Längst noch keine Selbstverständlichkeit im Handel: das digitale Bezahlen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Deutsche Bundesbank und Commerzbank haben den Wert digitaler Bezahlsysteme für Unternehmen und Verbraucher untersucht. Danach dürfte das Bargeld nicht leicht zu verdrängen sein.

„Keine Kartenzahlung möglich“ – heißt es ist nicht selten an der Tür des Bäckers, Metzgers oder Kiosks um die Ecke. Und weil die meisten Deutschen ihr Bargeld lieben, wurde dies bisher zumeist akzeptiert. Doch infolge der Digitalisierung verschieben sich die Prioritäten. So sollen die Zeiten, in denen nur „cash“ bezahlt werden kann, bald passé sein. Die Bundesregierung verspricht im Koalitionsvertrag: „Wir setzen uns für echte Wahlfreiheit im Zahlungsverkehr ein und wollen, dass grundsätzlich Bargeld und mindestens eine digitale Zahlungsoption schrittweise angeboten werden.“

 

Wann dies umgesetzt wird, ist offen. Die Finanzwirtschaft will möglichst zügig mehr Freiwilligkeit erreichen. Doch in einer Bundesbank-Studie wird auch festgestellt, dass die Bargeld-Vorliebe einen guten Grund hat.

Welche Bezahlmethoden haben Priorität? Die Commerzbank hat bundesweit 1750 kleine und mittelständige Betriebe aus etlichen verbrauchernahen Branchen befragen lassen: Händler, Dienstleister, Handwerker vor allem. Danach ist die Überweisung noch das am meisten, weil von 86 Prozent angebotene Bezahlverfahren – gefolgt von Bargeld (52), Girocard (früher EC, 34), Kreditkarte (31) und mobilen Bezahlsystemen (Paypal, Klarna, Apple pay, 27 Prozent). Derweil nutzen jeweils 69 Prozent der Verbraucher das Bargeld und die Online-Bezahlung, 57 Prozent die Überweisung und 55 Prozent die Girocard.

„Ganz klar: Der Verbraucher ist schon weiter voraus als die Unternehmen – er erwartet ein innovatives Angebot“, sagt Michael Honig, Gebietsleiter Unternehmerkunden in Baden-Württemberg, unserer Zeitung. Es gebe allerdings Branchen, die noch weit vom Ziel des Koalitionsvertrags entfernt seien. Bis 2028 erwartet er keinen staatlichen Zwang zur Umstellung. „Aber das Thema wird Fahrt aufnehmen.“

Honig gibt den Ratschlag: Wenn ein Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil sucht, sollte es die eine oder andere Bezahloption mehr anbieten. „In Einzelhandel und Gastronomie ist der Trend nicht aufzuhalten.“ Der Umfrage zufolge stellen 37 Prozent der Betriebe fest, dass Online- und Mobile Bezahlsysteme in den vergangenen zwei Jahren öfter genutzt wurden – 44 Prozent meinen, dass das Barbezahlen zurückgegangen ist. Ob der Kunde sein Handy oder seine Karte an das Lesegerät hält – man müsse ihm weitere Optionen bieten, meint Honig.

Wie groß sind die technischen Hürden? In der Ipsos-Umfrage für die Commerzbank haben 58 Prozent der Unternehmen aus Baden-Württemberg Sicherheits- und Datenschutzbedenken bei digitalen Verfahren. 56 Prozent sehen technische Hürden, die aber aus Sicht von Honig sehr an Bedeutung verloren haben. „Auslieferung, Anmeldung, Onboarding – das ist heute kein Thema mehr; man braucht Strom, gegebenenfalls Telefonnetzempfang – das war’s“, meint er. Ein Lesegerät für EC-Karten könne binnen einer Woche eingerichtet sein. Der sichere Zahlungseingang und die einfache Abwicklung werde von der großen Mehrheit der Betriebe bei bargeldlosen Systemen geschätzt.

Welche Rolle spielen die Kosten? Dass der Hang kleinerer Händler zu Scheinen und Münzen einen nahe liegenden Grund hat, hat die Deutsche Bundesbank in einer Studie über den stationären Einzelhandel und verwandte Branchen ermittelt. „Die Ergebnisse zeigen, dass Bargeld und Girocard die kostengünstigsten Verfahren im Einzelhandel sind“, sagt Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz. Demnach verursacht Bargeld im Schnitt Kosten in Höhe von 0,43 Euro pro Transaktion und ist damit am günstigsten, auf den Zahlungsvorgang berechnet.

Denn was für den Verbraucher ohne sichtbare Extrakosten abläuft, bereitet dem Händler einen erhöhten Aufwand – beispielsweise durch den Zeitverzug beim Bezahlen, die Münzgeldbeschaffung oder den Transport der Scheine zur Bank, der eventuell auf einen Dienstleister übertragen wird. Selbst Schäden durch Diebstahl werden mit einem rechnerischen Wert berücksichtigt.

Auch von Transaktionsgebühren bei digitalen Zahlungen bekommt der Kunde an der Ladenkasse nichts mit, weil sie nur für den Händler anfallen. Der Girocard-Einsatz ist der Studie zufolge mit 60 Cent pro Bezahlvorgang teurer als Bargeld, gilt aber wiederum als das kosteneffizienteste Verfahren, wenn die Gesamtkosten ins Verhältnis zum Umsatz gesetzt werden. Internationale Debit- und Kreditkarten – gerade Mastercard und Visa – „schneiden in beiden Kategorien schlechter ab und belasten den Handel vor allem durch höhere Gebühren“, so Balz. Bei den Kreditkarten fallen im Schnitt 2,5 Prozent des Umsatzes an Kosten an.

Analysiert wurden rund 13 000 Transaktionen an 15 Verkaufsstellen sowie die Angaben von 268 Handelsunternehmen. „Für kleine Betriebe stellen Transaktionsgebühren und Investitionskosten nach wie vor eine Hürde bei der Akzeptanz unbarer Zahlungsmittel dar“, heißt es von der Bundesbank. Größerer Betriebe hätten mehr Verhandlungsmacht gegenüber den Anbietern.

Commerzbank-Fachmann Honig relativiert bei den Kosten, die stark gesunken seien. Bei der Abonnementgebühr „sprechen wir über Beträge zwischen 10 bis 20 Euro pro Monat“. Wer fünf Filialen habe, müsse ungefähr 100 Euro investieren, um den Kunden einen großen Mehrwert zu bieten. Der Markt sei schon so weit, dass dem Händler das EC-Kartenlesegerät sogar geschenkt werde.

Was kann die Regierung vorschreiben? Bundesbank-Vorstand Balz zeigt „persönlich sehr viel Verständnis“ für den Bäcker, der nur Bares annimmt. „Am Ende des Tages finde ich es richtig, dass jedes einzelne Unternehmen entscheiden kann, wie es verfahren will.“ Meist gebe es vor Ort auch verschiedene Einkaufsoptionen für den Verbraucher, falls er etwa partout bar bezahlen will.

Zugleich begrüßt Balz die Absichten der Bundesregierung, eine Wahlfreiheit herbeizuführen. Weil dies aber auch einen Zwang beinhalten würde, Bargeld auszugeben, äußert er auch „große Zweifel, was das Juristische betrifft“. Ungeachtet der politischen Einigung „bin ich noch nicht so sicher, ob das am Ende umgesetzt werden kann“.