Daten werden immer wichtiger – auch im Fußball. Foto: dpa Themendienst

Die digitale Revolution kommt im Fußball an. Big Data ist da. Davon soll nun auch die deutsche Nationalmannschaft profitieren.

Stuttgart - Es ist noch nicht allzu lange her, da wurde der Fußball recht einfach aufgeschlüsselt. Rennen, kämpfen, grätschen, beißen. Physische Dominanz und Mentalität wurden gemeinhin als Schlüssel angesehen, um zu gewinnen. Doch diese Ansichten sind längst überholt. Es stimmt nicht einmal mehr die oft verbreitete Mär, dass wer mehr Ballbesitz und Torabschlüsse hat, auch die Partie gewinnen müsse. Das weiß die Welt spätestens seit dem 7:1 der Deutschen gegen Brasilien bei der WM 2014. Die Südamerikaner überragten Jogis Jungs in diesen Bereichen klar. Die Brasilianer schossen häufiger aufs Tor, hatten deutlich mehr Ballbesitz, spielten mehr Pässe als die späteren Weltmeister – und wurden deklassiert. Die Gründe: Deutschland hatte qualitativ bessere Offensivaktionen, beispielsweise zielgenaue Pässe oder Dribblings, die möglichst viele Gegner aus dem Spiel nahmen.

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Der gläserne Fußballer wird zur Normalität

Die Hintergründe dafür liefern neueste Analysemethoden, die seit wenigen Jahren im Fußball weltweit Einzug halten. Der Sport ist gläsern. Die digitale Revolution hat auch den Fußball erreicht. Hochauflösende Kameras zeichnen Laufwege zentimetergenau auf, messen Kontaktzeiten, die Positionen von Spielern und Spielgerät werden bis zu 25-mal pro Sekunde erfasst, abgespeichert und ausgewertet. Mit technischen Hilfsmitteln wird der Fußballer wie eine Maschine in all seine Einzelteile zerlegt, die Fehlersuche erfolgt am vollgefütterten Computer, der anschließend alles gnadenlos ausspuckt: Passquote, Torschussspeed, Richtungswechsel, Vorwärts- und Rückwärtsbewegung. Selbst wenn einer auf dem Platz niest, halten das die Sensoren unter dem Trikot penibel fest. „Wearable Technologies“ wie in der Kleidung integriertes GPS- oder Fitness-Tracker, die Daten etwa zur Geschwindigkeit und Herzfrequenz messen, visualisieren in Kombination mit komplexen Softwareanwendungen Bewegungsprofile, die Informationen über die physische Konstitution eines Athleten und seine kognitive Fähigkeiten, wie Antizipation und Übersicht liefern. Viele dieser Daten stehen mittlerweile den Trainern schon in der Halbzeit zur Verfügung. Big Data ist da.

Der Fußball hat vom US-Sport gelernt

Neu ist das alles nicht wirklich. Im US-Sport, beispielsweise im American Football oder beim Basketball, ist derlei Datenerfassung längst Usus und fließt in die tägliche Arbeit der Clubs und ihrer Verantwortlichen ein. Trainerteams analysieren damit Mannschaften oder einzelne Akteure, Scouts suchen anhand bestimmter Parameter potenzielle Transferziele. Was 2012 mit dem Film „Moneyball“ in Hollywood zum Kassenschlager wurde, ist in den Staaten seit Dekaden gelebte Realität.

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Der Fußball benötigte wie so oft etwas länger, um sich der technologischen Revolution zu öffnen. Die Weltmeisterschaft in Russland wird die erste sein, bei nicht nur die Torlinientechnologie und der Videobeweis Einzug halten werden. Auch auf den Trainerbänken wird sich einiges tun. Tablets mit Echtzeitdaten und Kopfhörer zur internen Kommunikation werden beispielsweise zu sehen sein. Auch der DFB will dies im Turnier nutzen und „den technologischen Wettbewerbsvorteil nutzen“, wie Teammanager Oliver Bierhoff im Trainingslager der Mannschaft in Eppan/Südtirol ankündigte. Co-Trainer Marcus Sorg wird auf der Tribüne Eindrücke sammeln und eingehende Daten strukturieren, die dann digital an Co-Trainer Thomas Schneider übermitteln. Der wiederum spielt sie direkt an den Bundestrainer und gegebenenfalls an die Spieler weiter. Wo tun sich aktuell Räume auf? Welche Seite der Kette ist müde und somit leichter überspielbar? Dies sind Themen, die sich dann auftun werden. „Wir müssen natürlich aufpassen, dass das gut sortiert passiert“, sagt Sorg, der vor einer Überfrachtung mit Informationen warnt. „Wir werden sicher nicht jeden falschen Pass korrigieren“, pflichtet ihm Schneider bei. Es gehe eher um taktische Parameter.

Der Einfluss der neuen Technik wird sich bei der WM zeigen

Welchen Einfluss auf den Spielausgang und damit auch den Erfolg dies alles haben wird, werden die Wochen in Russland zeigen. Fest steht, dass der Job der Trainer sich dadurch verändern wird. Er wird mehr und mehr zum Manager diverser Experten, die ihm zuarbeiten und weit mehr können (müssen) als „Hütchen aufstellen und Bälle aufpumpen“, wie es Uli Stielike einst schon wusste. Sicher ist auch, dass die digitale Revolution endgültig im Fußball angekommen ist – und es dennoch weiterhin wichtig bleiben wird, dass man rennt, kämpft und auch einmal grätscht.

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