei der DB Regio. Im baden-württembergischen Verkehrsministerium sieht man das anders, verweist auf das Zusammenspiel vieler Kräfte: Zwar erstelle das Land einen ersten Entwurf für einen Jahresfahrplan und stelle den mit den „Eisenverkehrsunternehmen“ auf einer Fahrplankonferenz im Herbst des Vorjahres vor, um Wünsche der Städte und Gemeinden rechtzeitig aufnehmen zu können. Im Frühjahr werde dann ein zweiter, „nahezu finalisierter Entwurf“ auf der Fahrplankonferenz vorgelegt, bevor er dann von den Bahnbetreibern bei der DB Netz zur Prüfung eingereicht werde. „Bis zum September muss DB Netz dann den Verkehrsunternehmen mitteilen, in welcher Form der Fahrplan angenommen werden kann. Verschiebungen im Minutenbereich sind dabei an der Tagesordnung.“

Wie aber sieht nach einem Monat die Bilanz bei der Filstalbahn aus? Positiv, heißt es bei der DB Regio: „Das Modell der früheren Abfahrt von einigen Zügen hat sich als wirksam erwiesen. Die Maßnahme greift langsam“, sagt DB-Regio-Sprecher Werner Graf. Im Durchschnitt habe sich die Pünktlichkeit der Züge zwischen fünf bis sieben Prozent erhöht, bei einer Zugverbindung sei sie sogar auf 100 Prozent gestiegen. Unter den acht Zugverbindungen gebe es allerdings zwei, die negativ aus dem Rahmen fallen: Dort sei die Pünktlichkeitsquote sogar gesunken und zwar von 92,6 Prozent vor der Fahrplanänderung auf 89 Prozent danach beim einen Zug, beim anderen Zug von 85,7 Prozent auf 82,8 Prozent. „Den Ursachen gehen wir nach.“

Die Pendler machen ganz andere Rechnungen auf

Bei den Pendlern im Filstal werden andere Rechnungen aufgemacht. Dass die um einige Minuten vorgezogenen Abfahrtszeiten mancher Frühzüge zu einer merklichen Verbesserung der Situation geführt haben, vermag Sven Detzer nicht zu erkennen. „Gefühlsmäßig ist es zunächst ein klein wenig besser geworden, was aber nichts mit den Verlegungen zu tun hat“, sagt der Berufspendler, der im Donzdorfer Stadtteil Reichenbach im Kreis Göppingen lebt und in Stuttgart arbeitet. Es sei wie vorher, manchmal funktioniere es, meistens aber nicht, ergänzt er. „Die von der DB Regio prognostizierte Pünktlichkeitssteigerung ist das nicht, zumal den Leuten durch die Änderungen eh schon zugemutet wird, länger unterwegs zu sein.“

461 Verspätungen zwischen fünf und 65 Minuten sowie 38 Zugausfälle hat Detzer im ersten Monat der Fahrplanänderung auf der Filstalbahn aufgelistet – und da sind die „Großlagen“, wie etwa ein Oberleitungsschaden unweit des Göppinger Bahnhofs, eine Störung im Ulmer Stellwerk oder ein Notarzteinsatz an den Gleisen zwischen Esslingen und Stuttgart noch nicht einbezogen. „Zudem sind meine Zahlen nicht vollständig, weil es mir gar nicht möglich ist, alle Ereignisse zu erfassen und ich zwischendurch ein paar Tage im Urlaub war“, betont der 53-Jährige.

Ein Pendler berichtet von massiven Problemen mit den Türen

Dass die Fahrplankorrekturen wirkungslos sind, wundert ihn nicht: „Man versucht, etwas besser zu machen. Aber eine schnelle Lösung ist nicht möglich, weil beispielsweise das Wagenmaterial nach wie vor genauso schlecht und störanfällig ist wie zuvor.“ So gebe es bei jedem zweiten Zug massive Probleme mit den Türen. „Auch die anderen Defekte und Schäden sorgen ja nicht zum ersten Mal für Behinderungen und haben sicher etwas mit dem maroden Material zu tun, obwohl die Bahn schnell andere Gründe dafür findet“. So sei jüngst in Göppingen bei der kaputten Oberleitung die Schuld auf eine Taube geschoben worden, die dazu ja nix mehr habe sagen können, erklärt er sarkastisch

Dass sich auf der Filstalbahn irgendwann Verlässlichkeit einstellt, hofft derweil die Politik. Viele Kommunen entlang der Strecke haben eine Resolution mit der Forderung „Bessere Verbindungen auf der Filstalbahntrasse“ unterzeichnet, weitere werden in den nächsten Wochen folgen.

Der Göppinger SPD-Landtagsabgeordnete Peter Hofelich wiederum hat, auf eine Anfrage hin, in der vergangenen Woche ein Schreiben der Bahn erhalten, in dem das Unternehmen „Verbesserungen auf der Filstalbahn noch vor dem Fahrplanwechsel im Dezember“ ankündigt. Diese sollen unter anderem durch eine veränderte Zugwende in Stuttgart erreicht werden.

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