Fluxus-Künstler 1965 in wuppertal Foto: ZKM

Ausgehend von den Werken von Joseph Beuys, Bazon Brock und Wolf Vostell wird in der ZKM-Schau umfassend und historisch erhellend die Atmosphäre der 1960er Jahre gut spürbar, in denen Kunst sich als politische Handlung versteht.

Karlsruhe - Ausgehend von den Werken von Joseph Beuys, Bazon Brock und Wolf Vostell wird in der ZKM-Schau umfassend und historisch erhellend die Atmosphäre der 1960er Jahre gut spürbar, in denen Kunst sich als politische Handlung versteht.

Historische Bezüge

Schon die erste Krise der modernen Kunst in den Jahren 1910 bis 1920 hatte als ein Ergebnis des massiven Vertrauensverlustes – des Unglaubwürdig-Werdens der Kunst wie der bürgerlichen Gesellschaft – einen völlig neuen Typ von künstlerischen Bewegungen hervorgebracht. Gruppierungen, die keine ewigen Werke innerhalb der Kunst mehr schaffen wollten, sondern die offensiv, teilweise aggressiv die künstlerischen und politischen Vorstellungen der autoritären und chauvinistischen Gesellschaften um und nach 1900 infrage zu stellen, anzugreifen und zu unterlaufen versuchten.

Dada und Surrealismus

Die maschinelle Menschenschlächterei des Ersten Weltkriegs spricht allen Bildungs- und Kulturvorstellungen der europäischen Staaten Hohn und provoziert 1916 in Zürich die Gründung der Dada-Bewegung.

Die Kunst erweist sich als radikale ­Opposition in kriegsführenden, in sich vollkommen hohl gewordenen Gesellschaften. Auch der frühe Surrealismus wie auch viele weitere Strömungen gehen noch aus Dada und dessen erbitterter Ablehnung der ­Heuchelei, ­Brutalität und Verleugnungsbereitschaft der Kriegstreiber, Kriegsfreunde und Kriegsgewinnler hervor.

Happening

In den späten 1950er Jahren ergibt sich eine erstaunliche Parallele – in der Kunst wie in den Gesellschaften. Die abstrakte Malerei als zentrale Antwort auf die erste Krise der Moderne ist ihrerseits erstarrt und unglaubwürdig geworden. Und wieder wird Kunst zur Handlung – verbunden mit späteren ­Bezeichnungen wie Happening und Fluxus. Das erste Happening findet offiziell 1959 in den USA statt – Allan Kaprows „18 Happenings in 6 Parts“. Wolf Vostell (1932–1998) beansprucht aber die Premiere für sein Projekt „Das Theater ist auf der Straße“ 1958 in Paris. Das Happening ist primär eine Kritik an der Kunst innerhalb der Kunst.

Wiener Aktionismus

Parallel entstehen Bewegungen, die in doppelter Weise auf das Versagen der deutschen Gesellschaft nach 1933 reagieren. Hitler-Deutschland und der industrielle Menschenmord wird gerade durch das Verdrängen im Nachkriegsdeutschland und Nachkriegsösterreich zu einem zentralen Thema. Zuvorderst der Wiener Aktionismus – und hier im Besonderen Günther Brus – bricht das in der Nachkriegszeit verleugnete Begehren des „Herrenmenschen“ auf, den Körper anderer brechen und zur eigenen Lust nutzen zu können.

Joseph Beuys

Auch Joseph Beuys (1921–1986), als junger Soldat durchaus gepackt vom Rausch der nationalsozialistischen Propaganda, wird mit diesem psychischen Erbe nicht fertig. Die Zeichnungen der 1950er Jahre kreisen um die Wunde, um den Tod, die Verletzung, um Jäger und Gejagte. Nach einem schweren psychischen Zusammenbruch findet Beuys in der Fluxus-Idee, 1961 aus New York nach Deutschland gekommen, ein Ausdrucksmedium, das es ihm erlaubt, seine – nicht private, sondern kollektive – Erfahrung mit staatlichem Terror auszutragen. Dabei überhöht Beuys seine Projekte in einer ant­hro­po­sophisch fundierten Religion, in deren Konsequenz der Massenmord ein Mittel geistiger Heilung ist. Schon 1957/58 verfertigt Beuys einen Entwurf zu einem Auschwitz-Mahnmal, das den industriellen Massenmord in den Zusammenhang von Erlösung und der Selbst-Opferung Christi stellt.

Fluxus verbindet

George Maciunas, Begründer und Organisator der Fluxus-Bewegung, der seine früheren, New Yorker Fluxus-Aktivitäten „Deo-dada in der Musik“ genannt hatte, kommt Ende 1961 nach Wiesbaden. Seine Fluxus-Konzerte sind vielfach eher Aktionen. ­Immer wieder beteiligt sind dabei Wolf ­Vostell, Joseph Beuys und Bazon Brock. Akteure waren alle drei zugleich zumindest im „Festival der Neuen Kunst“ am 20. Juli 1964 in der Technische Hochschule Aachen, in einer Live-Sendung der ZDF-„Drehscheibe“ im gleichen Jahr sowie in dem legen­dären „24 Stunden Happening“ in der ­Galerie Parnass 1965 in Wuppertal.

Kunst ist Politik

Für Wolf Vostell und Bazon Brock ist die Performance primär ein ­politisches Medium, eine Möglichkeit gegen die Verdrängung und Verleugnung deutscher Geschichte. Parallel finden in Frankfurt 1963 bis 1967 die Auschwitz-Prozesse statt. In der umfassenden und historisch sehr erhellenden Ausstellung des ZKM wird die Atmosphäre dieser Aktionen der 1960er Jahre gut spürbar. Eine Vielzahl von Fotos, Filmen, Pamphleten und ­Zeitungsartikeln beleuchtet neben Installationen, Zeichnungen, Objekten und Schrifttafeln den gesellschaftlichen und künstlerischen Kampf, den Beuys, Brock und Vostell führen.

Wie sehr sich künstlerisches und gesellschaftliches Engagement bis in die Gegenwart verbinden, zeigt das jüngste Werk – Bazon Brocks „Lagerkonzert“ von 2014. An sich über eine Reihe von Pfählen erstreckendem Stacheldrahtzaun hängen notenartige braune Kleidungs- oder Dreckklumpen, deren Notenwert auf den Stacheldrahtlinien den Anfang von Beethovens „Hymne an die Freude“ ergibt.

Das Ziel: Erkenntnis

Ein wichtiger Aspekt der Fluxus-Atmosphäre ist deren heute fast nicht mehr ­vorstellbares Pathos der Aufklärung und­­­­ der Erziehung. Durch die unterschiedlichsten, auch didaktischen Aufklärungsmittel (Lehrveranstaltungen, Besucherschule, Demonstrationen, Aktionen, parti­zi­pa­torische Theaterstücke, Vorträge, Dis­kussionen, Installationen, Texttafeln) soll das bundesdeutsche Publikum sich seiner ­Geschichte und seiner politischen und ­gesellschaftlichen Realität stellen. Für diese Künstler ist es selbstverständlich, dass die Kunst Werkzeuge und Mittel zur Erkenntnis liefert, wobei Erkenntnis vor allem ­gesellschaftliche oder politische Erkenntnis ist.

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