Rund 130 Jahre lang war er ausgerottet, nun ist der Biber in vielen Landkreisen der Region wieder heimisch. Seine Bauten helfen bei der Renaturierung – führen aber auch zu Konflikten. Beispiele aus dem Rems-Murr-Kreis.
Kleine Augen, große gelbe Schneidezähne, ein dichtes Fell und eine breite Kelle: Jahrzehntelang war der Anblick eines Bibers etwas, das die meisten Menschen in der Region Stuttgart nur aus Büchern, dem Zoo oder Dokufilmen kannten. Doch diese Zeiten sind vorbei. In den vergangenen Jahren haben sich die großen Nager immer weiter ausgebreitet. Naturschützer frohlocken angesichts der Wiederansiedlung einer einst ausgerotteten Art.
In Backnang etwa hat sich seit rund zwei Jahren ein Biber, möglicherweise gar ein Paar, an der Murr niedergelassen. „Längere Zeit war es eher still, aber seit dem Herbst haben wir hier eine enorme Aktivität“, sagt Stefan Gräter aus Backnang, der die Wiederansiedlung der Biber mitverfolgt.
Ein Biberpaar lebt im Backnanger Biotop Pfaffenrinne
Die scheuen Tiere bekomme man zwar selten zu Gesicht, doch Fraß- und Fußspuren seien eindeutig. „Ich freue mich wahnsinnig. Es sind total spannende Tiere, und da er auch die Schilfknollen frisst, sorgt er dafür, dass das Biotop an der Pfaffenrinne frei bleibt“, sagt der 58-Jährige. In der Region Stuttgart träfen vermutlich Nachkommen jener Tiere, die einst in Bayern angesiedelt wurden, auf Biber vom Oberrhein. „Das ist natürlich gar nicht schlecht für den genetischen Austausch“, sagt Gräter.
Biber sind sehr anpassungsfähig. Dass der Mensch Uferflächen teilweise bis direkt ans Wasser nutzt, stört ihn nicht. „Er gestaltet sich den Lebensraum, ähnlich dem Menschen, nach seinen Bedürfnissen. Er gilt als Landschaftsarchitekt“, so eine Sprecherin des Regierungspräsidiums (RP) Stuttgart. Dazu gehört unter anderem, dass der Biber Gewässer aufstaut, um den Eingang seines Baus unter Wasser zu halten und um sein Baumaterial transportieren zu können. Von ihm beknabberte Weiden treiben rasch nach und bilden dichtes Gestrüpp, und von ihm aufgestaute Flüsse und Bäche verlassen ihren oft begradigten Lauf – gewissermaßen ein natürliches Überlaufbecken.
Doch bei seinen Baumfällarbeiten achtet ein Biber nicht darauf, was er überflutet und dass die Stämme hinterher Menschen im Weg liegen könnten. Und hat er ein Ufer untertunnelt, kann dies zur Gefahr werden. „Die wirkungsvollste Maßnahme, Biberschäden zu verhindern, ist ein mindestens zehn, besser zwanzig Meter breiter, ungenutzter Gewässerrandstreifen“, heißt es in einer Infobroschüre des Regierungspräsidiums Stuttgart.
Immer wieder kommt es allerdings zu Konflikten zwischen Bibern und Bürgern. Etwa in Alfdorf, wo der Landwirt Simon Klink sich über die beiden Dämme und eine Burg an seinen Wiesen im Lein- und Rottal nicht freuen kann. „Dort baue ich eigentlich Heu und Gras als Viehfutter an“, sagt er. Nun seien beträchtliche Teile der Wiesen aber durch die Biber überflutet worden. Klink schätzt den jährlichen Schaden, der ihm dadurch entsteht, auf 500 bis 1000 Euro. „Wenn man mit einer Maschine in einen der Gänge gerät, die er angelegt hat, kann so ein Schaden auch mal höher ausfallen“, klagt er. Auch die vom Biber gefällten Bäume seien ein Hindernis.
Der Landwirt wünscht sich finanzielle Entschädigung
Seit einiger Zeit sollen daher Bibermanager des RP und der Landratsämter den Betroffenen erklären, was sie tun könnten. Typische Vorschläge an Betroffene lauten, Schaden an Bäumen mit Drahtmanschetten zu verhindern, überflutete Grundstücke durch ein Drainagerohr im Biberdamm. Dämme lassen sich durch ein Drahtgeflecht, das nach kurzer Zeit überwuchert, vor Untertunnelung schützen. Doch nicht immer können solche Mittel angewandt werden. Im Fall von Simon Klink wurde ein Bypass um den Damm herum wegen des Gewässerschutzes nicht genehmigt. „Und das Gebiet ist so groß, dass man nicht das ganze Ufer mit Drahtgitter absichern kann“, sagt der Landwirt. Ein Biberberater der Gemeinde habe ihm auch gesagt, dass Drainagerohre durch den Damm dort kaum zu befestigen seien.
Eine Beschädigung eines Biberbaus oder das Fangen, Verletzen oder Töten eines Bibers verstößt gegen die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie sowie das Bundesnaturschutzgesetz und steht unter Strafe. Dafür ist eine Ausnahmegenehmigung des Regierungspräsidiums nötig. Im vergangenen Jahr haben das Umwelt- und das Landwirtschaftsministerium des Landes im Rahmen eines Modellprojekts jedoch erlaubt, dass sogenannte Problembiber getötet werden dürfen, wenn sie beispielsweise extrem große Schäden verursachen oder Menschenleben gefährden.
So weit ist es in Alfdorf nicht. Simon Klink hat im vergangenen Jahr erreicht, dass ein Biberdamm entfernt wurde – mit amtlichem Segen natürlich. Eine wirklich langfristige Lösung war dies aber auch nicht: „Der Biber hat dann eben einen neuen Damm gebaut.“ Klink sieht die zunehmende Verbreitung von Bibern recht kritisch: „Er ist ein Lästling. Eines Tages wird es mit ihm wie mit den Wildschweinen, bei denen die Rotten immer größer werden.“ Der Landwirt wünscht sich, dass das Land in Fällen wie seinem, finanzielle Entschädigungen zahlt. In Bayern etwa gibt es einen Biberfonds, der jährlich 550 000 Euro umfasst.
Die Sprecherin des RP Stuttgart erklärt, einen solchen Biberfonds gebe es im Land zwar nicht. Aber: „Eine weitere Möglichkeit, Konflikte zwischen Naturschutz und Flächennutzern zu minimieren, stellt der Ankauf von vernässten, nicht mehr landwirtschaftlich nutzbaren Flächen im Zuge von Flurneuordnungsverfahren dar.“
Baumeister mit Biss
Verschwunden
Der Biber war in Baden-Württemberg ungefähr 130 Jahre lang ausgestorben. Die Tiere waren wegen ihres Fleisches gejagt worden, das auch während der Fastenzeit verzehrt werden durfte. Auch das Bibergeil, ein Drüsensekret, das den Aspirin-Wirkstoff Salicylsäure enthält, war begehrt.
Verwechselt
Nicht jeder pelzige Uferbewohner ist ein Biber. Immer wieder werden entweder die kleinen Bisamratten oder die etwas größeren, dem Biber noch ähnlicheren Nutrias für Biber gehalten. Letzterer ist allerdings mit bis zu 30 Kilogramm Gewicht noch deutlich massiger und kann vor allem an seinem breiten Schwanz, der Biberkelle, identifiziert werden.
Verhalten
Der Europäische Biber wird bis zu einem Meter lang – plus einer Kelle von gut 30 Zentimetern. Biber leben monogam, mit zwei bis drei Jahren verlassen sie den Familienverband und lassen sich in der Nachbarschaft nieder.