Blumen am Valentinstag für die Norwegerin Marte Olsbu Röiseland – und eine WM-Goldmedaille im Sprint gab es obendrauf Foto: dpa

An den norwegischen Biathleten führt in diesem Winter kaum ein Weg vorbei – Trainer Siegfried Mazet und Patrick Oberegger haben da auch ihre unorthodoxen Erfolgsmethoden.

Antholz - Zwei Dinge beherrschen Norweger besonders gut. Sie fertigen warme Pullover. Sie können ausgelassen feiern. Mode soll hier nicht das Thema sein, also belegen wir die zweite These mit der Geschichte, die sich 2014 in Pokljuka abgespielt hat. Nach dem Weltcup trieben es die Feierbiester Emil Hegle Svendsen, Tarjei Bö (damals 25) und Johannes Thingnes Bö (damals 20) wild wie die Wikinger – sie badeten sowohl alkoholisiert als auch unbekleidet in einem See und ließen bei Autos anderer Teams vor dem Hotel die Luft aus den Reifen. Der Verband mahnte das Trio ab und behielt die Preisgelder von rund 12 000 Euro ein.

Der Vorfall ist verjährt, die Bö-Brüder sind sechs Jahre älter und reifer, Svendsen nicht mehr dabei – so hielt sich die Sause in Antholz nach Gold in der Mixed-Staffel in für die Allgemeinheit in vertretbaren Grenzen, auch weil die Frauen Tiril Eckhoff und Marte Olsbu Röiseland am Freitag im Sprint eine ruhige Hand benötigten. Röiseland schnappte sich dann die Goldmedaille, eine überragende Ausbeute für die 29-Jährige aus Arendal: Die zweite Goldene am zweiten WM-Tag.

Damit sind wir bei einer dritten herausragenden Eigenschaft der Norweger: Sie können Biathlon. Und wie. Unter den Top-Elf im Weltcup der Männer befinden sich sechs Untertanen von König Harald V., bei den Frauen sind es drei unter den Top-Sieben. 25 Podiumsplatzierungen haben die Skandinavier diesen Winter gemeinsam gesammelt, dabei hat Vorläufer Johannes Thingnes Bö zwei Veranstaltungen komplett ausgelassen, weil seine Frau das erste Baby erwartete. Die Frauen-Staffel ist diese Saison ungeschlagen, die Männer unterlagen (ohne JT Bö) nur in Ruhpolding Frankreich. „Wir sind ein tolles Team“, sagt Tiril Eckhoff, die Gesamtweltcup-Führende, „wir arbeiten hart, aber wir haben auch viel Spaß gemeinsam – und wir pushen uns gegenseitig zu immer neuen Bestleistungen. Diese interne Konkurrenz zahlt sich aus.“

Das norwegische Team ist ein verschworener Haufen

Trotz des permanenten Kampfes um die knappen Weltcup-Plätze wohnt im Team ein ganz besonderer Geist inne. Dieser Zusammenhalt wie Pech und Schwefel, wie ihn schon Bud Spencer und Terence Hill im Kino vorlebten, macht die Norweger mental und physisch stark. Die Topstars erhalten nicht ihr eigenes elitäres Gourmet-Süppchen, sie werden nicht mit Sonderrechten bei Lust und Laune gehalten – dem gesamten Team, von der zweiten Garde bis zum letzten Physiotherapeuten, wird stets vor Augen gehalten, dass jeder ein unverzichtbares Rädchen ist im Zusammenspiel der Kräfte darstellt.

Nun genügt es nicht, eine funktionierende Gemeinschaft zu sein, sonst würde der FC Hintertupfing aufgrund seiner tollen Kabinenfeste um die Deutsche Fußball-Meisterschaft mitspielen. Eine hohe Portion Qualität muss vorhanden sein, sowie ein Trainer, der diese Fähigkeiten auf ein höheres Level hebt. In Siegfried Mazet haben die Norweger vor zwei Jahren den Mann gefunden, der zu JT Bö und Co. passt wie einst Fußball-Coach Jupp Heynckes zum FC Bayern. „Um ein gutes Team zu formen“, sagt der Franzose, „ist es fundamental, dass man es genießt miteinander zu leben. Als Trainer muss ich jeden auch von der menschlichen Seite kennen.“

Die Nachwuchsarbeit zahlt sich aus

Ebenfalls 2018 kam Patrick Oberegger, um die Frauen mit Fokus aufs Schießen zu übernehmen. Der Italiener bewies ein sensibles Händchen. „Ich schieße schnell und sicher, das ist neu für mich“, bekennt Tiril Eckhoff, die ihre Trefferquote in diesem Winter auf 84 Prozent gesteigert hat. Bevor Oberegger sie schulte lag die Quote bei 75 Prozent – da konnte die 29-Jährige, die zu den besten Läuferinnen zählt, in der Loipe Gas geben wie ein Speed-Junkie. Es nützte nur selten. Dass die Teamleitung strengste Disziplin einfordert, ist eine Selbstverständlichkeit. So marschierten alle Sportler brav zur WM-Eröffnungsfeier am Mittwochabend, lediglich die Mixed-Staffel durfte im Hotel bleiben – bei anderen Nationen dürfen die Athleten diesen unbeliebten Termin schwänzen, die Verbände schicken dann Techniker und Offizielle zu derlei Anlässen.

Nun ist nicht nur im Weltcup-Team der Konkurrenzdruck hoch, viele Nachwuchskräfte drängen nach, was mit daran liegt, das der norwegische Biathlon-Übervater Ole Einar Björndalen die Sportart noch populärer gemacht hat als sie ohnehin zwischen Kristiansand und dem Nordkapp war. In Schulen finden Programme statt, Talente werden gesichtet – und bis zum 13. Geburtstag gefördert. Dann beginnt die knallharte Selektion, mit 17 sind nur noch 30 bis 40 Prozent der zuvor Auserwählten aktiv. Die Gründe: hoher Druck, teure Ausstattung, lukrative Reisen. Nur die Besten kommen durch, wer den zweitklassigen IBU-Cup erreicht und überzeugt, bekommt eine Chance im Weltcup. Um sich in der Elite zu beweisen, um herauszufinden, wie teamfähig der Neuling ist – und vielleicht sogar, wie viel Feierbiest in ihm steckt.

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