Das beklemmende Schweigen auf dem Beutaufriedhof ist eine beredte Anklage gegen Antisemitismus und die Drangsalierungen, denen jüdische Gemeinden in den letzten Jahrhunderten auch in Esslingen ausgesetzt waren. Foto: Roberto Bulgrin

Verfolgt und gefördert, vertrieben und willkommen, verfemt und verwurzelt: Jüdisches Leben war in Esslingen schwierig und zwiespältig. Am Tag des offenen Denkmals sind Erinnerungsorte wie der Beutaufriedhof zugänglich.

Esslingen - Die Stille ist beklemmend. Seine Grabesruhe drückt diesen Ort wie eine bleischwere Decke. Das Schweigen und Verschweigen ummanteln das Gelände mit tiefer Sprachlosigkeit und erschweren die Suche nach Worten. Die Szenerie ist düster. Von den einst 100 Gräbern sind nur noch wenige erhalten. Die Inschriften sind verwittert – weggefegt vom eisernen Hauch der Zeit und der stählernen Faust menschlicher Barbarei. Die Toten haben ihre Geheimnisse mit ins Grab genommen, ihre Namen sind unleserlich geworden.

 

Der Kampf gegen das Vergessen ist schwer. Nach Pogromen, Drangsalierung, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung hatten sich ab 1806 zunächst wieder fünf jüdische Familien aus Wankheim, geschützt durch ein königliches Privileg, in Esslingen angesiedelt, berichtet Gerhard Voß vom Verein Denk-Zeichen. Das in der Neckarstadt neu erwachte jüdische Leben brauchte auch einen letzten Ruheplatz für seine Toten. Im Februar 1807 erwarb die jüdische Gemeinde daher ein Grundstück nördlich der Beutau in Esslingen, um hier ihre Verstorbenen zu bestatten. Bereits 1818 wurde das Gelände auf seinen heutigen Umfang erweitert, fügt Voß hinzu. Zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 12. September, bietet er Führungen über den sonst geschlossenen Beutaufriedhof an. Führungen durch die ehemalige Synagoge im Heppächer 3 in der Innenstadt stehen zudem an diesem Tag auf dem Veranstaltungsprogramm.

Als Lagerplatz missbraucht

Die pulsierende Großstadt wird auf dem Beutaufriedhof von dicken Mauern ausgeschlossen. Ein brüchiger Frieden herrscht im Innenraum. Blumen hat es hier nie gegeben. Jüdische Gräber werden damit nicht geschmückt, denn sie gelten als Zeichen des Lebens, beantwortet Gerhard Voß eine sich aufdrängende Frage. Er interpretiert die Mystik des Beutaufriedhofs auf seine eigene Weise: Das Gelände verweise auf eine der dynamischsten und glücklichsten Epochen jüdischen Lebens in Esslingen.

Ein Friedhof und Glück? Ja, meint er, denn nach schweren Zeiten sei die Anzahl der jüdischen Mitbürger in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf fast 200 Menschen angestiegen, und sie seien trotz zahlreicher Konflikte ein „integraler Bestandteil des Gemeinwesens“ geworden. Sehr zum Unwillen der Nationalsozialisten. Sie missbrauchten die Begräbnisstätte nach 1938 als Lagerplatz, schändeten Gräber, störten die Ruhe der Toten, wollten ihr Andenken für immer auslöschen: „Nur noch wenige der zahlreichen Grabsteine sind erhalten, und von diesen sind auch nur noch wenige an ihrem ursprünglichen Platz.“

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Ausweichen auf den Ebershaldenfriedhof

Ein Stück seiner ernsten Feierlichkeit hat sich der Ort zurückerobert. Er ist gerade durch die Spuren von Gewalt und Barbarei zu einem schweigsamen Mahnmal mit großer Aussagekraft geworden. Die verbliebenen steinernen Zeitzeugen mit ihrem wilden Grünbewuchs schreien ihre Geschichte wortlos hinaus. Immer dichter mussten die Verstorbenen nach fast sieben Jahrzehnten der Nutzung auf dem Beutaufriedhof bestattet werden, es gab nur noch einen kleinen freien Streifen an den Rändern des Geländes. Doch zahlreiche Gesuche auf eine Erweiterung stießen bei der Stadtverwaltung auf taube Ohren. Eine Erweiterung innerstädtischer Friedhöfe wurde laut Gerhard Voß in Esslingen generell nicht mehr gestattet. Zähe Verhandlungen führten ab den 1860er-Jahren schließlich zum Erfolg: Jüdische Gemeinde und Stadtverwaltung beschlossen, auf ein eigenes, großes, aber nicht eingezäuntes Stück auf dem Ebershaldenfriedhof auszuweichen.

Der bisherige Beutaufriedhof wurde vom Jahr 1874 an nicht mehr genutzt, aber weiter gepflegt und erst 1912 mit einer Mauer umgeben, die die Nationalsozialisten später aber nicht zurückhalten konnte. Geblieben ist ein stiller Ort, dessen Botschaft aber umso lauter wirkt.

Jüdisches Leben und der Tag des offenen Denkmals

Der Beutaufriedhof

Am Sonntag, 12. September, ist der Friedhof in der Mittleren Beutau an der Ecke zur Turmstraße von 11.30 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen mit einer Dauer von ungefähr 45 Minuten und jeweils maximal 20 Teilnehmenden werden um 12, 14 und 16 Uhr angeboten. Die Leitung übernimmt Gerhard Voß vom Verein Denk-Zeichen Esslingen.

Gebäude Im Heppächer 3

Das mittelalterliche Gebäude im Heppächer 3 mitten in der Esslinger Altstadt hatte verschiedene Nutzungen – auch als Synagoge – erfahren. Die wechselhafte Geschichte des Hauses und des Judentums in Esslingen werden zum Tag des offenen Denkmals thematisiert. Treffpunkt zu den etwa 30-minütigen Führungen mit Joachim Hahn um 12.30, 13.30 und 14.30 Uhr ist vor dem Gebäude. Bis zu 15 Personen können pro Termin daran teilnehmen.

Die Anmeldung

Das genaue Programm des Tags des offenen Denkmals am Sonntag, 12. September, wird ab Mitte August unter www.esslingen.de/denkmaltag veröffentlicht. Anmeldungen zu den Führungen können ab Mittwoch, 8. September, online vorgenommen werden.

Mehr Infos unter www.esslingen.de/denkmaltag, #DenkmaltagEsslingen, #TagdesoffenenDenkmals, www.denkmalschutz.de oder www.tag-des-offenen-denkmals.de.