Raus aus der Stadt, rein ins barrierefreie Haus: Das ist das Ziel für etliche Ältere Foto: dpa

Sind Senioren Stadtflüchter? Der Gesamtverband der Deutschen Versicherer bestätigt in einer Erhebung diesen Trend. Vor allem München und an zweiter Stelle Stuttgart verlieren die meisten Ruheständler im bundesdeutschen Vergleich. Hintergrund sind hohe Mieten und fehlende altersgerechte Wohnungen.

Stuttgart - Münchens Ruf als Stadt mit Charme und gemütlicher Gangart ist unangefochten. Und doch scheint sie für Menschen, die das Rentenalter erreicht haben, an Attraktivität zu verlieren. Der Gesamt­verband der Deutschen Versicherer und dessen Initiative „7 Jahre länger“ hat erhoben, dass im Jahr 2014 mehr als 4600 Menschen über 65 Jahren die Stadt an der Isar verlassen haben. Stuttgart folgt an zweiter Stelle: Laut Statistischem Bundesamt sind im selben Jahr 2081 Menschen dieser Altersgruppe aus der Stadt am Neckar weg- und nur 1304 gezogen.

Noch vor wenigen Jahren waren Städteplaner und Empiriker davon ausgegangen, dass gerade im Alter die Urbanität wieder an Attraktivität gewinnt und Menschen jenseits der 60, nach dem Auszug der Kinder, die Stadt wieder für sich entdecken. Das Statistische Amt der Stadt Stuttgart konstatierte: „Der empirischen Überprüfung hält diese Einschätzung nicht stand.“ Insbesondere Städte wie München, Karlsruhe, Heidelberg oder Frankfurt, in die viele junge Leute ziehen, hätten vor allem bei den 50- bis 65-Jährigen und den über 65-Jährigen „Wanderungsverluste“, heißt es in einem Monatsheft des Statistischen Amts der Stadt Stuttgart. Zwischen 2005 und 2015 hat sich die Zahl der Menschen im Alter zwischen 65 und 75 in Stuttgart von 57 697 auf 53 827 reduziert.

Die Wenigsten planen einen Umzug im Alter

Wegzüge entlasten die unterstützenden Systeme trotzdem nicht wesentlich, Pflegeplätze, betreutes Wohnen, barrierefreie Unterkünfte und Ähnliches werden weiterhin stark nachgefragt in der Stadt. „Beim Alterssurvey, einer Befragung von Bewohnern jenseits der 50, haben 78 Prozent angegeben, dass sie in Stuttgart und zumeist in ihrer Wohnung bleiben wollen, nur sechs Prozent planten einen Wegzug oder suchten eine ganz spezielle Wohnform“, sagt die Sozialplanerin und stellvertretende Sozialamtsleiterin Gabriele Reichhardt. Die Verwaltung müsse daher Pflegeplätze und -dienste weiter ausbauen, Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungsstruk­­turen verbessern, WGs fördern – „der Bedarf ist da“.

Welche Bedürfnisse nachgefragt werden, geht aus den Anfragen beim Bürgerservice Leben im Alter hervor. Ältere suchen dessen Rat in erster Linie, wenn ein Umzug ins Heim oder ins ­betreute Wohnen ansteht. Die Dienststelle führt eine Adressen- und Preisliste, auf der aktuell 55 Adressen für betreutes Seniorenwohnen zu Kaltmieten von fünf bis 15 Euro pro Quadratmeter stehen; für die Bereitstellung von Dienstleistungsangeboten fallen zwischen 45 und 500 Euro im ­Monat an. Die Deutschen Versicherer ziehen folgenden Schluss aus ihrer Erhebung: „Die Abwanderung Älterer in Metropolen mit ­hohen Mieten ist am größten; fehlende ­altersgerechte Unterkünfte sind laut wissenschaftlicher Ergebnisse in 30 Prozent der Fälle das Motiv für einen Umzug im Alter.“ Das deckt sich mit dem Ergebnis der Stuttgarter Bürgerumfrage2015: Das Problem der zu hohen Mietpreise erreicht hier einen neuen Höchststand und liegt auf Rang eins der größten Probleme der Stadt. 70 Prozent der rund 3700 Befragten haben im Jahr 2015 „zu hohe Mieten“ als eines der größten Stadtprobleme genannt. Viele Ältere greifen da lieber auf das Ersparte zurück und ­suchen sich eine bezahlbare Wohnung oder Immobilie in der Nähe ihrer Kinder oder ­Bekannten.

Mehr als 700 Ältere zogen in die Region

Die Region um Stuttgart liegt bei der Wahl des Altersruhesitzes in Stuttgart ganz weit vorn. 733 Umzüge in die Region verzeichnet das Statistische Amt Stuttgarts im vergangenen Jahr, das sind mehr als durchschnittlich in den vergangenen 30 Jahren. Den Spitzenwert erreichte die Stadtflucht im Jahr 2008 mit 808 Umzügen in einen der umliegenden Landkreise; zu den Gewinnern zählen nach den jüngsten Erhebungen (2014) insbesondere Fellbach, Ostfildern und Leinfelden-Echterdingen. Den Traum vom Altwerden unter Palmen träumen offenbar die wenigsten: Von den sechs Prozent der über 50-Jährigen, die wegziehen wollen, entscheiden sich nur sehr selten welche fürs Ausland.