Hat große Pläne: Der Getränkegroßhändler Frank Di Marco möchte in Korntal-Münchingen Bier brauen. Mehr Fotos finden Sie in unserer Bildergalerie. Klicken Sie sich durch. Foto: factum/Jürgen Bach

Der Biersommelier Frank Di Marco möchte in Korntal-Münchingen eine Brauerei aufbauen. Mitstreiter hat er bereits – und auch ein Datum schwebt ihm vor. Auch die Nachbarorte haben oder hatten mit Bier zu tun. Eine Vor- und Rückschau.

Strohgäu - Warum gibt es in Korntal-Münchingen keine Brauerei? Das wird Frank Di Marco öfter gefragt. Sehr aktuell war das Thema, als der 51-jährige Münchinger Biersommelier vor gut zwei Jahren ein Seminar rund um das flüssige Gold hielt – und die Teilnehmer das Gelernte umsetzen wollten.

Der Gedanke an eine Brauerei im Ort geisterte Di Marco seitdem im Kopf herum. „Im Mittelalter wurde in Münchingen sicherlich wie überall in den privaten Haushalten für den Eigenbedarf Bier für die ganze Familie gebraut“, sagt er. Zudem gab es mindestens eine Brauerei (siehe Text unten). Wieso also nicht die Brautradition aufleben lassen? Als eine „Korntal-Münchingen-Sache“, die obendrein Identifikation mit der Stadt stiftet?

Bald könnte dies Realität werden: Bei einem Informationsabend fand Frank Di Marco 27 Interessenten für eine Braugemeinschaft. Sie blieben selbst am Ball, nachdem er die „romantischen Vorstellungen“ einiger Teilnehmer zerstört hatte. „Ein Brautag dauert acht Stunden. Danach ist die Anlage aber noch nicht geputzt. Hygiene ist immens wichtig“, sagt er. Das Schwierigste am Brauen sei die Vergärung. Wird aus dem Sud Bier, entstehen zudem Dämpfe und Gerüche.

Räume werden gesucht

Zunächst müssen Di Marco und seine Mitstreiter die Braugemeinschaft gründen, ihre Rechtsform und vor allem den Standort der Brauerei klären. „Wir suchen gerade Räumlichkeiten“, sagt Di Marco, der für die Brauanlage einen Kapitalbedarf von 5000 bis 7000 Euro veranschlagt.

Damit ließen sich auf einmal 200 Liter Bier herstellen – am liebsten mit Zutaten aus dem Ort. „Das Wasser muss aus Münchingen kommen, idealerweise aus einem Brunnen“, sagt Di Marco. Der Hopfen könne im Garten wachsen. Das größere Problem sei die aufwendige Herstellung von Malz aus Gerste. „Man könnte heimisches Getreide kaufen.“ Dabei erwähnt er, dass in den 1980er Jahren in Münchingen Braugerste angebaut wurde. „Das ist ein Anknüpfungspunkt für unsere neue Brautradition“, sagt Di Marco und lacht.

Sein Hauptaugenmerk liegt auf Münchingens Verbindung zu Zwiefalten (Kreis Reutlingen): Dem Kloster gehörte früher der Ortsteil. „Eventuell wurde das Getreide nach Zwiefalten zum Brauen geliefert“, sagt Di Marco. Und weil die Brauerei Zwiefalter Klosterbräu 2021 ihr 500-Jahr-Jubiläum feiert, fände er es so „schön wie sportlich“, wenn im selben Jahr KorntalMünchingen das erste Bier braut.

Dass sich aus dem Unterfangen einmal eine Großbrauerei entwickelt, bezweifelt Di Marco zwar. In welchem Umfang Bier gebraut und vermarktet wird, hänge aber von der Nachfrage ab. Gleichwohl seien Visionen da: Langfristig könnte zum Beispiel ein Raum mit Ausschank entstehen. In erster Linie sei das Brauen ein geselliges Erlebnis, betont Frank Di Marco.

Lokales Bier kommt an

Aus seiner Erfahrung als Getränkegroßhändler weiß der 51-Jährige, dass regionales und lokales Bier ankommt. Etwa 60 Prozent seiner 200 verschiedenen Sorten seien aus Württemberg, aber auch Baden. „Die Leute kaufen gerne Bier von hier“, sagt Di Marco. Er selbst wartete 2007 mit dem Hoba-Gold von Getränke Heck auf, abgefüllt in Gruibingen. Aber das ist passé.

Mit dem Wunsch, in Korntal-Münchingen Bier zu brauen, steht Di Marco nicht allein da: Die Macher der 2019 gegründeten Braumanufaktur Strohgäu – die Münchinger Bernd Holderrieth, Michael Beiermeister und Peter Lurwig – produzieren ihr Kellerbier No1 derzeit auf der Alb. Sie möchten es aber künftig im Ort herstellen. Di Marco nimmt’s gelassen. „Es herrscht kein Konkurrenzdenken“, sagt er. Jenes Bier verkauft er sogar in seinem Laden.

Vielleicht wird auch bald in Gerlingen gebraut: im früheren Gasthaus Hirsch, das jetzt die Mitmachzentrale ist. Geht es nach den Stuttgarter Kesselbrauern, zu denen auch der dortige Macher Uli Sailer zählt, entsteht ein „offenes Kommunalbrauhaus“. In Ditzingen nahm die Wichtel Hausbrauerei 1989 im ehemaligen Kino den Betrieb auf. Inzwischen wird allerdings nur noch in Stuttgart-Feuerbach und Böblingen gebraut. Der Keltenfürst braut nach eigenen Angaben in einer Privatbrauerei im fränkischen Ochsenfurt.

Historie: Ortsbrauereien sind verschwunden

Der Most, er war über Jahrhunderte hinweg allgegenwärtig in den schwäbischen Bauerndörfern im Strohgäu. Aber Bier? Das gibt es, hierzulande am Ort hergestellt, seit Mitte des 19. Jahrhunderts – die Brauer, die meist auch eine Wirtschaft hatten, brauchten eine Konzession des Oberamts. Und das Flaschenbier kam noch später. Von den Ortsbrauereien gibt es keine mehr – aber Zeugnisse. Wie einen Eiskeller.

Die dazu gehörende Brauerei in Gerlingen war der „Hirsch“. Das Traditionslokal an der Hauptstraße, das heute der Stadt gehört und in dem im Sommer 2018 die letzte Pizza gebacken wurde, gehörte in den 1850er-Jahren dem Hirschwirt Johann Christoph Wagner. Das Gasthaus brannte 1853 ab – und zum Neuaufbau beantragte der Wirt auch ein Brauhaus. Das wurde 1862 genehmigt. Im Erdgeschoss des Hauses, das heute nicht mehr steht, wurde die Brauerei eingerichtet, im ersten Stock das Malz gedörrt und ein paar Hundert Meter weiter an der Alten Steige ein Eiskeller eingerichtet – den es heute noch gibt. Auch die Zutaten kamen aus der Nähe: Die Gemeinde baute von 1868 Hopfen an, hielt der Leiter des Stadtarchivs, Klaus Herrmann, in einem Artikel fest, die Gerste lieferten örtliche Bauern. Die Hopfenblüten wurden an zahlreichen Orten getrocknet – auch auf dem Dachboden der Petruskirche. Das Braugebäude stand bis 1914, weiß Jürgen Wöhler vom Heimatpflegeverein. Nicht nur dieser Verein setzt sich dafür ein, dass der nun 160 Jahre alte „Hirsch“ erhalten bleibt. Als Interim gibt es im Haus die agile Mitmachzentrale.

Der „Schwanen“ war die einzige Brauerei in Ditzingen

In Ditzingen wurde im 19. Jahrhundert nur im „Schwanen“ in der Leonberger Straße Bier gebraut, berichtet Florian Hoffmann vom Stadtarchiv. Das Haus wurde 1842 vom Küfermeister und Bierbrauer Johann Georg Pandtle gebaut. Vier Jahre später folgte ihm die Familie Stähle nach; sie hielt den Betrieb bis 1909 aufrecht. Die Gaststätte blieb bis zur Mitte der Achtzigerjahre, 1994 fiel das Haus.

Im damals noch selbstständigen Heimerdingen entstand schon 1839 die Bierbrauerei der Gebrüder Gottlieb und Conrad Maier. Sie ging 1879 nach einer kurzen Zwischenstation an den Bierbrauer Friedrich Hummel aus Weilimdorf über, die Wirtschaft „Zur Brauerei“ bestand bis zum Jahr 2000. Schon lange vorher war das Brauhaus aufgegeben worden.

Im benachbarten Hemmingen existierte im 19. Jahrhundert beim Gasthaus „Zum Schiff“ eine Küferwerkstatt und eine Brauerei. Die Wirtschaft sei beliebt gewesen, schreibt der Ortsgeschichtliche Verein auf dem Schild des Ortsrundgangs, auch „wegen seiner jungen Wirtin“. Im Strohgäu sei der Most „sicherlich nie richtig durch das Bier verdrängt worden“, meint der Ortspomologe und -historiker Matthias Braun. Bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts servierten Wirtshäuser Bier nicht nur im Krug oder Glas im Schankraum, sondern sie verkauften es auch außer Haus. Da mussten die Kinder oftmals mit Vaters Krug zum Wirt gehen, denn das Flaschenbier kam erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf.

In Münchingen schließlich ist 1879 bei der Wirtschaft zur Linde eine Brauerei nachgewiesen. In diesem Jahr beantragte der Wirt und Bierbrauer Jung Johannes Bayha, eine Wasserleitung dorthin verlegen zu dürfen, um sich den Aufwand für einen eigenen Brunnen sparen zu können. Auch diese Braustätte ist Vergangenheit.

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