Die Deutschen trinken gerne Bier, wenn es von einer regionalen Brauerei kommt Foto: dpa

Nach dem Schub durch die Fußball-WM in Brasilien tun sich die Brauereien in diesem Jahr schwerer. Das gute Sommerwetter hilft. Besser aber ist es, auf Regionalität und neue Sorten wie Pale Ale zu setzen.

Stuttgart - Noch ein paar wenige Kisten sind übrig von Werner Dinkelakers neuestem Coup. Der Chef der Schönbuch Braumanufaktur in Böblingen hat seinen Braumeister zum Tag des Bieres am 23. April ein Amber Ale kreieren lassen, das bernsteinfarben ist, nach Erdbeeren duftet und an die belgische Brautradition anknüpft. Brauereien aus 16 Nationen haben den Sud gleichzeitig angesetzt, um es ins Guinness-Buch der Rekorde zu schaffen. Über den Tresen geht die Spezialität seither nur in ausgesuchten Brauhäusern und Gaststätten, die zum Kundenkreis der Schönbuch-Brauerei zählen. 70 000 Liter davon wurden abgefüllt.

Die deutschen Biertrinker werden wählerischer. Alle großen Brauereien wie Veltins (minus 3,5 Prozent) oder Warsteiner (minus 7,7 Prozent) mussten im ersten Halbjahr 2015 deutliche Rückgänge verkraften, bei Krombacher fällt dieser mit 0,3 Prozent noch vergleichsweise gering aus. Auch in Baden-Württemberg hat das Jahr verhalten angefangen. „Von Januar bis Mai verzeichnen wir beim Absatz in diesem Jahr in ­Baden-Württemberg ein Minus von vier Prozent“, sagt Axel Grehl, Sprecher des Landes-Brauerbunds. Das heiße Sommerwetter vom Juni und Juli ist da aber noch nicht berücksichtigt. Im vergangenen Jahr lag das Plus noch bei 3,5 Prozent. 633 Millionen Liter Bier liefen durch die Kehlen. 2013 waren es 612 Millionen Liter.

Auch Experimentierfreude gehört zum Erfolgsrezept

Die Schönbuch Braumanufaktur kann sich gegen diesen negativen Trend stemmen. In den ersten sechs Monaten des Jahres verzeichnete Geschäftsführer Werner Dinkel­aker ein Absatz-Plus von sieben Prozent. Schon seit vielen Jahren ist die Brauerei auf Wachstumskurs. Das Rezept für den Erfolg hat für Dinkelaker viele Zutaten. So setzt er etwa konsequent auf Regionalität. Die Braugerste kommt von Landwirten in einem Umkreis von zehn Kilometern um die Brauerei. Denen zahlt er einen Zuschlag auf den sonst üblichen Marktpreis.

„So etwas spricht sich bei den Kunden herum“, glaubt Dinkelaker. Zudem ist die Brauerei extrem experimentierfreudig. Dinkelaker war einer der Ersten, der ein Pale Ale angelsächsischer Brauart auf den Markt brachte. Zuvor war die Craft-Beer-Bewegung, eine alternative Bierkultur mit neuen Sorten, nur in den USA bekannt. „Innovationen werden vom Kunden geschätzt“, sagt Dinkelaker.

Für den Brauerbund Baden-Württemberg ist diese Entwicklung keine Überraschung. „Wir stellen fest, dass viele kleine und mittlere Brauereien von einer neuen Bierkultur profitieren“, sagt Grehl. Auch für das Bier gelte inzwischen: „Regional ist das neue Bio.“ Hinzu komme eine deutlich gestiegene Vielfalt. Pils, Export und Weizen war einmal. Der Konsum insgesamt werde immer individueller. Dem würden auch die Brauereien Rechnung tragen. „Wenn ich zwölf Sorten Bier anbiete, habe ich zwar einen enormen Aufwand beim Brauen, aber der lohnt sich“, sagt Grehl. Inzwischen seien die Kunden auch bereit, für gute Qualität mehr zu bezahlen. „Wenn die Verbraucher auf Klasse statt Masse setzen, haben die Brauereien in Baden-Württemberg einen Vorteil“, ist Grehl überzeugt.

"Die Konsumenten wollen weg vom Einheitsbier"

Vom Trend zur Regionalität profitiert auch Dinkelacker. Die Brauerei ist zwar alles andere als klein, aber noch in Familienbesitz. „Die Konsumenten wollen weg vom Einheitsbier, das von Flensburg bis Berchtesgaden gleich schmeckt“, sagt Bernhard Schwarz, Geschäftsführer von Dinkelacker. Er meldet im ersten Halbjahr beim Absatz ein Plus von 2,8 Prozent. Beim Flaschenbier seien es sogar vier Prozent. Dies habe auch mit dem neuen Markenauftritt von Dinkelacker zu tun, der Ende März an den Start ging. Alu und Hochglanz auf der Flasche sind Vergangenheit. Stattdessen kommen die Etiketten in warmen Tönen und klarer Schrift daher. Auf der Rückseite sind die Zutaten aufgelistet – um die Qualität des Bieres herauszustreichen. „Die Kunden sprechen darauf an“, sagt Schwarz.

Auch bei Dinkelacker hat sich das Angebot deutlich ausgeweitet. Kellerbiere, Radler oder dunkle Sorten gehören da selbstverständlich zum Repertoire. Auch im Handel wächst die Vielfalt – der Standardkasten mit zwanzig Halbliterflaschen ist inzwischen nur eine Gebindeform von vielen. Kleine Kisten oder Sixpacks im Pappträger werden zunehmend beliebter. „In Single-Haushalten in der Stadt decken sich die Leute nicht mehr mit den großen Kisten ein“, sagt Schwarz. Ein weiterer Trend ist alkoholfrei – vor allem beim Weizenbier. „Bei unserer Marke Sanwald macht dies inzwischen fünf bis sechs Prozent des Volumens aus.“

Rund 80 Millionen Liter hat die Dinkelacker-Brauerei mit all ihren Marken von Dinkelacker über Schwabenbräu, Cluss und Wulle bis Haigerlocher im vergangenen Jahr abgesetzt. Bis zum Ende des Jahres rechnet Schwarz mit einem Plus von drei Prozent. Das derzeit heiße Sommerwetter verstärkt den Durst – und schließlich ist das Volksfest auf dem Cannstatter Wasen auch nicht mehr allzu fern. Dort versorgt die Brauerei gleich drei Zelte. Nur eine Fußball-WM kommt ­leider nur alle vier Jahre.

Zahlen und Fakten

189 Braustätten gibt es in Baden-Württemberg.   Mehr Brauereien gibt es nur in Bayern (632). Nordrhein-Westfalen folgt auf dem dritten Platz (132). Schlusslicht ist Sachsen-Anhalt mit 20. In Deutschland waren es  2014 insgesamt 1352 Braustätten – Tendenz steigend.

95,3 Millionen Hektoliter betrug der Bierausstoß im Jahr 2014 bundesweit. Das war ein wenig mehr als 2013 (94,4). Der Trend ist aber rückläufig. 2008 etwa waren es noch knapp 100 Millionen Hektoliter. 

16,2 Prozent des deutschen Bierausstoßes werden ins Ausland exportiert. Das sind 15,4 Millionen Hektoliter. Der Anteil nimmt seit Jahren zu.

684 Millionen Euro betrugen die Biersteuereinnahmen in Deutschland  2014. Auch dieser Wert geht analog zum Ausstoß leicht zurück. 2010 waren es noch 713 Millionen Euro.

107 Liter Bier trinkt der Deutsche im Durchschnitt pro Jahr (2014).  2006, im Jahr der Fußball-WM in Deutschland, waren es  noch 116 Liter. Mehr trinken aktuell in Europa nur die Tschechen (144 Liter). Österreich liegt an dritter Stelle (106 Liter). Schlusslichter sind Frankreich (30 Liter) und Italien (29 Liter).

26 752 Beschäftigte arbeiteten im Jahr 2014 bei Brauereien mit mehr als 20 Mitarbeitern. 2006 waren es noch 31 381. Im Jahr 2008 rutschte die Zahl mit 29 637 erstmals unter die Marke von 30 000.

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