Erschöpft, ausgebrannt und keine Besserung in Sicht – eine Klinikmitarbeiterin fordert, dass sich dringend etwas ändern muss. (Symbolfoto) Foto: © Syda Productions – stock.adobe.com

Was die junge Krankenschwester erzählt, geht unter die Haut: Die Kollegen seien am Ende, körperlich und mental. Sie liebt ihren Job, auch in der Corona-Pandemie. Mit ihrem Hilferuf will sie dafür kämpfen, dass sich etwas ändert.

Kreis Rottweil - "Wir können einfach nicht mehr", spricht sie für sich und ihre Kollegen. Es sei viel zu wenig Personal da. Und die, die noch da sind, seien am Ende ihrer Kräfte. Mental und körperlich.

 

Personal fehlt überall

Was die junge Frau erzählt, geht unter die Haut. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen kämpfen aktuell gegen Corona, arbeiten im Schichtdienst zu allen möglichen Zeiten, müssen die Arbeit all derer mittragen, die aktuell ausfallen, tragen teilweise allein Verantwortung für viele Menschen auf einer Station – und müssen sich dann noch von Patienten beleidigen und teilweise sogar angreifen lassen. "Manche von uns können nachts nicht mehr schlafen, müssen Schlafmittel nehmen", erzählt die Krankenschwester. Die aktuelle Situation belaste alle und begleite sie rund um die Uhr, auch nach Feierabend. "Das, was gerade abläuft, ist keine Pflege mehr, das ist Fließbandarbeit", sagt die junge Frau mit bitterem Tonfall.

Sie nennt viele Beispiele, die das Personal – gerade durch die derzeitige besondere Corona-Situation – an den Rand bringen: Dass es oft zu wenig Kapazitäten für die Patienten gebe und diese beispielsweise auf der Normalstation landen würden, obwohl sie auf der Intensivstation gehören würden. "Dort soll ich sie dann überwachen obwohl ich mich noch um 26 andere Patienten kümmern muss." Dass Teams auseinandergerissen werden, sie auf Abteilungen eingesetzt werden, auf denen sie sich fachlich nicht auskennen, sie von der Mutter-Kind-Station auf die Covid-Station und wieder zurück eingeplant würden und die Angst einer Infektionsübertragung groß sei.

Einige geben jetzt auf

An allen Ecken und Enden fehle Personal. Viele sind in Quarantäne, manche krank. Zudem mache etlichen die Nachwirkung der Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff zu schaffen, sagt sie. "Und jetzt geben auch noch einige auf und kündigen, weil sie es einfach nicht mehr packen."

Was zudem erschüttert, ist ihre Schilderung darüber, wie das Pflegepersonal von Patienten behandelt wird. "Es herrscht eine totale Respektlosigkeit." Man werde behandelt wie ein Dienstmädchen, angeschnauzt und beleidigt, wenn man nicht sofort zur Stelle sei. "Da frage ich mich als junger Mensch – wann ist die Menschheit so geworden?", sagt sie fassungslos. Beleidigungen wie sie und ihre Kollegen sie im Krankenhaus erfahren würden, seien draußen auf der Straße wohl gar nicht denkbar.

"Es wird gefordert, gefordert, gefordert – und man kriegt kein Dankeschön zurück", bedauert sie. Nicht von den Patienten, und auch nicht von der Klinik selbst.

Nachts, wenn sie allein auf Station sei, habe sie manchmal Angst in ein Zimmer zu gehen, weil sie nicht weiß, was sie erwartet. Schon dreimal sei sie von Patienten körperlich angegangen worden.

Es muss sich was ändern

Dass sie bei all der Schufterei, den Schaukel-Schichten und der mentalen Belastung gerade mal 1900 Euro netto nach Hause bringt, sei bitter, aber sie will darauf nicht herumreiten. "Die Debatte fokussiert sich dann immer gleich darauf, auch in der Politik. Aber darum geht es mir nicht. Ich will, dass sich an den Bedingungen endlich etwas ändert", fordert sie. Über die Bezahlung wisse jeder Bescheid, der sich den Beruf aussucht. Der Beruf sei eine Berufung, und sie liebe ihn nun einmal. Auch der Teamgeist in der Helios-Klinik sei gut. Man halte zusammen.

Nachwuchs abgeschreckt

Was ihr aber Sorge macht sei, dass die Schülerinnen jetzt schon in der Ausbildung abgeschreckt werden, wenn sie sehen, was sie erwartet. "Ich bin deshalb der Meinung, dass man auch für die, die nachfolgen, etwas ändern muss", sagt sie bestimmt. Hier sei die Politik dringend gefordert. Zu lange seien die Beschäftigten in der Pflege leise gewesen, und hätten einfach still ihre Arbeit verrichtet. Es sei nun an der Zeit, "laut und ungemütlich" zu werden. Denn sonst sei die Gefahr groß, dass sich der Pflegenotstand weiter verschärft.

Die Verzweiflung und Zerrissenheit ist der jungen Frau anzumerken. Sie riskiert mit ihrem Appell einiges. Doch so, da ist sie sich sicher, kann es nicht weitergehen. Auch die Klinikleitung müsse wachgerüttelt werden. Sie wolle nicht gehen, nicht kündigen müssen, wie es ihre viele Menschen aus ihrem privaten Umfeld schon geraten hätten. Sie ist eben mit Leib und Seele Krankenschwester – und hofft nach diesem Aufruf inständig auf Unterstützung.