Bibliotheken im Strohgäu Bücherei als Treffpunkt und Erlebnisort

Von Stefanie Köhler 

Medien auszuleihen und mitzunehmen, steht nicht mehr für jeden Besucher im Mittelpunkt, der in die Bücherei in Ditzingen, Korntal-Münchingen, Hemmingen oder Gerlingen geht.

Strohgäu - Wiebke von der Foehr erinnert sich noch gut an die Situation, der es geschuldet ist, dass die Büchereien in Korntal und in Münchingen einen Kaffeeautomaten bekommen haben. Vor gut fünf Jahren, als in Korntal im Rahmen der „Lesedrachen“ Lesepaten Kindern vorgelesen haben, saßen einige Mütter wartend am Rand. Sie unterhielten sich und äußerten auch den Wunsch nach einer Tasse Kaffee. Wie schön das doch wäre, wie gemütlich. Die Leiterin der Stadtbücherei Korntal-Münchingen zögerte nicht und sorgte für einen Kaffeeautomaten. Seitdem trinken nicht nur wartende Mütter in der Kinderecke Kaffee. Besucher gönnen sich eine Tasse, während sie Zeitungen und Zeitschriften lesen oder in Büchern schmökern, während sie am Computer arbeiten oder lernen. Während sie sich einfach nur unterhalten oder kostenlos im Internet surfen. Andere bringen sich selbst Getränke mit.

Sinn der Bücherei verändert sich

Die Büchereien im Strohgäu sind heute mehr als bloß Orte, an denen die Menschen stumm Bücher entleihen, um sie zuhause zu lesen, an denen spielende Kinder, diskutierende Jugendliche oder gesprächige Erwachsene mit einem strengen „Pst!“ gemaßregelt werden. „Der Sinn der Bücherei verändert sich. Medien auszuleihen und mitzunehmen, steht nicht mehr für jeden im Mittelpunkt“, stellt Wiebke von der Foehr fest. Vielmehr entwickelten sich die Einrichtungen zu Aufenthalts- und Erlebnisorten, zu sozialen und kreativen Treffpunkten, zu offenen Häusern. Das hat Folgen. „Wir müssen Atmosphäre schaffen, einen Ort mit Wohlfühl- und Aufenthaltscharakter“, sagt die Expertin aus Korntal-Münchingen. Bibliotheken dürften keine Hemmschwelle haben, und „weiche Faktoren“ wie eine Tasse Kaffee trügen dazu bei. „Büchereien müssen so selbstverständlich sein wie Supermärkte. Sie müssen zur Alltagskultur gehören“, sagt von der Foehr. „Andernfalls können wir dicht machen.“

Stefanie Schütte, die Leiterin der Ditzinger Stadtbibliothek, nennt die Bücherei den inzwischen dritten Ort der Menschen – nach dem Zuhause als dem ersten und dem Büro beziehungsweise der Schule als dem zweiten Ort. Für Schütte liegt die Erklärung auf der Hand. „Die Bücherei ist ein geschützter Raum. Hier kann man sein, ohne etwas zu kaufen oder zu konsumieren.“

Angesichts der Digitalisierung sehen sich die Büchereien mit Nutzern konfrontiert, die veränderte Bedürfnisse und gestiegene Ansprüche haben. „Vor dem Internet hatten die Bibliotheken das Informationsmonopol“, sagt Schütte. Man suchte die entsprechende Lektüre oder Information und ging wieder heim. Heute fragt man von jedem Ort aus die Internetsuchmaschine Google nach Antworten, statt dicke Lexika zu wälzen. Information ist weiter wichtig, doch sie soll heute schnell verfügbar sein. Gerade Jüngere lesen gerne digital. Das ist mit ein Grund, warum sich auch der Bestand der Büchereien verändert: Es gibt zum Beispiel mehr elektronische Medien und weniger Lexika und Sachbücher.

Manchen reicht der Trubel

Menschen gehen aus verschiedenen Gründen in die Bücherei. Manche haben daheim keinen Internetzugang und sind auf Sachbücher und Lexika angewiesen oder nutzen die Computer vor Ort. Andere lesen gern und sehen die Ausleihe als kostengünstige Art, ihrer Leidenschaft nachzukommen – zumal sie anders als im Internet in der Bibliothek Orientierung, Anregung und Beratung erhalten. Schüler treffen sich zum Lernen, denn Lehrer bestehen darauf, dass sie als Quellen auch gedruckte Literatur verwenden. Wieder andere überbrücken Wartezeiten oder suchen Kommunikation. „Gerade Ältere kommen oft nur zum Gespräch“, sagt Petra Kläger-Obermüller, die Leiterin der Hemminger Bücherei. Dort gibt es seit 2001 Kaffee, Tee und Kakao – der Automat existiert bereits seit der Eröffnung der Einrichtung vor 16 Jahren an der Hauptstraße und werde gehegt und gepflegt. Jedoch sind Getränke nur im Lesecafé erlaubt, die Besucher dürfen sich aber Bücher mit reinnehmen. Die Bücherei in Gerlingen ist indes die einzige, die Essen und Getränke verbietet. „Dennoch lesen Besucher teilweise stundenlang die Zeitung“, sagt die Leiterin Ulrike Born.

Umräumen und umbauen

Was auch immer der Grund für den Gang in Büchereien ist – diese lassen sich viel einfallen. Sie räumen und bauen um, richten mehr Arbeits – und Sitzplätze mit Sofas und Sesseln ein, Kinderecken und Jugendräume, aber auch mehr Ruhezonen. In Gerlingen etwa wird ein Raum, der aufgrund des schrumpfenden Sachbuch-Bestands frei wird, mit weiteren Computerarbeitsplätzen ausgestattet und zum Gruppenarbeitsraum umfunktioniert. „Zu uns kommen immer mehr Schülergruppen“, sagt Ulrike Born. Angesichts einer rückläufigen Vor-Ort-Ausleihe müsse man den Nutzern attraktive Angebote machen. Auch Ditzingen stellt sich auf die Schüler ein und will in diesem Jahr im Untergeschoss in der Jugendbibliothek mehr Lernplätze einrichten – mit beweglichen Möbeln, damit die jungen Leute ihre Arbeitsplätze nach ihren Bedürfnissen zusammenstellen können.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene unter einen Hut zu bekommen, stellt die Mitarbeiter vor Herausforderungen. Manchmal stört sich ein Erwachsener an zu lauten Kindern. Dann ist es an ihm, sein Problem zu melden und am Personal, etwas mehr Ruhe anzumahnen und Lösungen zu finden. „Wir wollen niemanden ausschließen. Unsere Aufgabe ist es, Kinder mit Früh- und Leseförderung an Medien heranzuführen und die Erwachsenen zu halten“, sagt Wiebke von der Foehr aus Korntal-Münchingen. Zugleich müssen die Mitarbeiter technisch versiert sein, um zum Beispiel bei Problemen mit dem E-Book helfen zu können. Auch haben es sich die Büchereien zur Aufgabe gemacht, Veranstaltungen zum Umgang mit dem Internet oder mit digitalen Medien anzubieten. „Unsere Leser erwarten grundsätzlich ein Programm abseits der Norm, das heißt mehr als die klassischen Lesungen“, sagt Stefanie Schütte aus Ditzingen.

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