Ingo Ernst hat in seiner Schiedsrichter-Karriere mehr als 1000 Partien gepfiffen.Foto:Horst-Walter Schäfer Foto:  

Ingo Ernst aus Oßweil war 35 Jahre lang Schiedsrichter und hat mehr als 1000 Partien gepfiffen. Im Interview spricht er über seine Motivation, den Wandel im Fußball und einen aggressiven Guido Buchwald.

Ludwigsburg - Mit 16 Jahren hat Ingo Ernst mit dem Pfeifen angefangen, mit 51 Jahren hört er nun auf. Nicht nur die polemische Kritik des VfB-Trainers Tim Walter stört – die zunehmende Gewaltbereitschaft erschreckt Ernst.

Was ist nach Ihrem letzten Spiel als Regelhüter mit der Pfeife passiert?

Die letzte Pfeife ging an meinen Sohn Marcel, der auch Schiedsrichter ist – mit samt meinen Karten. Das war eine Übergabe von einer Generation auf die nächste.

Das Jubiläumsspiel des SKV Hochberg gegen die Traditionself des VfB Stuttgart war Ihr letztes Spiel als Unparteiischer. Was hat den Tag für Sie sonst noch besonders gemacht?

Die Ehrung hat mein Sohn durchgeführt, außerdem habe ich den Ball von meinem letzten Punktspiel als Schiedsrichter bekommen. Das war im Mai das Duell zwischen dem TuS Mingolsheim und dem FV Neuthard in der badischen Bezirksliga. Auf dem Ball haben die Spieler dort und dann später auch die VfB-Oldies unterschrieben.

Der VfB ist Ihr Herzensklub. Wie war es für Sie, zum Abschluss Stars wie Hansi Müller, Ásgeir Sigurvinsson und Guido Buchwald nach Ihrer Pfeife tanzen zu lassen?

Das waren die Idole meiner Jugend. Es war super, zum Abschluss so ein Spiel vor so vielen Zuschauen zu leiten. Mit Guido Buchwald gab es allerdings ein kleines Problem. Er macht halt keinen Unterschied zwischen Punkt- oder Freundschaftsspiel und ist immer noch mit viel Ehrgeiz bei der Sache. In 35 Jahren ist es mir noch nie passiert, dass mich ein Spieler gestaucht hat. An dem Sonntag ist mir das passiert. Da hat mich Buchwald bei einer Diskussion nicht nur angeschrien, sondern mir auch einen Tritt ans Schienbein verpasst.

Und wie haben Sie reagiert?

Ich habe ihm gesagt: Wenn er das nochmal probiert, trete ich zurück – und zwar dahin, wo es wehtut. Das hat er erst nicht akzeptieren wollen, aber dann ist er doch weggegangen.

Mancher Schiedsrichter pfeift bis weit ins Rentenalter hinein. Warum haben Sie jetzt mit 51 aufgehört?

Am Ende fehlte mir einfach die Motivation, auch körperlich habe ich etwas zugelegt. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wann es so weit ist. Ich möchte mich mit 70 nicht mehr über den Platz schleppen, sodass es draußen heißt: Was macht denn der alte Sack da noch. Hinzu kommt, dass ich im Bezirk andere Aufgaben übernommen habe und künftig auch noch Schiedsrichter-Beobachter bin. Und jetzt zählt auch mal die Familie. Meine Frau hat die letzten Jahrzehnte sonntags oft genug auf mich verzichtet.

Was war das Verrückteste, das Sie in dieser Zeit erlebt haben?

Die lustigste Anekdote hat sich bei einem Spiel in Bühlerzell ereignet, bei dem ich Assistent war. Da hat der Schiedsrichter die Fahnen für uns Assistenten vergessen, und vor Ort waren auch keine aufzutreiben. Dann haben wir eben kurzerhand mit den Fahnen eines Eisherstellers gewunken. Und bei einem Frauenspiel in Zazenhausen musste ich die Begegnung einmal unterbrechen, weil ein Auto über den Platz zu einer Gartenanlage fahren wollte.

Was bleibt nach 35 Jahren als Referee noch im Gedächtnis?

Der Spaß und die Kameradschaft untereinander, all die Kontakte, die ich geknüpft habe, die vielen schönen Spiele – und da vor allem die Einsätze in der Verbandsliga sowie die Assistenten-Spiele in der Oberliga. Die schönste Zeit waren die drei Jahre in der Landesliga, in der man ja als Gespann zu dritt unterwegs ist und nicht nur als Einzelkämpfer. Das macht viel mehr Spaß. Letztlich ist es aber wie in einer Ehe. Da erinnert man sich irgendwann nur noch an die schönen Dinge und nicht mehr an die weniger schönen.

Was war weniger schön?

Es ist mit der Zeit immer schwieriger geworden, die Regeln mit Nachdruck zu vertreten. Das Miteinander auf den Sportplätzen hat stark gelitten, der Respekt ist nicht mehr da. Die Verrohung und die Aggressivität sind deutlich zu spüren, und auch die Gewaltbereitschaft ist immens gestiegen. Heute muss man als Schiedsrichter sehr vorsichtig sein. Viele Kollegen haben sogar richtig Angst, schwierige Entscheidungen auch durchzuziehen. Meine Frau hat sich sonntags oft Gedanken gemacht, ob ich wieder heil nach Hause komme. Bis auf einen Rempler hatte ich da aber immer Glück.

Ihr 26-jähriger Sohn tritt ja in Ihre Fußstapfen. Pfeift er anders als Sie?

Marcel ist vom Stil her etwas lockerer und großzügiger, während ich eher der härtere Typ bin. Er leitet die Partien noch mehr aus der Perspektive eines Spielers. Irgendwann wird er aber noch lernen, dass ihm die Spieler das, gerade in den unteren Klassen, nicht danken. Und natürlich ist mein Sohn läuferisch viel besser.

Zur Person

Fußball
Mit dem Pfeifen begann Ingo Ernst1984. Er schaffte es als Schiedsrichter bis in die Landesliga, als Assistent bis in die Oberliga. In der Jugend und bei den Aktiven kickte er für seinen Heimatverein FSV Oßweil. Ernst ist seit 2005 Bezirksspielleiter. Seit 2013 ist er für die Bezirksliga verantwortlich.

Leben
Der 51-Jährige lebt in Ludwigsburg-Oßweil, ist in zweiter Ehe verheiratet und hat drei Kinder. Seine Brötchen verdient er als Sachbearbeiter bei einer Bausparkasse. Sein Lieblingsklub ist der VfB Stuttgart.

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