Die finale Parade im Derby: der Bonlandener Keeper Luca Wiedmann wehrt den von ihm selbst verschuldeten Elfmeter ab und rettet damit den Sieg. Foto: Yavuz Dural

Die Nachberichterstattung zum vierten Spieltag mit Fokus auf die Filderteams.

Filder - Zwischen Held und Unglücksrabe ist es im Fußball bisweilen ein schmaler Grat. Das hat auch der vierte Spieltag der Stuttgarter Bezirksliga gezeigt. Während der SV Bonlanden und der TSV Rohr am Sonntag ihre Matchwinner Luca Wiedmann und Alexandros Kourlos feierten, waren rund um den Möhringer Routinier Johannes Löw und den Plattenhardter Youngster Kevin Boffo bedröppelte Mienen zu sehen.

SV Bonlanden – Spvgg Möhringen

Held oder Unglücksrabe des Nachmittags? Am Ende war es eine Zuspitzung der Ereignisse, wie sie kein Krimiautor besser hingekriegt hätte. Denn die Hopp-oder-Top-Frage stellte sich in buchstäblich letzter Sekunde der Partie. Die fünfte Minute der Nachspielzeit lief bereits, als Luca Wiedmann sich selbst und alle Anhänger des SV Bonlanden über eine Achterbahn der Gefühle jagte. Erst räumte der Torhüter bei einem Klärungsversuch zwar den Ball ab, dummerweise aber seinen Möhringer Gegenspieler Moritz Breucker gleich mit. Die Folge: Elfmeter. So schien dem bis dahin knapp mit 1:0 führenden Favoriten der Sieg aus den Händen zu gleiten. Wiedmann, der Unglücksrabe? Es sah ganz danach aus – bis das Filder-Derby dann seine finale Pointe bekam.

Strafstoßduell also, Wiedmann gegen Johannes Löw. Und der Gewinner hieß: Wiedmann. Damit war der 20-Jährige, der sich gerade noch einem latenten Murren ausgesetzt gesehen hatte, plötzlich der umjubelte Matchwinner. Oder, anders formuliert: eben der Held. „Eine sensationelle Parade von ihm“, lobt sein Trainer Klaus Kämmerer. „Eine fantastische Reaktion“, sagt selbst der Gästecoach Jörg Elser, er freilich mit weitaus weniger Begeisterung. Für Elser stand unter dem Strich „eine sehr ärgerliche Niederlage“. Schließlich hatten die Seinen die Gastgeber in der Schlussphase überhaupt ins Schwitzen gebracht. Zuvor hatte schon Christopher Müller unbedrängt eine andere Großchance zum Ausgleich vergeben. Der Bonlan­dener Retter war auch in dieser Szene gewesen: richtig, Wiedmann.

Freilich: ebenso zur Wahrheit gehört, dass das Kräftemessen zu diesem Zeitpunkt auch längst schon entschieden hätte sein können – ja, hätte der Landesliga-Absteiger Bonlanden nicht ein Manko der vergangenen Wochen fortgesetzt. Viel Aufwand, wenig Ertrag. Zumindest in der zweiten Hälfte gerieten bei den Filderstädtern erspielte Möglichkeiten und erzielte Ausbeute abermals ins Missverhältnis. „Nach unserem Führungstor haben wir es versäumt, den Gegner abzuschießen. So sind wir selbst schuld, dass es zuletzt noch ein Zittern geworden ist“, sagt Kämmerer. Immerhin: wenigstens einer traf – Rüchan Pehlivan, zum mittlerweile vierten Mal in dieser Saison. In der 69. Spielminute markierte er mit einem überlegten Flachschuss das schließlich goldene Tor des Nachmittags. „Eine Unachtsamkeit von uns“, seufzt Elser, der seiner Abwehr ansonsten einen „sehr guten Job“ attestiert, Christian Kuchar inklusive. Letzterer hatte seinen geplanten Kurzurlaub kurzfristig abgesagt, um mitwirken zu können.

Taubald sieht Rot

Dass auch Kämmerer zuletzt eher gequält lächelte, hat indes nicht nur mit den bereits geschilderten Umständen zu tun. Getrübt wurde die Bonlandener Erfolgsfreude zudem durch einen Platzverweis. Der Innenverteidiger Benjamin Taubald sah auf der Zielgeraden für einen Schubser gegen Marian Wieser Rot. Kämmerers Einschätzung: „Lächerlich.“ Elsers Kommentar: „Gelb hätte auch gereicht.“

Taubald wird somit am nächsten Wochenende fehlen – dann, wenn das erste echte Gipfelduell dieser noch jungen Runde auf dem Terminplan steht. Mit dem folgenden Auftritt beim Spitzenreiter NAFI Stuttgart verbindet Kämmerer eine Hoffnung. „Ich bin froh, dass jetzt mal ein Gegner kommt, der es nicht so machen wird wie alle bisherigen“, sagt er. Stichwort Abwehrbeton. Stichwort defensive Ausrichtung. Was er selbst in einer seit Sonntag erst recht spannenden Personalie zu tun gedenkt, lässt der Coach derweil offen.

Wer nun die Nummer eins im Bonlan­dener Tor ist? Ob Wiedmann im internen Wettstreit mit Dustin Müller womöglich die entscheidenden Pluspunkte gesammelt hat? Schwierige Frage. Bisher durften beide Spieler je zweimal ran. „Wir haben zwei Keeper auf Augenhöhe“, sagt Kämmerer und kündigt für diese Woche ein Beratungsgespräch innerhalb des Trainerstabs an. Nicht ausschließen will er, dass das Wechselspiel weitergeht – was hieße: auch als Held ist man vor dem harten Los „Ersatzbank“ nicht gefeit.

SC Stammheim – TSV Plattenhardt

Nein, einen Vorwurf hat ihm niemand gemacht. Das wäre ja auch ziemlich daneben gewesen, ist er mit seinen gerade mal 18 Jahren und noch A-Jugendlicher doch der Jüngste im Aufgebot des TSV Plattenhardt. Aber klar ist auch: hätte der Youngster kurz vor Schluss den Ball nur ein paar Zentimeter genauer platziert, wäre es wohl ganz anders ausgegangen für sein Team. Nach einem klugen Querpass des Spielertrainers Paulo Bayrak hatte Boffo plötzlich freie Schussbahn – die dicke Chance zum Ausgleich. Sein Versuch landete allerdings neben dem Tor. Und so hieß es nicht 1:1, sondern im Gegenzug 0:2. Der folgende Konter des Gegners saß. Die Filderstädter haben demnach auch ihr zweites Auswärtsspiel der Saison verloren, erneut bei einem Landesliga-Absteiger, nach jenem in Bonlanden nun beim SC Stammheim. Ein Beleg dafür, dass es für die erhoffte Rolle im Kreis der Großen eben noch nicht reicht?

Nicht unbedingt, meint Bayraks Trainerpartner Sascha Krammer. „Nicht die bessere, sondern die glücklichere Mannschaft hat gewonnen“, sagt er. Vielleicht auch die um einen Tick cleverere. Und in jedem Fall die treffsicherere. Dass für die Plattenhardter Offensive in einem ausgeglichenen Spiel am Ende die Null stand, erstaunte in Anbetracht der Aufstellung. Erstmals liefen die Weilerhau-Kicker mit allen drei Top-Torjägern ihres Kaders auf: Christian Mayer und Niels Wüllbier agierten als Spitzen, Bayrak derweil im offensiven Mittelfeld.

Insgesamt freilich befanden sich auch fünf Neuzugänge in der Startelf – wonach es laut Krammer nur logisch ist, „dass wir ein bisschen Zeit brauchen, um uns zu stabilisieren“. So viel oder wenig Zeit, wie man sie sich halt erlauben kann im Spagat zum gleichzeitigen eigenen Erfolgsanspruch. Die Partie am nächsten Sonntag zuhause gegen den MTV Stuttgart wird nun bereits zu einem ersten Richtungsweiser. Wollen die Plattenhardter in der Tabelle nicht frühzeitig die vorderen Plätze aus den Augen verlieren, das weiß auch Krammer, sollten sie gewinnen.

TSV Rohr – SSV Zuffenhausen

Eigentlich ist es ja gar nicht seine Position. Im rechten Mittelfeld hatte Alexandros Kourlos bisher gespielt – bis Sonntag. Nach dem beruflich bedingten Ausfall seines Teamkollegen Ramin Sina hieß es für den 26-Jährigen diesmal: ab an die vorderste Front. Und das war, wie sich herausstellen sollte, keine schlechte Wahl. Kourlos netzte gleich dreimal ein und leistete damit einen gewichtigen Beitrag, dass der Aufsteiger TSV Rohr im vierten Saisonspiel bereits seinen dritten Sieg feierte. Nach dem 1:5 vor Wochenfrist in Plattenhardt ging der aktuelle Plan auf. „Wir wollten eine prompte Wiedergutmachung“, sagt der Co-Trainer Panagiotis Andreadis. Am Ende stand gegen den noch punktlosen Tabellenvorletzten SSV Zuffenhausen ein 5:2-Erfolg.

Bezahlt gemacht hat sich dabei auch die Breite des Rohrer Kaders. Dass außer Sina eine Handvoll weiterer Stammkräfte fehlte? Dass der Filderclub in der Abwehr ohne Stefan Glutsch (Studienbeginn in Barcelona), Marc Scherle (Masterarbeit) und Marlon Stoll (Urlaub) gar zu einem kompletten Umbau gezwungen war? Kein Problem. Die Mannschaft steckte es unbeeindruckt weg und zog laut Andreadis streckenweise „ein exzellentes Kombinationsspiel“ auf.

Für den sehenswerten Höhepunkt sorgte dabei – nein, nicht Kourlos. Er wird es verschmerzen können. Das Tor des Tages gelang nicht dem Spieler des Tages, sondern Marius Rehm. Sein 3:1 resultierte aus einem 16-Meter-Volleyschuss.

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