Viele Menschen nehmen sich vor, im neuen Jahr mehr Sport zu machen. Hilft das, um besser gegen Infektionen geschützt zu sein? Was über den Einfluss von Sport auf das Immunsystem bekannt ist.
Frankfurt - Dass Sport gut für das Immunsystem ist, gilt als Allgemeinwissen – aber stimmt es wirklich? Eine Metaanalyse des Expertennetzwerks „Cochrane-Collaboration“ kam 2020 zum Ergebnis, dass Sportler weder weniger häufig unter Atemwegserkrankungen litten noch weniger lange. Allerdings bedeutet das noch nicht, dass Bewegung dem Immunsystem nicht nützt. „Das Immunsystem hat unterschiedliche Komponenten, und manche Funktionen verbessern sich durch physische Aktivität, und andere verschlechtern sich“, sagt Philipp Zimmer, Professor am Institut für Sport und Sportwissenschaft an der Technischen Universität Dortmund.
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Sport kann sogar Atemwegsinfekte fördern. Diese treten bei Leistungssportlern während und nach Phasen größerer Belastung häufiger auf – älteren Studien zufolge sogar zwei bis sechsmal öfter. „Durch große Anstrengung wie einem Marathonlauf gibt es eine kurzfristige Immunsuppression“, sagt Karsten Krüger, Professor für Sportphysiologie an der Uni Gießen und Chefeditor des Fachjournals „Exercise Immunology Review“. „Wenn man etwa einen Erreger in sich hat, ist es möglich, dass er sich dann vermehrt.“
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Allerdings ziehen neuere Publikationen in Zweifel, ob es sich bei den Symptomen, von denen Berufs- und Hobbysportler berichten, tatsächlich immer um neue Infekte handelt. Einige Untersuchungen legten nahe, dass es zu lokalen Entzündungsreaktionen durch die Anstrengung kommt. Eine andere Theorie ist, dass Erreger, die immer im Körper vorhanden sind, wie etwa das Epstein-Barr-Virus, kurzfristige Phasen der Überanstrengung zur Vermehrung nutzen.
Killerzellen werden aktiviert
Hauptsächlich gebe es aber positive Effekte durch akute körperliche Belastung. „Sie aktiviert die angeborene Immunantwort,“ sagt Krüger. Dieser Teil des Immunsystems ist die schnelle Breitbandabwehr, die viele Erreger anhand bekannter Muster erkennt und abräumt. Dies erledigen unter anderem die natürlichen Killerzellen, die bei Menschen, die sich regelmäßig bewegen, aktiver werden, wie Philipp Zimmer und sein Forscherteam Anfang 2021 in einer großen Metastudie nachwiesen.
„Die natürlichen Killerzellen wirken direkt nach physischer Aktivität besser gegen Viren und Bakterien“, sagt Krüger. Allerdings sollte das keineswegs dazu verleiten, Erregern mit sportlicher Aktivität den Garaus machen zu wollen. „Wenn man einen Infekt hat, sollte man auf keinen Fall Sport machen“, erklärt Zimmer. „Eine deutlich erhöhte Herzaktivität kann je nach Erreger eine potenziell lebensbedrohliche Herzmuskelentzündung nach sich ziehen.“ Körperlich aktive Menschen haben zwar nicht seltener akute Atemwegsinfekte, die Symptome fallen aber milder aus, wie Experten feststellten.
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Wie sich physische Aktivität auf zellulärer Ebene auf das Immunsystem auswirkt, ist noch nicht vollständig erforscht. 2021 zeigten Forscher der Mayo Clinic in Rochester, USA, erstmals beim Menschen, dass Sport die Menge an Proteinen reduziert, die das Immunsystem altern lassen. Ein 12-wöchiges Trainingsprogramm hatte dafür ausgereicht. Durch einen aktiven Lebensstil sind die Merkmale der Immunalterung bei älteren Menschen zum Teil reversibel, wie eine 2021 publizierte Metaanalyse von Forscherinnen und Forschern der Freien Universität Brüssel nahelegt.
Das Risiko für schwere Covid-Verläufe wird gesenkt
Doch was heißt „aktiver Lebensstil“ konkret? Auch hier liefert die Covid-19-Pandemie Hinweise. Eine Studie aus Südkorea, die die Daten von mehr als 75 000 Menschen umfasst, unterscheidet zwischen Personen, die mehr als 150 Minuten Ausdauertraining plus 75 Minuten Krafttraining machten einerseits, und andererseits denen, die weniger Sport trieben. Die Angaben zu physischen Aktivität stammten aus einer Befragung von vor der Pandemie. Wie die Forscher um Dong KeonYon vom Seoul National University Hospital 2021 berichteten, konnte die Gruppe, die sowohl Ausdauer- als auch Krafttraining gemacht hatte, ihr Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung oder den Tod nochmals jeweils um die Hälfte reduzieren im Vergleich zu den Menschen, die nur moderates Ausdauertraining gemacht hatten. „Wer sich intensiv belastet, erzielt auch einen größeren Effekt“, sagt Zimmer. Auch die WHO rät seit 2020, jede Woche mindestens 150 bis 300 Minuten mit mittlerer bis hoher Intensität Sport zu treiben.
Sportliche Menschen erkranken seltener an Krebs
„Menschen, die regelmäßig Sport treiben, sind jedenfalls seltener krank“, sagt Karsten Krüger. „Das gilt für Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes Typ II, Infekte und ist sogar für einige Krebserkrankungen nachgewiesen. Wenn wir regelmäßig Sport machen, sind die natürlichen Killerzellen besser in der Lage, Tumore zu erkennen, in sie einzudringen und sie zu beseitigen“, sagt Krüger. „Deshalb erkranken körperlich aktive Menschen seltener an Krebs.“
Covid-19 und körperliche Fitness
Coronapatienten
Den positiven Effekt von Sport unterstützen auch Daten von Covid-19-Patienten: Diejenigen, die sich wenig bewegten, hatten ein mehr als doppelt so hohes Risiko, ins Krankenhaus eingewiesen zu werden, als jene, die angegeben hatten, sich mindestens 150 Minuten pro Woche körperlich zu betätigen.
Analyse
Zu diesem Ergebnis kam 2021 eine Arbeitsgruppe um Deborah Cohen von der Southern California Permanente Medical Group in Pasadena nach der Analyse der Daten von fast 50000 Corona-Erkrankten. Das bedeutet allerdings nicht, dass man sich mit Sport so gut schützen kann, dass eine Impfung verzichtbar wäre.