Hat die Norm für Olympia noch nicht geknackt: Biathletin Franziska Preuß Foto: Getty

Einmal war Franziska Preuß Zwölfte – doch das genügt nicht, um das Ticket für Pyeongchang sicher zu lösen. Deshalb muss die Biathletin in Antholz einmal mindestens unter die Top-15 kommen.

Antholz - Gnade? Diese menschliche Geste ist im Leistungssport so fehl am Platz wie ein Tierhaarallergiker in der Katzenoase. Das hat kürzlich Tore Övrebö bewiesen. Der Chef des norwegischen Olympischen Komitees ließ nicht Gnade vor Recht walten; Ole Einar Björndalen, der Biathlon-Superstar, der erfolgreichste Wintersportler in der Geschichte der Olympischen Spiele, wird nicht nach Pyeongchang fliegen – der bald 44-Jährige hat die Norm nicht erfüllt, er wird nicht nominiert. Verdienste hin, Status her. Aus. Vorbei. Basta.

Vielleicht hat sich Franziska Preuß bei dieser Nachricht über die Härte des norwegischen Olympia-Gesetzes erschreckt. Denn zwischen der jungen Oberbayerin und dem 20-maligen Weltmeister aus Drammen existieren einige Parallelen. Beide sind Biathleten, für beide sind Olympische Spiele das Größte, und beide haben die jeweilige Verbandsnorm für das Ticket nach Südkorea nicht geknackt. Das macht Franziska Preuß mächtig zu schaffen, dieser Gedanke geistert nicht nur um Mitternacht durch ihren Kopf. In Ruhpolding vor einer Woche stellte der Stadionsprecher die 23-Jährige beim Start im Einzel auch mit den Worten vor: „Sie hat die Olympianorm noch nicht geschafft – heute ist es für sie wichtig, dass ihr das gelingt.“ Da war sie bedient. „Merci, dachte ich da, genau das will ich jetzt aber wirklich wissen“, erzählt die Biathletin. Beim Heim-weltcup in der Chiemgau-Arena ist es ihr wieder nicht gelungen, nun soll es endlich beim letzten Weltcup vor den Spielen (9. bis 25. Februar) in Antholz klappen.

Unter die Top 15 müsste sie laufen, das würde reichen. Das ist ihr mit Platz zwölf im Sprint in Oberhof schon einmal gelungen, es war die halbe Norm. Und weil zwei Teilerfolge ein Ganzes ergeben, genügt mindestens Rang 15 in Südtirol. „Früher habe ich die für ein Großereignis nötige Norm gleich beim ersten Weltcup geholt“, erzählt Preuß, „dann war das Thema durch. Jetzt verfolgt es mich von Woche zu Woche – jeder spricht mich darauf an.“ Dass es in diesem Winter nicht so flutscht wie einst, hat seinen Grund.

Die Staffel-Weltmeisterin von 2015 hatte die vergangene Saison wegen einer Nebenhöhlenentzündung im Januar abgebrochen, sich operieren lassen und kämpfte sich diesen Winter ins Team zurück. Ein Infekt verhinderte ihren Start in Hochfilzen Anfang Dezember und warf sie körperlich erneut zurück. „Ich bin noch nicht bei 100 Prozent, damit muss ich mich abfinden“, sagt sie.

Kämpfen um Fitness, das kennt sie. Aber die zermürbenden Gedanken rund um die fehlende Norm und das Olympiaticket rauben ihr bald den Verstand. Nun gibt es für die Biathletin aber tatsächlich noch ein Hintertürchen, das bis zur Nominierung durch die Bundestrainer einen Spalt offenstehen bleibt. Bislang haben sich Laura Dahlmeier, Denise Herrmann, Vanessa Hinz, Maren Hammerschmidt und Franziska Hildebrand für Südkorea qualifiziert; Bundestrainer Gerald Hönig darf jedoch sechs Athletinnen zur endgültigen Nominierung vorschlagen. Es spricht vieles dafür, dass Hönig sechs Namen melden wird, denn damit wird er in der Aufstellung der Staffel flexibler, er kann variabler überlegen, welche Sportlerin er in welchem Wettkampf einsetzt und welcher er eine Ruhepause gönnt.

Es spricht fast alles dafür, dass der Name Franziska Preuß auf der Liste von Gerald Hönig auftauchen wird – die Zolloberwachtmeisterin vom SC Haag war in diesem Winter zweimal im Staffel-Einsatz und hat ihre Aufgabe in Oberhof und Ruhpolding erstklassig erfüllt. Beide Male blieb sie fehlerfrei, in der Chiemgau-Arena kam sie sogar ohne Nachlader aus – Note: Eins plus mit Stern. „Ohne so eine Athletin würde ich ungern zu den Olympischen Spielen fahren“, sagt der Bundestrainer.

Eigentlich will sie keinen Freiflugschein, eigentlich gebietet es die Ehre als Sportlerin, nicht etwas gnadenhalber verliehen zu bekommen. „Es ist mein Anspruch, die Norm zu schaffen“, betont sie, „das ist das Ziel. Vielleicht fällt es mir vom Kopf her aber tatsächlich leichter, wenn ich mit dieser Gewissheit im Hinterkopf starte.“ Mindestens Platz 15 im Sprint, der Verfolgung oder im Massenstart. Mindestens Fünfzehnte werden, dann wäre Franziska Preuß etwas gelungen, an dem Biathlon-Weltstar Ole Einar Björndalen gescheitert ist.

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