Bevor der Kunde bei Heinrich 3000 in Kornwestheim zu den sogenannten Fernsehbieren kommt, muss er an diesem Regal vorbei – damit er vielleicht doch mal etwas anderes probiert. Foto: factum/Granville

2016 feierte die Braubranche 500 Jahre Reinheitsgebot. Doch die Deutschen trinken immer weniger und immer günstigeres Bier – das spürt auch der Getränkehandel. Beobachtungen aus dem größten Biergeschäft der Republik, Heinrich 3000 in Kornwestheim.

Stuttgart - Das Reinheitsgebot, auf dessen 500-jähriges Bestehen dieses Jahr sogar die Kanzlerin angestoßen hat, sei bloß ein PR-Gag, sagt Michael Woschnik. „Da steckt nichts dahinter“, schnaubt der 36-Jährige, der beim Kornwestheimer Getränkemarkt Heinrich 3000 fürs Bier zuständig ist. „Schauen Sie auf die Etiketten. ‚Reinheitsgebot‘ steht da nur ganz klein.“ Er habe wegen des Jubiläumsjahrs jedenfalls nicht mehr Bier verkauft.

Woschnik sagt, Heinrich 3000 habe die größte Bierauswahl Deutschlands – „mindestens“. Die 3000 im Firmennamen steht nicht mehr nur die für 3000 Quadratmeter Fläche, die der 1959 als Garagenverkauf gestartete Familienbetrieb seit seinem Umzug ins Kornwestheimer Gewerbegebiet belegt. 3000 ist auch die Zahl der Biere, die es in dem Geschäft irgendwann zu kaufen geben soll.

So weit ist man davon nicht mehr entfernt. Das wird dem Kunden schon beim Betreten der Halle klar. Hinter der Pfandkasse stehen in Regalen eintausend Bierflaschen, keine davon doppelt. Insgesamt sind aktuell 2100 Biersorten vorrätig. Das sei kein Marketinggag, sondern die Lebensversicherung in einer unsicher gewordenen Branche, betont der Chef Wolfgang Heinrich.

Deutsches Bier: gut und billig?

In der Welt des Bieres ist einiges durcheinandergekommen. Immer noch glauben viele Biertrinker, dass hierzulande der beste Gerstensaft gebraut werde. Doch das Bierland Deutschland, wie man es bisher kennt, steckt in der Krise: Die Absätze stagnieren, der Konsum geht zurück, aktuell trinkt ein durchschnittlicher Einwohner (im internationalen Vergleich immer noch beachtliche) 98,4 Liter pro Jahr. Das Bierjahr hat außer vielen Medienberichten nichts gebracht. Das gibt selbst der Brauerbund zu, der das Jubeljahr zum Reinheitsgebot angeleiert hat. In den Büchern der Bierhändler jedenfalls schlug sich das Jubiläum nicht nieder. Die Deutschen, so scheint es, mögen ihre eigenen Biere nicht mehr – und wenn, dann nur noch zum Rabattpreis.

Fast drei Viertel aller bundesweit vertriebenen Biermarken werden inzwischen zum Aktionspreis verkauft, sagt Günther Guder. Das bezeichnet der Chef des Getränkehändlerverbands als Problem, „weil unsere Mitglieder solche Preise anders als Discounter nicht querfinanzieren können“. Damit die Kunden trotzdem kommen, müssten Getränkehändler mit Beratung, Service, Deko und Auswahl punkten.

Letzteres klappt bei Heinrich 3000 schon ganz gut. Die Biere sind hier nach Straßen sortiert. Es gibt eine Weizenstraße, eine Exportstraße, eine Radlerstraße und eine mit 48 Alkoholfreien. In den Straßen sind die Biere alphabetisch angeordnet: Altmühltaler Gold, Augustiner Edelstoff, Braumasters, Bräuchle, Distelhäuser, Dortmunder Union, Eichbaum. Dazu gesondert Land-, Keller- und Lagerbiere, eine Hallertauer Hopfen-Cuvée, etliche Porter-Varianten sowie aktuell diverse Bockbiere.

Wer mal ein neues Weizen ausprobieren will, ist da leicht überfordert – von unbekannten Namen wie Fiege oder Farny, Angaben zu Hopfung, Stammwürze, Bittereinheiten oder weil er vor Betreten der Bierstraße an der, steht da, „größten Auswahl fränkischer Biere außerhalb Frankens“ vorbei musste. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Paulaner in dem Markt die Marke mit dem größten Umsatz ist.

Die so genannten Fernsehbiere

Paulaner ist eines der sogenannten Fernsehbiere – bekannt aus TV-Werbung und Supermarktprospekt. Beck’s, Erdinger, Bitburger, Warsteiner fallen ebenfalls in diese Kategorie. Auch in Kornwestheim laufen Stammkunden die Pilsstraße ab, um einen Kasten Pilsner Urquell in den Einkaufswagen zu legen. Ihr Geld ist dem Bierchef Michael Woschnik, der sich in erster Linie als Kaufmann versteht, natürlich genauso recht wie das aller anderen. „Und doch ist nicht jedes Bier, das wir verkaufen, eine persönliche Empfehlung.“

In der Bierwelt, das muss man wissen, verschieben sich die Kräfteverhältnisse. Zumindest ein bisschen. Lange schien es eine Art Naturgesetz, dass die Großen die Kleinen schlucken. Brauereien wie Plochinger Waldhorn oder Schwieberdinger Landbräu, die Wolfgang Heinrichs Vater noch aus seiner Scheune heraus verkaufte, verschwanden vom Markt. Heute dominieren Konzerne mit großen Anlagen, die günstig brauen – und langweilig. Auch wegen der Fernsehbiere behaupten Gelegenheitstrinker, jedes Bier schmecke gleich.

Craft-Bier als Rettung?

Seit einigen Jahren formiert sich jedoch auch hierzulande die Gegenbewegung: Craft-Bier. Das ist der zweite Begriff, den man im Jubiläumsbierjahr neben „Reinheitsgebot“ gehört haben dürfte. Craft-Biere sind die Antithese zu den Fernsehbieren. Sie werden in kleinen Mengen gebraut, nicht zwingend nach dem Reinheitsgebot, aber möglichst charakteristisch im Geschmack. Sie haben ein hübsches Etikett und sind teuer. So wie vor Jahren die Wengerter die Literflasche Trollinger gegen die edel etikettierte Rotwein-Cuvée getauscht haben, setzen die Brauer von heute auf die 0,33-Flasche Imperial Stout statt auf die „Bauarbeiter-Halbe“.

Craft-Biere heben die Laune der Branche. Kunden kaufen nicht kastenweise, zahlen aber ohne mit der Wimper zu zucken drei Euro pro Flasche. Das macht Getränkehändlern Hoffnung, die den Preiskrieg gegen Discounter nur mühsam durchhalten. Derzeit, vermutet Günther Guder vom Getränkehändlerverband, liegt der Marktanteil bei zwei Prozent. „Aber die Craft-Bewegung macht Bier wieder spannend, es wird darüber geredet, man kann sich damit befassen.“

Auch Michael Woschnik befasst sich mit Craft-Bier, und zwar intensiv. Sein Chef lässt ihm freie Hand – auch bei der Deko. Inzwischen muss jeder Kunde, auch wenn er nur zum Aktionsbier will, an der neu gestalteten Craft-Bier-Abteilung vorbei. „Ist pünktlich zum Weihnachtsgeschäft fertig geworden!“, ruft Woschnik.

Eine Flasche Bier für 90 Euro

Zur Begrüßung hat er eine Schampusflasche auf den Tisch gestellt, die aber weder mit Champagner gefüllt ist noch geöffnet werden soll: „Kostet 90 Euro.“ Von der „1598 Fürst Wallerstein Edition Privée“ habe er erst zwei Stück verkauft: „Eines davon an mich selbst. Das war ein fast seidiges Gefühl auf der Zunge.“ Günstigere Sorten gehen in größerer Menge weg, in Kornwestheim verdoppeln sich die Craft-Beer-Umsätze jedes Jahr. Eine Nische, „aber der einzige Bereich im Getränkehandel, der wächst“, sagt Woschnik. Er ist ein Kaufmann, gibt aber den Craft-Bier-Missionar: wegen der Umsätze und wegen des Geschmacks.

Während der Fachsimpelei kann man im Augenwinkel die Kunden in der Craft-Bier-Abteilung beobachten. Meist sind es mittelalte Männer, die viel Zeit mitgebracht haben, um die in fünf Regalstockwerken geschichteten Spezialbiere zu mustern. Flaschen werden inspiziert, zurückgestellt, noch einmal angesehen, schließlich doch mitgenommen. Das Etikett gilt als bestes Verkaufsargument. „Es kostet bei vielen Craft-Bieren mehr als bei Oettinger eine ganze Flasche“, sagt Michael Woschnik – und lädt zur Spontanverkostung.

Bier Nummer eins: Kerlig Hell, mild gehopft aus Mainz, gebraut von einem ehemaligen HP-Mitarbeiter. Nummer zwei: das Killer Cucumber Ale der kanadischen Brauerei Steam­works, bei dem Gurken in den Sud geworfen werden. Und zum Abschluss, es sind Autofahrer anwesend, ein mit Kürbissen versetztes Pumpkin Ale. Woschnik würde am liebsten weitermachen, lässt sich aber stattdessen zu einem Spaziergang durch die Bierstraßen überreden. Im Vorbeigehen schwärmt er vom Zitronensaft im Gösser-Radler, schimpft auf die geschwungene Flasche der Brauerei Welde, lobt das Silberhälsle von Waldhaus und betont, dass er die 30er-Kiste Nörten-Hardenberger verkaufe, obwohl die kaum Gewinn abwerfe und „logistisch ein Albtraum“ sei.

Wer soll das alles trinken?

Eine Bierauswahl, die in Straßen angeboten wird. Hunderte Spezialbiere mit künstlerisch gestalteten Etiketten. Jahrgangsbiere in streng limitierter Auflage. Biere nach Brüsseler Spontangärungsmethode. Gurken-Ale aus Kanada. Wer soll das alles trinken?

Der Firmenchef Wolfgang Heinrich fragt zurück: Was solle er sonst machen? Fernsehbiere zum Rabattpreis zu verkaufen reiche nicht. An Lieferservice glaube er nicht, eher daran, dass die Leute künftig entweder so billig wie möglich kaufen oder Besonderes suchen.

Auch Michael Woschnik gibt sich überzeugt, dass eine große Auswahl nicht weniger als die Zukunft des von Discountern bedrängten Getränkehandels sei, denn „wir werden immer weniger Gewohnheitskäufer haben und immer mehr Was-habt-ihr-denn-Neues-Käufer“. Er bringe jedenfalls fast das gesamte Bier aus seinem Sortiment unter die Leute. Jetzt will er sich die Zielgruppe Frauen vornehmen, überhaupt erwarte er für die nächsten zehn Jahre „Wachstum, Wachstum, Wachstum“.

Vielleicht haben das deutsche Bier und der deutsche Getränkehandel ja doch eine Zukunft. Das Reinheitsgebot wird dabei aber die geringste Rolle spielen.

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