Sebastian Stengel offeriert schöne Flaschen im edlen Ambiente. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Sebastian Stengel bietet in seinem Laden in den Königsbaupassagen besondere Biere an. Irina Zimmermann widmet sich der Verbreitung von Braukultur.

Stuttgart - Die Pecheresse aus Belgien oder den Celebrator Doppelbock aus dem bayerischen Aying? In den Königsbaupassagen, im Shopping-Herzen der Stadt, hat im Oktober die Bierothek eröffnet. In den hinterleuchteten Regalen stehen einzelne Flaschen, inszeniert wie kleine Kunstwerke. Im Stock darüber ist ein Verkostungsraum, geöffnet ist Donnerstag bis Samstag sogar bis 22 Uhr. Das Konzept des Ladens für ausgefallene Bierspezialitäten, der nicht von ungefähr wie Vinothek klingt, stammt aus Bamberg. Stuttgart ist der siebte Shop und der erste in Baden-Württemberg.

Die Erfahrungen nach dem ersten halben Jahr in Stuttgart seien positiv, die Geschäfte gut angelaufen, die Tendenz sei steigend, sagt der Store-Manager Sebastian Stengel, der seine primäre Aufgabe darin sieht, „den normalen Endverbraucher für die Thematik zu begeistern.“ Und da muss laut Stengel in Deutschland trotz des Craft-Bier-Booms viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. „Es gibt immer noch große Vorbehalte gegen Neues: zu süß, zu parfümiert, zu fruchtig.“ Ziel sei es, die Bierotheken in Eins-a-Lagen anzusiedeln: sich nicht verstecken, sondern mit den Kunden dort kommunizieren, wo sie täglich einkaufen.

Bier und Sushi geht auch gut

Der Bierothek-Gründer Christian Klemenz ist Bier-Sommelier und damit ein Kollege von Irina Zimmermann, die in Esslingen lebt und seit kurzem Produkte von Dinkelacker und Schwabenbräuin einem „Bier-Kulinarium“ als edle Essensbegleiter anpreist. Ihr Lieblingsthema ist zurzeit, um im Bild zu bleiben, in aller Munde, ihre Verkostungen – etwa Bier und Käse oder Bier und Sushi – stoßen auf breites Interesse. „Das Thema läuft gerade sehr gut“, sagt sie.

Irina Zimmermann hat anderthalb Jahre auf einen Platz gewartet und die zweiwöchige Ausbildung in München und Salzburg dann 2010 absolviert. „Die Urkunde ist erst der Führerschein. Dann fangen Sie an, fahren zu lernen“, sagt Irina Zimmermann, die an keiner Bierzeitschrift vorbeikommt. Sie schätzt, dass sie weltweit rund 4000 Kollegen hat. 2015 hat sie an der Weltmeisterschaft der Branche in São Paulo teilgenommen, mit 53 Teilnehmern aus elf Nationen. Sie wurde Dritte. Die einzige Frau war sie sowieso.

Die 45-Jährige hat ihren Diplom-Ingenieur in Brauwesen noch in Kasachstan gemacht, im Alter von 20 Jahren hatte sie bereits die Produktleitung in einer kleinen Brauerei mit Mälzerei. Bis sie, inzwischen Mutter eines kleinen Kindes, ihrem Mann 1992 nach Deutschland folgte. „Einmal Brauerei, immer Brauerei“, sagt Irina Zimmermann, die glücklich strahlt, wenn sie durch die Tübinger Straße läuft. „Dieses Hopfenparfüm, das ist unfassbar, da könnte ich mich hineinlegen.“

Auch in der Sternegastronomie ist das Thema angekommen

Dennoch ist sie tagsüber im Außendienst in Sachen Mineralwasser unterwegs. Abends arbeitet sie als selbstständige Bierexpertin. Bier zu zelebrieren sei ein großes Thema, meint die Sommelière. Das sei einerseits in der Sternegastronomie angekommen, wo sie zunehmend gebucht werde. Anderseits sei Deutschland sehr konservativ. „Der Bauarbeiter mit der Bierflasche in der Hand ist immer noch das Bild in den meisten Köpfen.“ Das Image als Getränk für die Armen halte sich hartnäckig.

Unschuldig ist die Branche daran nicht, wie die Expertin erklärt. Viele Jahre waren die Brauereien darauf aus, dass ihr Bier ­immer genau gleich schmeckte. Die Folge: das einzige Unterscheidungsmerkmal für den Kunden war der Preis. Dem setzt Irina Zimmermann das Gefühlsmoment entgegen. Sie behauptet, dass sich neun von zehn Menschen daran erinnern, wie es war, als sie das erste Mal Bier getrunken haben. Das sei das Ziel: dem Allerweltsgetränk wieder Charakter zu geben. Nach dem Motto: „Mein Haus, mein Auto, mein Bier.“

Als Aperitif ein kühles Pils

Und wie empfiehlt man das weiter? „Indem man darüber redet.“ Über die Farbe, die von fast weiß bis annähernd schwarz ­reichen kann, über den Schaum, mal cremefarben und feinporig, mal karamellig oder über die Spritzigkeit. Deshalb trinkt Irina Zimmermann als Aperitif gerne mal ein kühles Pils. „Mit Prosecco können Sie mich jagen.“

Was ihr ebenso wenig schmeckt, ist die fehlende Glaskultur in Deutschland. „Welche Frau mag auf dem Volksfest diese Maßkrüge stemmen, geschweige denn aus ihnen trinken?“, fragt sie. Sie setzt bei ihren Proben spezielle Gläser ein und schaut neidisch nach Belgien, wo etwa das „Blonde“ traditionell in der Tulpe serviert wird.

Aber nicht nur mit dem äußeren Schein, auch mit den inneren Werten will sie die ­Damen vom gehobenen Biergenuss überzeugen. Bier habe weniger Kalorien als Sekt, und die darin enthaltene Hefe habe nicht nur eine beruhigende Wirkung, ­sondern außerdem reichlich Vitamin B: „Das steckt auch in allen Anti-Aging-Cremes“.

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