Das geplante Friedenskonzert in der Sindelfinger Ulu-Moschee hat nicht stattgefunden. Foto: Archiv/Thomas Bischof

Zwist um Gebetsruf vom Minarett: Das im Rahmen der Biennale Sindelfingen geplante Friedenskonzert in der Ulu-Moschee wurde am Konzertsonntag kurzfristig abgesagt.

Äußerst kurzfristig und einigermaßen kryptisch – so wirkte am Sonntagmittag die Absage des für den selben Abend geplanten Friedenskonzerts in der Ulu-Moschee. Im Rahmen der Biennale sollte der Sindelfinger Kammerchor in dem islamischen Gotteshaus am Goldberg auftreten und im Wechsel mit dem Gebetsgesang eines muslimischen Geistlichen christliche Gesangsstücke vortragen. Dazu kam es aber nicht. Die kurzfristige Absage irritiert und wirft Fragen auf.

 

Eine zufriedenstellende Antwort lieferten am Sonntag weder die Stadt Sindelfingen noch die Gastgeber der Moschee-Gemeinde. „Die Rahmenbedingungen für den Auftritt haben sich kurzfristig geändert“, ließ die Rathausverwaltung auf der Biennale-Homepage und über ihre Social-Media-Kanäle verlauten.

Stadt spricht von „veränderten Rahmenbedingungen“

Was mit den besagten „Rahmenbedingungen“ gemeint ist, schreibt die Moschee-Gemeinde (Ditib Ulucamii Sindelfingen) auf ihrer Facebook-Seite. „Das Programm, das wir heute in unserer Moschee mit der Gemeinde geplant haben, zusammen mit der Bedingung, Azān außerhalb des Minaretts in unserer Moschee zu lesen, wurde abgesagt“, heißt es dort mit Verweis auf die Sindelfinger Stadtverwaltung, die dies untersagt habe.

Mit Azān oder Adhān ist der islamische Gebetsruf gemeint, der in Moscheen in arabischer Sprache fünfmal täglich zum Aufruf des gemeinschaftlichen Gebets sowie zum Freitagsgebet aufruft. In Sindelfingen ist dies nicht gestattet. Allerdings war eigens für das Friedenskonzert eine Ausnahme angedacht: Yusuf Yavuzyasar, der Religionsbeauftragte der Moschee, sollte zwischen dem Chorgesang Koranverse vortragen.

Über die Frage, ob er dies vom Minarett herunter tun darf, hatte sich offenbar mit näherrückendem Konzerttermin ein Konflikt angebahnt. Wie aus dem Umfeld der Moschee-Gemeinde zu hören ist, habe die Stadt mündlich zugesagt, den Gebetsgesang vom Minarett als einmaliges Ereignis im Rahmen des Konzerts zu erlauben. Dann jedoch sei die Verwaltung am Freitagabend kurzfristig von der Zusage wieder abgerückt. Wie aus Gemeinderatskreisen zu hören ist, hatte Oberbürgermeister Bernd Vöhringer erst am Freitagnachmittag – also nur zwei Tage vor dem Konzert – die Fraktionen angerufen, um sich ein Stimmungsbild zu dieser Frage einzuholen. Offenbar hatte er das Gremium damit überrumpelt: Die kurzfristige Umfrage ergab ein eher gemischtes Meinungsbild.

Moschee-Gemeinde sieht zurückgezogene Zusage als Vertragsbruch an

Innerhalb der Moschee-Gemeinde wurde die zurückgezogene Zusage als Vertragsbruch angesehen, weswegen man quasi als Retourkutsche seinerseits verbot, das Konzert im Sakralraum der Moschee abhalten zu dürfen. Unklar ist, ob womöglich auch der Ditib-Vorstand in Köln Einfluss auf die Entscheidung genommen hat.

Chorleiter und Kulturamtschef Markus Nau drückt in einer Stellungnahme sein Bedauern über das abgesagte Konzert aus. Das Kompromissangebot, den Kammerchor stattdessen in einem vergleichsweise schmucklosen Nebenraum singen zu lassen, lehnte er dankend ab. „Wir stehen weiterhin im Dialog und hoffen, die Veranstaltung zu einem späteren Zeitpunkt nachholen zu können“, sagt der Biennale-Organisator im Sindelfinger Rathaus. Erst am Samstagmittag hatte die Moschee noch im Rahmen der Biennale-Pilgerwege, die an diesem Tag unter anderem in die Kirche St. Maria und in die Versöhnungskirche führten, ihre Türen für eine Besichtigung geöffnet. Und noch am Samstagnachmittag hatte der Kammerchor hier für das Konzert geprobt. „Wir hatten uns so sehr auf diese schönen menschlichen Begegnungen gefreut“, sagt ein enttäuschtes Chormitglied.

Rund 30 Personen hatten von der Absage nichts mitbekommen

Enttäuscht waren auch die rund 30 Personen, die am Sonntag nichts von der Absage mitbekommen hatten und deshalb um 18.30 Uhr vor der Moschee standen. Damit sie nicht ganz umsonst gekommen waren, hatte die islamische Gemeinde die Gäste zu einer spontanen Moschee-Führung eingeladen. Einige waren sogar zum Abendgebet geblieben – womit die Veranstaltung zumindest noch für einen kleinen Personenkreis das geleistet hat, was ursprünglich damit beabsichtigt war: einen interreligiösen Dialog.