Die Last öffentlicher Erwartungen: Biathlet Simon Schempp bei der WM. Foto: dpa

Biathlon-Experte Sven Fischer ist beeindruckt: Von der Weltmeisterschaft, von Seriensieger Martin Fourcade, aber auch von den deutschen Männern um Simon Schempp – obwohl sie eine WM-Einzelmedaille in Oslo verpasst haben.

- Herr Fischer, sieben Medaillen haben die deutschen Skijäger bei der WM in Oslo gewonnen. Sind Sie begeistert oder enttäuscht, weil die Männer keine Einzelmedaille geholt haben?
Ich finde, dass es eine tolle WM war mit einer überragenden Laura Dahlmeier. In den Staffeln lief es zudem super. Bei den Frauen und den Männern. Das ist eine tolle Bilanz.
Und das Abschneiden der Herren trübt das in keiner Weise?
Nein. Die WM hat gezeigt, wie wichtig die Vorbereitung ist. Hat man dort nicht hundertprozentig Zeit für einen Aufbau, sei es durch Krankheiten, Stürze oder Ausfälle, dann hat man es in dieser Liga schwer. Das war in Oslo aber nicht nur bei den deutschen Herren so.
Hat vielleicht auch der nötige Biss gefehlt?
Nein, im Gegenteil. Ich habe den größten Respekt vor der Mannschaft, dass sie in keine Negativspirale gerutscht ist, sondern es die Athleten immer wieder geschafft haben, das Positive rauszuziehen und sich neu zu motivieren. Nur so war es möglich, dass sich die Männer Silber in der Staffel erkämpft haben. Dort sind alle über sich hinausgewachsen. Die Jungs wollten, aber wenn der Körper nicht in dieser Verfassung ist, dann läufst du halt hinterher.
Vor allem Simon Schempp hatte sich vor der WM mehr ausgerechnet. In Oslo wurde hinter vorgehaltener Hand bei ihm schon von einer WM-Phobie gesprochen. Ist das möglich?
Darf ich da mal unabhängig von Simon Schempp ein Beispiel bringen?
Gerne.
Nehmen wir an: Ich trainiere Zwillinge. Zwei Biathleten, die sehr gut und gleich stark sind. Dann fange ich bei dem einen an, ihm Mut zuzusprechen. Den anderen mache ich dagegen ständig auf Probleme aufmerksam. Dann wird es schnell einen Wettbewerb geben, in dem sie deutlich auseinanderliegen. Ich bin überzeugt davon, dass man mental jemanden fertigmachen, ihn aber auch ­aufbauen kann.
Und was bedeutet das für Simon Schempp?
Die Gefahr, dass von außen negativ auf ihn eingewirkt wird, besteht. Das muss nicht mal absichtlich sein, sondern kann aus ­Sorge und Angst passieren. Aber dem will ich mich überhaupt nicht anschließen. Der Simon kann es. Wer ihm in der Staffel ­zugeschaut hat, hat gesehen, dass er mit Druck umgehen kann. Der Junge hat es drauf. Schlechte Zeiten hat jeder mal. Auch Martin Fourcade wird das wieder einmal ­erleben.
Nach dieser WM ist fragt sich nur jeder: Wann?
(Lacht) Ja, er ist wirklich ein starker Athlet, aber er imponiert mir. Oft wird er als arrogant dargestellt, aber das ist er überhaupt nicht. Er ist nur extrem ehrgeizig. Ich werde wohl nie vergessen, wie er sich nach dem Verfolgungsrennen aufgeregt hat.
Da hat er doch gewonnen.
Ja, und ich habe ihm gratuliert. Zu einem tollen Rennen und dazu, dass er die Nerven behalten hat, aber er meinte nur: „Ich ärger’ mich. Die zwei Fehler im Stehendschießen hätten nicht sein müssen.“
Bei den Frauen hat unter anderen Laura ­Dahlmeier der WM ihren Stempel ­aufgedrückt. Gehört ihr die Zukunft?
Ich bin wirklich guter Dinge. Es ist ja nicht nur sie. Die deutsche Mannschaft ist sehr jung, aber die Damen werden langsam stabiler, bekommen die nötige Wettkampfhärte. Da kann man einiges erwarten. Ich bin für die Zukunft gut gelaunt, vor allem, weil im Team eine gute Stimmung herrscht. Die ­spüren auch, dass sie eine Zukunft haben.
Kann so ein Mannschaftsgefüge nicht ver­rutschen, wenn immer nur eine Erfolg hat?
Die Gefahr sehe ich nicht. Vor allem nicht nach der WM. Bei den ersten Rennen freut man sich immer, dass die Kollegin gut ist, weil das auch Druck von der Mannschaft nimmt. Und wenn der letzte Wettkampf abgeschlossen ist, man aber immer noch keinen Einzelerfolg hat, dann freut man sich dar­über, dass man in der Staffel seinen Beitrag geleistet hat. Ich habe das auch schon erlebt.
Aber es ist ja nicht auszuschließen, dass Laura Dahlmeier weiter dominiert.
Nein, und dann kommt es sicherlich auf den Charakter der Athleten an. Da kann natürlich Neid entstehen, so nach dem Motto: ­Warum hat die das erreicht und ich nicht? Aber es gibt auch einen anderen Weg, damit umzugehen. Immerhin kann man mit diesem erfolgreichen Athleten zusammentrainieren. Unterm Strich ist es eine Motivation. Eine Reizfigur kann manchmal auch ganz schön motivierend sein.
War das bei Ihnen auch so?
Bei mir selbst nicht, aber ich habe es mal ­erlebt, dass ich so eine Reizfigur war. Da kam nach dem Rennen der Sieger zu mir und meinte: Ich wollte heute nur dich schlagen. Da war ich baff. Was wäre gewesen, wenn ich nicht Zweiter, sondern 50. geworden wäre – hätte er sich dann mit Platz 49 zufrieden­gegeben? Am Ende kommt es doch darauf an, selbst eine gute Leistung zu bringen. Und ich bin zuversichtlich, dass das die Deutschen auch in den nächsten Jahren tun ­werden.
Dann haben Sie Lust auf mehr Biathlon?
Nach dieser tollen WM auf jeden Fall. Hier in Norwegen habe ich immer das Gefühl, hier kommt der Wintersport her. Aber so etwas wie am zweiten WM-Wochenende habe ich noch nie erlebt. So viel friedliche Zuschauer, so viel ­Begeisterung. Und ich glaube, die Deutschen werden weiter erfolgreich sein, denn es ­kommen immer wieder junge Talente nach. Deshalb freue ich mich auf die nächsten ­Jahre.
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