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Nach einem Rekordjahr sieht der Zulieferer ZF Spielraum für höhere Investitionen und Zukäufe. Auch wenn der neue ZF-Chef das Unternehmen gut aufgestellt sieht für die Veränderungen in der Automobilbranche drückt er aufs Tempo bei der Entwicklung neuer Produkte.

Friedrichshafen - Der neue Mann an der ZF-Spitze, Wolf-Henning Scheider, hat noch keine 40 Arbeitstage hinter sich und überlässt es bei der Bilanzpressekonferenz in Friedrichshafen daher seinem Vorstandskollegen, ZF-Finanzchef Konstantin Sauer, die guten Zahlen des Rekordjahres 2017 zu präsentieren – nicht nur mehr Umsatz und Gewinn, auch die Nettoschulden konnten um rund 1,6 Millarden Euro auf gut fünf Milliarden Euro abgebaut werden.

„Ich hab ja nicht mitgewirkt am Ergebnis“, sagt Scheider und redet lieber über die Zukunft bei dem Zuleiferer vom Bodensee. Etwa, dass in diesem Jahr deutlich mehr als zwei Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung fließen sollen, unter anderem in die Weiterentwicklung von Elektroantrieben und das automatisierte Fahren. „Die mobile Welt dreht sich mit hoher Geschwindigkeit“, sagt Scheider. Seine eigene auch.

„Die ersten sechs Wochen waren Speed-Learning“

„Die ersten sechs Wochen waren Speed-Learning“, beschreibt Scheider seine erste Zeit als ZF-Chef, weil es viel aufzusaugen gab, was das Unternehmen zu bieten hat. Scheider ist keiner, der viele Worte über sich verliert, doch am Vorabend der Bilanz gibt sich der 55-Jährige etwas gesprächiger. Das Interesse ist groß, denn der einstige Mahle-Chef und ehemalige Bosch-Manager ist erst im Februar auf den Chefposten bei ZF gerückt. Die Neubesetzung war nötig geworden, weil der frühere ZF-Chef Stefan Sommer nach Querelen mit dem Friedrichshafener Oberbürgermeister Andreas Brand, der bei ZF die Gesellschafterrolle einnimmt, das Unternehmen verlassen hat.

Und wie steht es mit Scheiders Verhältnis zur Stiftung und zum Rathaus? Gerade hat er zwei Tage mit Gremiensitzungen wie Hauptversammlung und Aufsichtsrat hinter sich. „Ich empfinde die Zusammenarbeit als sehr konstruktiv und offen“, sagt Scheider. Bisher habe er nur gespürt, dass der Vorstand alle Freiheit habe, um das Geschäft weiterzuentwickeln.

Auf einen Kurswechsel setzt er nicht, will heißen, ZF soll organisch wachsen, man kann sich aber auch Zukäufe vorstellen. Vielleicht im Bremsengeschäft? „Geben Sie mir noch ein bisschen Zeit“, kontert Scheider solche Fragen.

Er fährt gern Ski, wandert und segelt

Er spricht bezüglich der Produkte auch von der „alten und neuen Welt“, will heißen: bestehende Produkte weiterentwickeln, gleichzeitig in neue investieren auch auch eine Start-up-Kultur im Konzern fördern. Bei Getrieben für Hybridfahrzeuge (sie haben einen E-Motor und Verbrenner) etwa sieht Scheider in den nächsten Jahren enorme Wachstumsraten, deshalb sollen die Produktionskapazitäten verdoppelt werden. Um verstärkt Innovationsprozesse anzustoßen, sollen künftig Teams aus verschiedenen Bereichen noch eigenständiger entscheiden und zusammenarbeiten. Als Beispiel für einen solchen Innovationsprozess nennt Scheider die Entwicklung des Sound AI (AI steht für künstliche Intelligenz), mit dem Autos Geräusche wie etwa die Sirene eines Rettungswagens erkennen können – ZF bringe Autos das Hören bei. Ein Prototyp wurde bereits entwickelt.

Für Scheider selbst, der auch verstärkt mit den Mitarbeitern kommunizieren will und sei es mit einem Handyvideo fürs Intranet, in das sich die weltweiten Mitarbeiter einwählen können, steht erst einmal ein Reisemarathon an. Wichtige inländische ZF-Standorte – darunter etwa Passau, Saarbrücken oder Schweinfurt – hat Scheider bereits besucht, nächste Woche geht es dann „links in die Welt, die Woche drauf rechts“, verrät er. In Friedrichshafen hat er bereits ein Haus gefunden und ist mit seiner Frau vor zweieinhalb Wochen umgezogen. „Ich bin froh, dass ich zwei Stunden dichter an den Skigebieten bin als bisher“, meint der Manager, der auch noch gerne wandert und segelt – und im Übrigen auch das Bodenseeschifferpatent hat.

Allein im Inland sollen 600 Ingenieure eingestellt werden

Im vergangenen Jahr hat ZF den Umsatz um 3,6 Prozent auf 36,4 Milliarden Euro gesteigert. Ohne den Verkauf von Geschäftsfeldern und Wechselkurseffekte ist ZF organisch um sechs Prozent gewachsen. Der Gewinn nach Steuern hat sich unter anderem wegen positiver Steuereffekte um 26 Prozent auf 1,17 Milliarden Euro verbessert. Die Zahl der Mitarbeiter ist um mehr als 9300 auf weltweit 146 000 gestiegen – etwa 35 Prozent davon arbeiten in Deutschland. Dieses Jahr sollen fast 2000 Ingenieure eingestellt werden, davon etwa 600 in Deutschland. 2017 kamen rund 1700 neue Ingenieure an Bord.

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