Das Klangbild von Biffy Clyro war bei ihrem Gastspiel in Stuttgart so transparent wie der Nebel im schottischen Hochland. Foto: Lichtgut/Volker Hoschek

Die schottische Band Biffy Clyro hat in der Porsche-Arena einen ziemlich austauschbaren Rock gepflegt.

Stuttgart - Im Jahr 2005 sowie zwei Jahre später nochmals spielten Biffy Clyro im gut zweihundert Besucher fassenden Stuttgarter Club Schocken, im Jahr 2010 gastierten sie in der leider längst dicht gemachten Röhre am Wagenburgtunnel, in der immerhin etwa fünfhundert Zuschauer Platz fanden. Eine nahezu endlose Ochsentour hatte die Band da schon hinter sich; zwölf Jahre, in denen das Trio aus Schottland Jahr für Jahr winters in den kleineren Clubs und sommers auf den Festivals spielte, nahezu ununterbrochen auf Tournee. Man muss als Musiker sehr genügsam und sehr vom Leben on the Road beseelt sein oder sehr fest an sich und den irgendwann kommenden Durchbruch glauben, um sich einer solchen Tortur zu unterziehen.

Letzteres war’s wohl bei Biffy Clyro, und manchmal wird Stehvermögen belohnt und Träume werden schließlich wahr, denn siehe: am Freitagabend steht die Band bei ihrem Gastspiel in Stuttgart nun plötzlich auf der Bühne der zweitgrößten Konzertarena der Stadt. Und im weiten Rund finden sich jetzt viertausend Menschen ein.

Messerscharf geschnittene Breaks

Eine Nummer zu groß ist die Kragenweite der Porsche-Arena zwar immer noch, die Halle ist gut gefüllt, aber längst nicht ausverkauft (was allerdings auch daran liegt, dass die Stadt Stuttgart dringend einen zentral gelegenen Konzerthallenneubau braucht, da spätestens seit dem Abriss des Messecongresscentrums eine mittelgroße Halle gar nicht mehr existiert) – doch immerhin: der Zuschauerzuspruch ist beachtlich, und er ist verdient, weil hart erarbeitet. Die erspielte Fanbasis ist das eine, die letzten Alben taten ihr übriges; der aktuelle Longplayer „Ellipsis“ landete auf Platz Eins, der Vorgänger „Opposites“ 2013 auf Rang fünf der deutschen Albumcharts.

„Wolves of Winter“, den Titelsong von „Ellipsis“, spielt die live um den Keyboarder Richard Ingram und den Zweitgitarristen Mike Vennart zum Quintett erweiterte Band gleich als erstes Stück. Man hört dort einige der Zutaten, die Biffy Clyros Stil geprägt haben: messerscharf geschnittene Breaks in gitarrenwürzigen, instrumental druckvollen und vokal mit singendem Stakkato versehenen Songs, der seine Wurzeln im Emocore und im Progressive-Alternativerock hat. Aber leider sind wir hier weder bei Fugazi noch bei Primus, sprich: der Wunsch nach Stadionkompatibilität ist bei Biffy Clyro doch größer als der Wille zum Alleinstellungsmerkmal und zur Differenzierung. Und so hören wir hier ein zwar dezentes, aber die Songs dennoch unnötig überfrachtendes Tastenspiel, viel zu wenig metrische Differenzierungen und kaum einmal überraschende Wendungen oder Melodiebögen.

Nebliger Sound

Bald zwei Stunden geht das so. Unterbrochen durch ein paar scheint’s obligatorisch gewordene Balladen, wird, ergänzt durch viele mittelalte und einige ganz alte Stücke, nahezu das gesamte aktuelle Album dargeboten, bei dessen Erscheinen sich bereits andeutete, wohin bei der Band Biffy Clyro die Reise dann auch beim Stuttgarter Konzert hingehen sollte: zu einem immer monotoneren, standardisierten Songaufbau stark in Richtung sehr durchschnittlichem und austauschbarem Rock, bei dem man schließlich den letzten Song gar nicht mehr vom vorletzten unterscheiden kann.

Erstaunlich ist am Ende allein die in diesem Maße selten gehörte Textsicherheit des Publikums, dessen Nerv Biffy Clyro nach einem sehr langen Anlauf mittlerweile offenbar getroffen haben. Und wirklich verblüffend ist, was für einen indiskutablen Sound – vorne viel zu laut, hinten viel zu höhenbetont, insgesamt so transparent wie der Nebel im schottischen Hochland – man bei Konzerten dieser Größenordnung nebst entsprechenden Eintrittspreisen dem Publikum vorzusetzen wagt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: