Liebe ist das Substrat der dicken Bibel, das auf einen dünnen Bierdeckel passen soll. Foto: EKHN

Kirche und Kneipe. Zwei kulturelle Errungenschaften, die auf eine lange Geschichte und eine rege Resonanz beim Volk zurückblicken. Hessens Protestanten haben nun beides vereint - im Bibel-Bierdeckel.

Frankfurt am Main - Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), eine von 20 Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hat sich zum Start in das Reformationsjahr einen ganz besonderen Werbegag einfallen lassen. „Die ganze Bibel auf einem Bierdeckel“ heißt das Motto der Aktion, die theologisch bierernst gemeint ist. Allerdings sind die 30 442 Verse des „Buches der Bücher“ dermaßen eingestampft worden, dass der Anspruch „Die ganze Bibel“ etwas weit hergeholt ist.

Die hessischen Protestantenfassen fassen das literarische Großwerk in drei kurzen Sätzen zusammen, so dass es auf einen ordinären Papp-Untersetzer passt: „1. Liebe Gott. 2. Liebe Dich selbst. 3. Liebe die Anderen.“ Eine Million Briefe mit Bierdeckeln sollen in den kommenden Tagen an die Kirchenmitglieder verschickt werden.

Bierdeckel zum Reformationsjubiläum

2017 jährt sich zum 500. Mal das Reformationsjubiläum. „Im Jahr 1517 hatte der damalige Mönch Martin Luther durch intensives Studium der Bibel neue Glaubenseinsichten gewonnen und damit die Reformation ausgelöst“, heißt es bei der EKHN. „Die Aktion unter dem Motto ‚Worüber reden wir eigentlich?‘ will das Zentrum des christlichen Glaubens ins Gespräch bringen“, erklärt Kirchenpräsident Volker Jung.

Die EKHN versendet seit 2012 zweimal im Jahr einen Brief an ihre rund 1,6 Millionen Mitglieder mit einem besonderen Glaubensanstoß. Diesmal ist es die rund 685 000 Euro teure Bierdeckel-Aktion. Die Nachfrage sei so groß, heißt es, dass von den Gemeinden bereits 210 000 zusätzliche Bierdeckel a 43 Cent pro Stück nachgeordert worden seien.

Drei biblische Kernsätze

Die Bierdeckel-Sendpost erläutere die drei biblischen Kernsätze, mit denen Jesus gemäß dem Matthäus-Evangelium (Kapitel 22, Vers 34ff.) die Frage nach dem „höchsten Gebot“ beantwortet hatte, heißt es auf der Homepage der EKHN. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“ – „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ – „In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“

Geschichte des Bierfilzes

Der gemeine Bierdeckel (auch Bierteller oder Bierfilz genannt) dient üblicherweise als Unterlage für Gläser, Krüge, Humpen und andere Utensilien zum Genuss des Gerstengebräus. Runde Bierdeckel haben ein Standardmaß von 107 Millimeter, quadratische Untersetzer entsprechend. Die Papp-Produkte sind 1,2 bis 1,5 Millimeter dick und wiegen fünf bis zehn Gramm.

Die Historie der Bierdeckel ist zwar nicht so lang und legendarisch wie die der Bibel, dennoch sind auch die Filzteile ein traditionsreiches Druckprodukt. Ihre Geburtsstunde schlug als 1880 die Kartonagenfabrik und Druckerei Friedrich Horn in Buckau bei Magdeburg erstmals Bierglasuntersetzer aus Pappe stanzte und mit verschiedenen Motive bedruckte. Robert Sputh aus Dresden kam 1892 auf die Idee, Faserguss-Untersetzer aus Papierbrei herzustellen, was die Massenproduktion des Bierdeckels erst ermöglichte.

1903 stellte Casimir Otto Katz den bis heute gebräuchlichen Bierdeckel aus frischem Fichtenholz in Holzschliffpappe erstmals industriell her. Seine im baden-württembergischen Weisenbach ansässige Firma mauserte sich zum Weltmarktführer für Bierdeckel. Der Ausstoß beträgt heute laut Katz Group rund drei Milliarden „Glasuntersetzer“.

Literarische Rekorde – Bibel und Bierdeckel

Ähnlich wie Bierdeckel bricht auch die Bibel alle Rekorde: Wie viele zig-Milliarden Exemplare bis dato gedruckt worden sind, weiß niemand so genau. Das Alte und Neue Testament wurden in mehr als 2300 Sprachen übersetzt – darunter Klingonisch (Kunst-Sprache einer außerirdischen Spezies in den „Star Trek“-Filmen) und Manx (ausgestorbene Sprache der Isle of Man).

Friedrich Merz und die Bierdeckel-Steuer

Ganz neu ist die Filzuntersetzer-Aktion allerdings nicht. 2003 präsentierte der CDU-Politiker und frühere Unions-Fraktionschef Friedrich Merz unter dem Schlagwort „Bierdeckelsteuer“ sein eigenwilliges Konzept zu einer Steuerreform. Die Steuererklärung sollte so verkürzt werden, dass sie auf einen Bierdeckel passt. Der als Rechtsanwalt und Manager tätige Merz schlug damals drei Steuerstufen von zwölf, 24 und 36 Prozent vor. 2013 nahm der heute 60-Jährige allerdings Abstand von seinem ursprünglichen Minimalismus und stellte zusammen mit anderen Finanzexperten die überarbeitete Version eines einfachen Steuerrechtsvor – auf 560 Seiten.

Kneipen als Orte des Glaubensgesprächs

Die Idee, die hinter der protestantischen Bierdeckel-Offensive steckt, ist zutiefst biblisch. Die EKHN greift Jesus Missionsbefehl aus dem Neuen Testament auf („Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“, Matthäus 28,19-20) und sucht nach neuen „Orten des Gesprächs“: „Die Bibel auf dem Bierdeckel anno 2016 verweist dabei auf Kneipen und andere Orte, an denen Gespräche und Diskussionen auch über grundlegende Fragen des Lebens stattfinden.“

Bierdeckel als Mittel zur Glaubensvermittlung. Die Kirchenoberen haben sich ihren Luther zu Herzen genommen. Der Reformator (1483-1546) hatte 1521 in nur elf Wochen das Neue Testamente aus dem Lateinischen und griechischen Original ins Deutsche übertragen. 1534 erschien die erste Gesamt-Lutherbibel. 1530 schrieb er in einem Brief den viel zitierten Satz: „Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, das man deutsch mit ihnen redet.“

Noch näher am Volk als mit Bierdeckeln kann man als Verkünder der Frohen Botschaft wahrlich nicht sein.

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