Wenn Streits ständig eskalieren, kann Validieren helfen – den anderen anerkennen und wertschätzen, kann Beziehungen verbessern. Foto: IMAGO/imagebroker

Wir neigen oft dazu, die Erlebnisse anderer abzutun. Warum das nicht hilft und sogar gefährlich sein kann, erklärt die Psychotherapeutin Katharina Henz.

Wir alle haben schon zu Partner, Freunden und Kollegen Sätze gesagt, wie „Ist doch nicht so schlimm!“, „Das wird schon wieder!“ oder „Reiß dich zusammen!“ Die Wiener Psychotherapeutin Katharina Henz hat ein Buch über eine Technik geschrieben, mit der wir anderen auf Augenhöhe begegnen und so bessere Beziehungen führen: Validieren. Im Interview erklärt sie, warum das eigentlich simpel ist.

 

Frau Henz, Ihr Buch heißt „Validieren“ – was genau bedeutet das Wort in unserer Kommunikation?

Validieren kommt eigentlich aus dem technischen Bereich, deshalb kommt man vielleicht nicht sofort darauf, dass es auch kommunikativ hilfreich sein kann. Validierung bedeutet dabei, die Wahrnehmung und das Erleben meines Gegenübers für gültig zu erklären. Ich lasse es stehen, spreche und werte es nicht ab. Das bedeutet nicht, dass ich mit dem Inhalt des Gesagten einverstanden sein muss. Beim Validieren kommt man dem anderen inhaltlich keinen Millimeter entgegen, aber man begegnet sich auf Augenhöhe.

Die Psychotherapeutin Katharina Henz aus Wien hat ein Buch über Validieren geschrieben – um Menschen zu helfen, echte Nähe aufzubauen. Foto: privat/ Xenia Blum

Das klingt simpel.

Das ist es auch. Und man kann es auch einfach machen – und trotzdem tun es viele nicht.

Wenn andere Menschen ein Problem haben, ist es eigentlich am einfachsten zu sagen: „Ich verstehe dich. Das ist jetzt echt Mist!“ – Warum tun wir es nicht?

Wenn uns jemand etwas Trauriges oder Schweres erzählt, dann halten wir das oft nur schwer aus und sagen dann sofort ‚Das ist doch nicht so schlimm‘ oder „Das wird schon wieder‘. Damit ist das Erleben des anderen aber nicht validiert, sondern für ungültig erklärt – weil wir die negativen Gefühle selbst nicht aushalten.

Oft sagt man sogar „Reiß dich doch zusammen“ – ein Erziehungsklassiker. Damit nehmen wir den anderen nicht ernst und werten ihn sogar ab.

Ja, das vermittelt dem anderen direkt, seine Gefühle sind nicht wahr, falsch oder unangebracht.

Warum ist es für viele Menschen so schwer, anderen einfach Verständnis entgegenzubringen?

Ein Grund ist wahrscheinlich, dass wir uns nicht anstecken lassen wollen von der Erregtheit, Trauer oder dem Ärger von anderen – da ist immer auch die Angst vor emotionaler Ansteckung, vor empathischem Stress. Und den wollen viele nicht, deshalb wehren sie ihn ab und erklären die Gefühle von anderen lieber als falsch und hoffen, dass es damit vom Tisch ist.

Reagieren wir so, weil wir eine derartige Situation oder ein Problem selbst noch nie hatten?

Oder weil die tatsächliche Meinung zum Inhalt eine andere ist. Aber, niemand fällt ein Zacken aus der Krone, wenn man jemand anderes einfach sagt: ‚Das scheint für dich sehr belastend zu sein.‘ Das ist viel besser, als die Augen zu verdrehen.

Aber was steckt dahinter, wenn Leute über die Probleme von anderen die Augen verdrehen?

Das ist wahrscheinlich ein Selbstwertproblem, im Sinne von, dass man sich selbst auch wichtig fühlen und sich eine Bedeutung bei einem Thema geben möchte. Oder wenn sich etwas nicht mit den eigenen Erfahrungen deckt, will man das nicht so stehen lassen.

Sie haben gesagt, dass dies vor allem in früheren Generationen typisch war. Aber auch heute ist es noch so, wenn Menschen von ihren Krankheiten oder Gewalt- und Missbrauchserlebnissen erzählen, dass andere ihnen ihr Leid oder gar den Wahrheitsgehalt absprechen.

Ja, wir wollen diesen empathischen Stress dann nicht haben. Aber dabei verhindern wir echte Nähe zu anderen Menschen. Ich habe das in meiner Arbeit mit Paaren und Familien oft erlebt: Wenn es uns gelingt, die Gefühle von anderen ernst zu nehmen, können wir eine emotionale Brücke bauen.

Aber nicht immer wollen wir das.

Manchmal müssen wir eine Grenze setzen, vor allem wenn jemand sehr übergriffig ist. Aber wenn ich eine vertrauensvolle Beziehung zu jemanden haben möchte, dann ist validieren eine sehr gute Idee, jemand anzuerkennen. Wenn wir das nicht tun, gehen wir oft automatisch in einen Kampfmodus, wir wollen dann dafür kämpfen, dass wir etwas anderes wahrnehmen oder glauben – aber das kostet uns wahnsinnig viel Energie, schüttet Stresshormone aus. Wenn wir auf Krawall gebürstet sind, empfinden wir keine Nähe.

Warum ist es wichtig, dass wir nicht die ganze Zeit wütend sind?

Wir haben zwei Modi in unserem Körper, die eine ist Flucht und die andere ist Entspannung – im englischen sagt man ‚fight or flight‘ oder ‚rest and digest‘. In letzterem Zustand weiß ich, ich kann in Ruhe verdauen, weil grade kein Säbelzahntiger in der Nähe ist. Wenn wir im Kampf- und Fluchtmodus sind, steht unser Körper total unter Stress. Wenn ich mich im Gegenzug validiert fühle, bin ich sicher und komme zur Ruhe.

Was hat das für Konsequenzen, wenn wir uns eben nie validiert fühlen?

Das kann im schlimmsten Fall im Erwachsenenalter zu psychischen und körperlichen Symptomen führen. Weil ich dann nie gelernt habe, meinen Gefühlen und meinem Erleben zu vertrauen. Und das macht was mit dem Selbstwert. Bei einer Klientin hat dies zu stark zwanghaften Symptomen geführt.

Sie sagen, nicht zu validieren, kann lebensgefährlich sein. In welchen Situationen?

Wir wissen, dass eine bestimmte Personengruppe, ein sehr hohes Risiko hat, medizinisch invalidiert zu werden. Das sind Menschen mit Adipositas, Transgender-Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund oder auch Menschen in vulnerablen Lebenssituationen. Heute nennen wir dies medizinisches Gaslighting. Eine Bekannte von mir hat mit 22 Jahren einen Arzt aufgesucht, hat ihre Symptome geschildert und gesagt, sie vermute Multiple Sklerose. Der Arzt hat sie nicht ernst genommen. Mit 29 Jahren wurde sie endlich richtig diagnostiziert, aber hat Jahre für die Behandlung verloren.

Welche Gefahren gibt es noch?

Wenn Menschen nicht validiert werden, schlägt oft die Stunde der Scharlatane. Dann kommen Berufsgruppen wie Homöopathen mit Kügelchen ohne Wirkung ins Spiel, die für viel Geld Menschen jedes Symptom bestätigen. Die erklären alles, was das Gegenüber erlebt, für wertig und wichtig. Ich glaube, wir könnten so etwas aber gut gegensteuern, wenn Fachpersonen wie Ärzte und Therapeuten dies tun.

Indem wir das Erleben bestätigen, aber trotzdem aufklären?

Genau, in der Psychotherapie ist validieren das ‚bare minimum‘. Und Ärzte könnten ihren Patienten sagen: ‚Ich kann Sie verstehen. Was ist das Beste, was ich Ihnen anbieten kann?“ Man erkennt die Realität der Menschen an und das tut ihnen wahnsinnig gut. Das ist heilsam, vielleicht nicht heilsam genug, wenn ich ein Karzinom oder eine chronische Erkrankung habe. Aber dabei kann ein Homöopath auch nicht helfen. So blüht das Validieren bisher in diesem Schattenbereich der Scharlatane.

Validieren – wie echte Nähe gelingt

Leben
Katharina Henz (MMag.) ist systemische Einzel-, Paar- und Familienpsychotherapeutin und arbeitet in eigener Praxis in Wien. Sie bietet zudem Weiterbildungen in Paartherapie an und ist Mitgründerin des Wiener Systemischen Zentrums.

Buch
In ihrem aktuellen Buch „Validieren – wie echtes Erkennen und Anerkennen Beziehungen transformiert und neu verbindet“ gibt Henz Tipps, wie Menschen berufliche und private Beziehungen verbessern können. (nay)