Bilanz der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften Stuttgart als Hochburg der Kreativität

Von Cornelius W. M. Oettle 

Der Gewinner des Einzelfinales: Philipp Scharrenberg Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Der Gewinner des Einzelfinales: Philipp Scharrenberg Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Der Worte sind genug gewechselt: Philipp Scharrenberg ist der Wortkünstler des Jahres. Die jetzt zu Ende gegangenen deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam haben die Stadt in eine Hochburg der Kreativität verwandelt.

Stuttgart - Die 20. deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam sind vorbei. Europas größtes Festival für Bühnenliteratur verlässt wieder Stuttgart. Eine Woche lang regierte das gesprochene Wort die Stadt. Mancher mag nichts davon mitbekommen haben, für andere fühlten sich diese Tage an wie die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land. Ganz ohne Korruption allerdings – vermutlich – haben drei Herren diese „Nationals“ organisiert: Nikita Gorbunov, Thomas Geyer und der Ludwigsburger Künstler namens Hanz. Das Trio zeichnet auch für weiterhin stattfindende Slams wie den „Slam auf der Couch“ im Jugendhaus Mitte, den Slam im Keller Klub und den Poetry Slam Ludwigsburg verantwortlich. In der Rosenau wird ebenfalls regelmäßig geslammt. Fans müssen also nicht der Depression verfallen, nachdem das Veranstaltertrio nun sein Meisterwerk abgeliefert hat.

Die Vielfältigkeit dieser Kunstform hat sich in den mannigfaltigen Austragungsorten widergespiegelt: Im Vorfeld gab es beispielsweise einen Puppenspieler-Slam im Theater am Faden, einen Mundart-Slam im Landesmuseum, einen Supermarkt-Slam. Man duellierte sich im Stadion der Stuttgarter Kickers. Und schließlich begannen am vergangenen Mittwoch die Vorrunden: 110 deutschsprachige Slammer traten vor insgesamt rund 10 000 Zuschauern in Zehnergruppen an. In der Rosenau, im Wizemann, in der Schräglage, im Keller Klub, im Zwölfzehn, im Ludwigsburger Scala, in der Sparda Welt, in der Alten Stuttgarter Reithalle, im Theaterhaus und schließlich – zum Finale – in der Liederhalle. Und das war nur der Einzelwettbewerb. Es gibt ja auch noch den Team Slam, bei dem Dichterduos und -trios um den Applaus der Menge quasseln. In diesem Wettbewerb setzte sich am Samstagabend im Theaterhaus das Team LSD durch: Die beiden Ü40er Michael Ebeling und Volker Strübing haben’s den Jungspunden unter anderem mit einem jetzt schon legendären Reim gezeigt: „Wir tauen Philipp Scharri auf und hauen dann in Stuttgart drauf.“ Der vierzigjährige Philipp „Scharri“ Scharrenberg hatte am Vortag das Einzelfinale gewonnen. Notabene: Die Vergreisung macht auch vor der Poetry-Slam-Szene nicht halt.

Lukas mit den sechs Fingern

In diesen Festivaltagen sind viele Geschichten gehört, aber auch geschrieben worden. All jene, die nicht nur vereinzelt Slams besuchten, sondern das ganze Festival mitmachten, sind gezeichnet. Die täglich verabreichten Einlassstempel mit dem Schriftzug „Slam 2016“ etwa brennen sich ins Handgelenk. Hoffentlich geht das irgendwann wieder weg – wobei, ein schönes Andenken ist’s allemal. Zudem bekam man seitens eines Sponsoren zu jedem Slam einen Whiskey mit Ginger Ale in die Hand gedrückt, der bedauerlicherweise so gut schmeckte, dass man die Gefahr, dem Alkoholismus zu verfallen, in Kauf nehmen musste. Szene-Größen wie Hazel Brugger sah man tötenden Blickes durch die Stadt stiefeln. Gefühlt tausendmal ließ man sich vom sechsfingrigen Zeichentrickjunge Lukas im stets eingespielten Eröffnungsvideo die Slam-Prozedur erklären. Und ständig traf man auf Lehrer, gute Güte, überall diese Lehrer! Der bereits erwähnte Einnamige, Hanz, stellte es bei der Moderation des Einzelfinales im Beethovensaal der Liederhalle nochmal aufs Deutlichste klar: „Poetry Slam zieht Lehrer an wie Scheiße die Fliegen.“

Darüber hinaus verhalf Hanz einer der kuriosesten Geschichten dieser Meisterschaften zum Happy End: Mangelhafter Tontechnik beim Finale zum Trotz bewahrte er die Ruhe und verständigte sich souverän mit dem krakeelenden Publikum: Auf der linken Seite des Saals habe man nichts verstanden respektive alles doppelt gehört. Kurzerhand bat Hanz die Betroffenen auf die Bühne. Eine ganze Schar pilgerte nach oben und machte sich dort breit beziehungsweise: wurde breit gemacht und mit Freibier sediert. Man hätte Hanz in diesem Moment auch die Moderation von „Wetten, dass . . .“ nahelegen wollen, aber das ZDF-Format wurde ja Gott sei Dank abgesetzt.

Lyrik für jedermann

Auch die Geschichte des Siegers klingt gar nicht nach dröger Realität, sondern dramaturgisch aufbereitet. Ist sie aber nicht: Scharrenberg nahm vor gut zehn Jahren erstmalig an einem Slam teil. Hier in Stuttgart. In der Rosenau. Dass er in dieser Stadt 2016 zum zweiten Mal zum Slam-Poeten des Jahres gekürt werden und dazu noch eine vergoldete Spätzlepresse erhalten würde: Er hätte zu Beginn seiner Karriere zumindest leicht daran gezweifelt.

Dann war da noch diese flamboyante Eröffnungsrede des Vorjahressiegers Jan Philipp Zymny. Ungewohnt blödelfrei beschwor er den Geist des Poetry Slams, verteidigte die Kunstform gegen Vorwürfe intellektueller Unzulänglichkeit und fortgeschrittener Kommerzialisierung. Poetry Slam sei eine non-elitäre Bewegung für jedermann. Tatsächlich sind die Stärken dieser Kunstform ja Publikumsinteraktion, niedere Mitmachschwellen, Herzlichkeit. Zynikern ist das mitunter zuwider, aber für Poetry-Slam-Enthusiasten ist im Grunde jeder ein Gewinner, der sich vors Mikrofon traut. Dass ein derartiges Credo allerdings auch zu mangelnder Kritikfähigkeit führen kann, erfährt man, wenn man von aufgebrachten Slam-Fans wegen einer Bemäkelung Julia Engelmanns bepöbelt wird. Das aber nur am Rande.

Was dieses Festival wieder mal bewiesen hat: Poetry Slam ist ein Panoptikum der Kreativität, Stuttgart mit all seinen Einrichtungen ein potentieller Hort künstlerischer Entfaltung. Wären die Mieten sozialer, man könnte es hier so schön haben. Aber wer will schon Kunst, wenn er Geld machen kann. Anderes Thema. Man erinnere sich lieber nochmals ans Zurückliegende, ehe die gewohnten Sorgen und Missstände das Denken wieder verdunkeln. Man erfreue sich an dieser Retrospektive, denn, wie bereits im Lokalteil erwähnt: Den wunderbaren Tagen in Stuttgart folgt ein harter Bruch. Im nächsten Jahr finden die Meisterschaften in Hannover statt. Die Slammerin Ninia LaGrande, als Stellvertreterin des Organisationsteams aus Hannover beim Festivalabschluss am Samstag anwesend, hatte diese leicht spöttische Bemerkung unserer Zeitung auf der Bühne zitiert und nahm es sportlich: „Herausforderung angenommen!“ Den Veranstaltern sei freilich das Beste gewünscht. Großprojekte im Norden werden aber ohnehin stets bar jeglicher Komplikationen realisiert.

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