US-Präsident Joe Biden hat das Massaker an den christlichen Armeniern von 1915 ausdrücklich als „Völkermord“ bezeichnet. Damit hat sich das Kräfteverhältnis in der Beziehung zwischen den USA und der Türkei verlagert, kommentier unsere Türkei-Korrespondentin Susanne Güsten.
Ankara/Washington - Die Erklärung von US-Präsident Joe Biden zum Völkermord an den Armeniern ist ein Wendepunkt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat bisher in der Annahme gehandelt, die Türkei sei für den Westen so unentbehrlich, dass selbst die Supermacht USA darauf achten müsse, sie nicht zu verärgern. Das hat sich geändert. Biden will Ankara klarmachen, dass die Türkei Amerika mehr braucht als umgekehrt.
Der Traum von der türkischen Großmachtrolle gründet auf Selbstüberschätzung
Die Türkei versteht sich als Regionalmacht, an der niemand vorbeikommt, auch nicht die USA. Doch die Biden-Regierung sieht Erdogan als Autokraten, dem Grenzen gesetzt werden müssen. „Wir dürfen die Türkei nicht verlieren“, lautete lange ein Grundsatz europäischer und amerikanischer Politik gegenüber Ankara. Biden signalisiert: Die Türkei ist dabei, den Westen zu verlieren. Damit ändern sich die Spielregeln. Die US-Regierung setzt darauf, dass die Türkei keine Alternative zum Westen hat. Russland oder China taugen weder strategisch noch wirtschaftlich als Ersatz, und der Traum von der türkischen Großmachtrolle gründet auf Selbstüberschätzung.
Eine Folge des türkisch-amerikanischen Streits könnte eine stärkere Hinwendung Erdogans zur EU sein. Erdogan braucht mehr denn je starke Partner, die ihm aus der politischen Isolation heraushelfen. Anders als bei Biden konnte Erdogan mit seiner jüngsten Charme-Offensive bei der EU punkten. Aber: Die Europäer bestehen auf türkischem Wohlverhalten gegenüber Griechenland und Zypern und stellen Bedingungen für einen Ausbau der Zollunion. Bidens Schritt könnte helfen, die Türkei auf den Boden der politischen Tatsachen zurückzuholen.
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