Biber gestalten ihren Lebensraum nach eigenen Vorstellungen. Foto: dpa/Felix Heyder

Die ausgerotteten Wildtiere kehren in ihre alten Reviere zurück. Die Körsch auf den Fildern gilt als potenzielles Biberquartier. Für Naturschützer und Experten ist das ein Grund zur Freude. Für Problemfälle gibt es Biberbeauftragte.

Filder - Die tierischen Baumeister sind wieder da. Zwei Funde von toten Bibern wurden dem Stuttgarter Regierungspräsidium in den vergangenen Monaten aus der Gegend rund um Stuttgart-Vaihingen und Stuttgart-Degerloch gemeldet. Die Hinweise auf ein beständiges, wenn auch langsames Wachsen der Population mehren sich. Doch was bedeutet diese Entwicklung für das Miteinander von Mensch und Tier, und wo siedeln sich Europas größte Nager überhaupt an?

Warum war der Biber so lange verschwunden?

„Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war der europäische Biber in unserem Gebiet – wie fast in ganz Europa – durch die Jagd ausgerottet“, erzählt Julia Kässer vom Regierungspräsidium Stuttgart. Sein wohlschmeckendes Fleisch war als Fastenspeise eine begehrte Spezialität. Das wärmende Fell wurde verarbeitet und das Sekret seiner Analdrüsen – auch Bibergeil genannt – galt als therapeutisches Wundermittel. Es enthält Salicylsäure, die auch heute noch in Schmerzmitteln verwendet wird.

Wer ist vor Ort für die Wiederansiedlung der fleißigen Nager verantwortlich?

Gesteuert wird der Prozess vom Stuttgarter Regierungspräsidium. In Zusammenarbeit mit den Unteren Naturschutzbehörden der Landratsämter wurde ein Bibermanagement entwickelt. Alle Landkreise, in denen sich die begabten Baumeister niederlassen, haben ehrenamtliche Berater, die den Prozess begleiten und weiterhelfen, wenn es Fragen gibt oder es zu Konflikten kommt.

Woher kommen die Tiere, die jetzt bei uns heimisch werden?

„Seit etwa 1990 wandert der Biber von Osten aus Bayern kommend selbstständig wieder in seine angestammten Reviere ein“, erzählt Julia Kässer. Dabei nutzt er große Fließgewässer wie die Jagst, die Kocher und den Neckar als Verbreitungskorridore. Und so erreicht er auch deren Nebengewässer. Eine aktive Wiederansiedlung des Bibers wird dabei nicht vorgenommen.

Wie viele Tiere haben sich im Landkreis Esslingen und rund um Stuttgart bereits angesiedelt, und wo leben sie?

Genaue Aufstellungen über die Anzahl von Biberrevieren oder einzelner Tiere werden vom Regierungspräsidium Stuttgart nicht erhoben. „Die Maßnahmen sind auf Konfliktprävention ausgerichtet und nicht auf die Bestimmung der Bestandsdichte“, berichtet die Pressereferentin. Landesweit wird ihre Zahl derzeit auf 5500 Tiere geschätzt. Im Landkreis Esslingen wurde 2017 eine ehrenamtliche Biberkartierung durchgeführt, die vom Nabu Kreisverband und dem Wildtierbeauftragten des Kreises begleitet wurde. Dabei wurden sechs Biberreviere ermittelt. Die Schwerpunkte lagen am Neckar, an der Aich sowie am „Beutwangsee/Autmut“, den Naturschutzgebieten „Am Rank“ und „Schülesee“ sowie den Wernauer Baggerseen/Neckarwasen. Der gesamte Bestand wurde auf etwa 14 bis 16 Tiere geschätzt. Als potenzielles Biberquartier gelten zudem die Körsch und die Glems.

Droht eine Biberschwemme?

Bei der Ansiedlung der Biber ist noch viel Luft nach oben. „Wir gehen davon aus, dass sich diese Art nach und nach in allen Landkreisen wieder ansiedelt“, stellt Julia Kässer in Aussicht. Wie lange der Prozess in den jeweiligen Gebieten dauert, könne man nicht pauschal sagen. Der Zuwanderung der Biber sind dabei aber natürliche Grenzen gesetzt. Udo Dubnitzki, Bezirksreferent für Gewässer beim Landesfischereiverband Baden-Württemberg, klärt auf: „Biber leben monogam und sind reviertreu. Das europäische Biberpaar hat ein bis zwei Junge pro Jahr. Zwei Jahre lang leben sie bei den Eltern, dann müssen sie sich ein eigenes Revier suchen. Sind alle Reviere besetzt, werden diese von den angestammten Bewohnern rigoros verteidigt. Die Population regelt sich so auf natürliche Weise.“

Welche Konflikte gibt es durch die Wiederansiedlung des Bibers?

Biber sind unermüdliche Baumeister und gestalten ihren Lebensraum nach eigenen Vorstellungen. Sie fällen Bäume, bauen Dämme und strukturieren die von ihnen bewohnte Auenlandschaft um. Die Ökologie der Gewässer profitiert davon. „Insgesamt haben Biberaktivitäten für 73 Tier- und Pflanzenarten nachgewiesenermaßen positive Aspekte“, sagen die Experten des Nabu Baden-Württemberg. Die häufigsten Konflikte gibt es laut Nabu mit Gewässeranliegern, der Wasser- und Landwirtschaft, in Fischzuchtbetrieben oder an Verkehrswegen. Etwa 90 Prozent der Biber-Konflikte treten dabei im Abstand von maximal zehn Metern vom Ufer auf.

Wie können die ehrenamtlichen Biberberater helfen?

Udo Dubnitzki ist nicht nur begeisterter Biberfan, sondern auch als ehrenamtlicher Biberberater im Einsatz. „Der Biber ist ein genialer Landschaftsgestalter“, schwärmt er. Tag für Tag sieht er an den Gewässern nach dem Rechten, organisiert Führungen und klärt auf. „Der Biber ist ein Fluchttier. In der Regel sucht er das Weite, wenn sich Menschen nähern“, erzählt der Experte. Da der europäische Biber im Gegensatz zum kanadischen Biber nicht in Biberburgen, sondern in Erdhöhlen in der Gewässerböschung wohne, gebe es kaum Probleme mit aufgestautem Wasser. „Wir sind vor allem dann gefragt, wenn die Tiere am Rand der Gewässer landwirtschaftliche Flächen untergraben oder sich zum Beispiel im Maisfeld eines Bauern mit Baumaterial und Nahrung eindecken“, berichtet Udo Dubnitzki.

Wie geht man mit Problembibern um?

Der Biber ist eine nach Bundesnaturschutzgesetz besonders und streng geschützte Art. Für Laien ist der Eingriff in seinen Lebensraum deshalb tabu. Die ehrenamtlichen Biberberater dürfen kleine Korrekturen vornehmen. Richten die Nager großen wirtschaftlichen Schaden an oder gefährden sie Menschenleben, greifen die Behörden ein und versuchen das Problem mit einer Umsiedlung zu lösen. Abschüsse werden nur in extremen Ausnahmefällen genehmigt.

Wohin kann man sich wenden, wenn man Fragen hat oder eine Beratung braucht?

Im Regierungspräsidium Stuttgart gibt es Informationen unter Telefon 0711/90 41 56 29 oder an Bibermanagement@rps.bwl.de. Die ehrenamtlichen Biberberater beim Landratsamt Esslingen helfen bei Problemen mit dem Biber und vermitteln teilweise auch Material für Baum- und Feldschutz. Kontakt gibt es über das Naturschutzamt, Telefon 0711/3 90 20.

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