Das Kinderheim „Haus Aichele“ in Beuren leidet finanzielle Not. Der Fußballer Christian Gentner, der das Haus aus seiner Jugend kennt, hat deshalb mit seiner Frau ein Video auf Youtube gepostet.
Beuren - Im Haus Aichele, eines der zehn Kinderheime im Landkreis Esslingen, herrscht gewöhnlich reger Betrieb. Doch seit dem Jahr 2018 ist es ruhiger geworden. Weil das Heim nicht mehr den Brandschutzverordnungen entspricht, darf der zweite Stock nicht mehr genutzt werden. Für die Heimleiterin Claudia Oster war dies ein herber Einschnitt in den Heimalltag: „Wir betreuten bis zur Verfügung zwei Gruppen mit je sechs Kindern. Jetzt können wir im Haus Aichele nur noch sechs Kinder aufnehmen.“
Besonders gravierend für die Heimleitung: Im Jahr 2008 wurde das komplette Haus saniert, auch nach Anforderung der damals geltenden Brandschutzverordnung. „Vor drei Jahren traten jedoch neue Regeln in Kraft, die zum Beispiel eine Feuertreppe fordern“, erklärt Claudia Oster die festgestellten Mängel. Damit das Haus wieder voll belegt werden kann, sind erneut umfangreiche Erneuerungsarbeiten und der Anbau der geforderten Feuertreppe erforderlich. „Der Umbau kostet rund eine Million Euro“, schätzt Oster.
Christian Gentner ist mit dem Sohn des ehemaligen Heimleiters befreundet
Knapp 600 000 Euro stehen dem Kinderheim aus eigenen Mitteln, Krediten und aus Spenden bereits zur Verfügung, doch beim Aufbringen der restlichen Summe machte Corona dem vom Haus Aichele Verein und von der Diakonie Baden-Württemberg getragenen Heim einen gehörigen Strich durch die Rechnung. „Durch die pandemiebedingten Einschränkungen blieben viele Kinder bei ihren Familien – und damit blieben erwartete Einnahmen aus“, beschreibt die Heimleiterin den finanziellen Engpass.
Um die fehlenden 400 000 Euro für den anstehenden Umbau aufzubringen, gibt es jetzt prominente Hilfe. Der Bundesligakicker Christian Gentner, der im Sommer von Union Berlin zum FC Luzern in der Schweiz wechselt, ist mit dem Sohn des ehemaligen Heimleiters Mario Biel befreundet. Der Fußballer hat den Umbau im Haus Aichele zu seiner Herzensangelegenheit erklärt und unterstützt, gemeinsam mit seiner Ehefrau Verena, die nötige Finanzierung mit einem Spendenaufruf per Video.
Auch die Gemeinde Beuren leistet einen Beitrag
Hilfe kommt aber auch von der Gemeinde Beuren, wie Claudia Oster bestätigt: „Während des Umbaus müssen wir mit unserer Gruppe ausziehen. Bürgermeister Daniel Gluiber stellt uns dafür ein gemeindeeigenes Gebäude zur Verfügung.“ Wenn die Finanzierung steht, können die Umbaumaßnahmen beginnen. „Den entsprechenden Antrag haben wir beim Landkreis bereits eingereicht“, weiß die Heimleiterin. Regionale Handwerker sollen die Gewerke ausführen. „Wir arbeiten seit langer Zeit mit Betrieben aus dem Umkreis zusammen“, bestätigt Oster.
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Nachdenklich hofft sie auf den baldigen Start der Erneuerung. „Wir sind auf Spenden angewiesen, ob dies nun praktische oder finanzielle Hilfeleistungen sind.“ Sie ist jedoch zuversichtlich, dass die benötigten Gelder zusammenkommen. „Wenn alles fertiggestellt ist, veranstalten wir ein großes Fest. Vermutlich können wir dann auch gleich das 100-jährige Bestehen des Hauses feiern“, erklärt die Heimleiterin voller Vorfreude.
Das Haus Aichele ist das erste psychotherapeutische Kinderheim in Deutschland. Julie Aichele gründete den Zufluchtsort vor knapp 100 Jahren. Heute beherbergt das Heim Kinder aus Baden-Württemberg. „Die Entfernung zu den Familien beträgt maximal 80 Kilometer, weil wir die Eltern in die Therapie und in den Heimalltag integrieren“, beschreibt Claudia Oster die Herkunft der Kinder.
Jedes Kind hat sein eigenes Zimmer
Der Heimalltag unterscheidet sich kaum vom Familienleben. „Das Leben ist wie Zuhause strukturiert. Die Kinder gehen zur Schule, es gibt Lern- und Freizeiten und Regeln“, beschreibt die Heimleiterin den Tagesablauf im Haus Aichele. Da immer mehrere professionelle Mitarbeiter im Haus sind, besteht die nötige Nähe zu den Kindern, um rascher reagieren und helfen zu können. „Jedes Kind im Heim hat sein eigenes Zimmer und damit auch einen Rückzugsort, wenn nötig.
Nach dem Umbau haben wir Platz für 16 Kinder“, sagt Claudia Oster. Trotz der Nähe zu den Schützlingen, bleibt die professionelle Distanz bestehen, wie Oster betont: „Wir sind nicht die Eltern. Da fällt das ganz Persönliche weg.“ Dennoch werde jedes Kind, das vorübergehend ins Haus Aichele einzieht, mit seiner eigenen Lebensgeschichte betrachtet und auf das Erlebte eingegangen. Den Zweck des Kinderheimes beschreibt Oster so: „Rund zweieinhalb Jahre bleiben die Kinder durchschnittlich bei uns. Das Ziel ist immer, die Kinder wieder mit der eigenen Familie zu vereinen.“