Ohne Bettina Gräfin Bernadotte würde auf der Mainau kein Halm blühen. Als Geschäftsführerin ist sie für alles zwischen Rosen und Rostbratwurst zuständig.
Die Mainau gilt als größte Sehenswürdigkeit am Bodensee. Selbst Blumenmuffel oder Rosenverächter haben schon von der kleinen Insel einmal gehört. Oder sie wurden von wohlmeinenden Verwandten in das blühende Ländchen im Kreis Konstanz geschleppt. Dabei biegt sich dort kaum ein Kräutlein von selbst. Die Mainau ist das Ergebnis von gärtnerischer Expertise, kühlem Kalkül und einem Haufen Erdarbeit. Sie ist Paradies und Wirtschaftsbetrieb, Buntes blüht für schwarze Zahlen. Damit ist bereits die Aufgabe von Bettina Gräfin Bernadotte beschrieben: Flower-Power und Ökonomie soll sie als Geschäftsführerin unter einen Hut bringen.
Die 50-Jährige trägt einen großen Namen. Ihr Vater Lennart Graf Bernadotte (1909 – 2004) stammt aus dem schwedischen Königshaus. Nach dem Verlust des Prinzentitels – er hatte eine Bürgerliche geheiratet und damit gegen das Hausgesetz verstoßen – wurde er mit einem vergleichsweise bescheidenen Grafentitel abgefunden. Und mit der Insel Mainau obendrein, das war 1932.
Als der Aristokrat sein Eigentum erstmals aufsuchte, fand er ein ziemlich vernachlässigtes Stück Land vor, auf dem ein barockes Schloss und jede Menge alte Bäume standen. Es wirkte wie Dornröschen in Südbaden. Der Besitz war damals nicht öffentlich zugänglich. Der exilierte Prinz fasste den Plan, aus dem wuchernden Areal etwas zu machen: Ein großer Garten sollte es werden mit jahreszeitlich wechselnden Blumen, und er sollte für jedermann zugänglich sein. So begann die touristische Karriere für das wilde Ländchen. Lennart Bernadotte pflanzte und grub, zugleich stellte er ein Kassenhäuschen auf.
Ihr Vater war legendär
Seine Tochter Bettina trat in große Fußstapfen, als sie 2007 die Geschäftsführung übernahm. Ihr Vater war legendär, bis heute kursieren über den charmanten Mann heitere Anekdoten. Wie ihre vier jüngeren Geschwister ist auch sie schwedische Staatsbürgerin.
Ihr Arbeitszimmer liegt im Schloss, das in ganz alten Zeiten als Residenz der Ritter des Deutschen Ordens diente. Ihr persönliches Büro ist eher nüchtern, ganz ohne Schnörkel und Krönchen. Es wirkt eher minimalistisch wie das Herz einer Werbeagentur. Ein aufgebockter Schreibtisch („Ich bin ein Sitzriese“), ein Besprechungstisch, Sessel. Kein Ulmer Schrank, der sonst in keinem Direktorenbüro in Südbaden fehlt, kein Einschüchterungsmobiliar. Auch keine Ahnengalerie, die sie aus ihrem Fundus an Vorfahren leicht aufmalen könnte. Die helle Zentrale des Unternehmens Mainau wirkt funktional. Weil Besucher ein Schloss immer etwas feudal haben wollen, wird der Besucher sogleich in den Romanow-Salon geführt. Auch hier winken die Ahnen. Der Name dieses Kabinetts erinnert an die russische Kaiserfamilie, mit der die Bernadottes auch verwandt sind.
Doch über Familie und Privates will die Chefin hier nicht lange reden. Auch bei historischen Diskursen winkt sie ab. Die Zeiten, als ihre Eltern mit den Kindern im Schloss logierten, als sie vom Boulevard als Operetten-Monarchie beklatscht wurden, die sind vorbei. Mit ihrem Ehemann Philipp Haug wohnt sie im Konstanzer Stadtteil Paradies. „Es ist gut, wenn man am Feierabend aus der Mainau-Bubble aussteigt“, sagt sie deutlich. Die Kinder wachsen nicht zwischen Orchideen und Rokoko auf, sondern in einem studentisch geprägten Quartier mit viel Charme und wenig Parkraum. Als Kind genoss sie die Mainau als großen Abenteuerspielplatz. Für ihre Kinder will sie das nicht haben.
Boom nach dem Mauerfall
Ihr eigenes Auftreten gestaltet sich unprätentiös. Eine schlanke mittelgroße Frau im himbeerroten Langarm-Shirt. Der Gesichtsausdruck ist konzentriert, meist ernst. Mit ihrem Bruder Björn teilt sie sich die Leitung der Insel, wobei die großen Dossiers bei ihr liegen: Die Verantwortung für Park und Blumen landen auf ihrem Tisch. Auch die vielfältig gestaffelte Gastronomie hat sie im Auge, denn vom Rosenzüchten alleine wird hier keiner satt. Die Mainau GmbH beschäftigt 180 Mitarbeiter in fester Anstellung, dazu 30 Azubis. In den Sommermonaten greifen einige Dutzend saisonale Helfer in die Speichen. Auch Bettina Gräfin Bernadotte hat schon Eis verkauft und die Ströme der Besucher aus dieser Perspektive beobachtet.
Dass das Publikum strömt und den Geldbeutel öffnet, ist nicht selbstverständlich. Die Mainau gehört zwar zum touristischen Standard des Bodensees. Doch ist damit nicht gesagt, dass ein Erwachsener ohne Weiteres 26,50 Euro für den Eintritt hinlegt. Die Besucherzahlen schwanken. Der große Boom erreichte die grüne Insel nach dem Mauerfall. Zehntausende ostdeutscher Schrebergärtner und Blumenfreundinnen wollten das Eiland sehen, von dem sie bereits Sagenhaftes gehört hatten. In den 90er Jahren wurden bis zu zwei Millionen Tickets pro Jahr ausgegeben. Dann flachte die Kurve ab. Die Coronazeit kostete Nerven. Betriebswirtschaftlich war die Pandemie ein Schlag, es waren verlorene Jahre nach dem Motto „Stell dir vor: Die Rosen blühen und keiner sieht hin.“
Auch deshalb gräbt sich die Insel jährlich um. Neben den Konstanten wie Rosengarten und dem Arboretum ersinnen die Floristen stets frische Themen und Geschäftsfelder. Im Winter wird die schlafende Insel neuerdings von tausenden kleiner Lichter illuminiert; der „Christmas Garden“ soll Touristen in den Wochen vor Weihnachten anlocken, wenn Baum und Borke noch grau sind. Andere Dinge verschwinden. Das dreifach gewölbte Palmenhaus muss in den kommenden Jahren abgebaut werden, da es die Sicht auf das barocke Ensemble von Schloss und Kapelle versperrt. An anderer Stelle soll ein anderes frisches Palmenhaus aufgestellt werden. Zugleich gibt es Pläne für ein Hotel.
Zwischen Ökologie und Ökonomie
Mittlerweile etabliert ist der Mainau-Ruhewald. Er liegt auf dem Festland. Auch Familien aus dem Stuttgarter Raum klopfen an und wünschen einen Ruheplatz für die Urne eines Angehörigen. Eine letzte Ruhestätte mit Blick zum See – das trifft offenbar den harmoniebedürftigen Nerv vieler Zeitgenossen. Wobei der Ruhewald der Bernadottes ein Vorbild in der Nachbarschaft hat: Schon Jahre zuvor öffnete die Familie derer von Bodman einen Teil ihres Forsts für Urnenbestattungen.
Die Mainau stößt bei mancher Expansion an ihre natürlichen Grenzen. 45 Hektar Insel und gut ein Kilometer lang. An einem Ort und zur selben Zeit sollen Umwelt, Pflanzenzucht und die intensive Gastronomie von Currywurst bis zum Schweden-Büfett unter einen Hut gebracht werden. Naturschützer beäugen das insulare Vermengen von Ökologie und Ökonomie mit Skepsis. Die Mainau gehört politisch zur Stadt Konstanz; Baugesuche des Unternehmens Mainau werden im vielstimmigen Rat stets als willkommener Anlass für grundsätzliche Ansprachen genommen. Die Grünen im Gremium sehen das Gebaren dort mit Skepsis und sparen nicht mit Ratschlägen, wie man alles besser machen könnte.
In der Tat: Die Mainau ist weder Nationalpark noch Wildwuchs, sondern ein ausgefeiltes Kulturprodukt. Der Familie Bernadotte ist dies wohl bewusst. Seit den 50er Jahren sucht sie einen Ausgleich. Natur und ästhetisches Gärtnern sollen in Einklang gebracht werden. Bettina Gräfin Bernadotte führt die Tradition ihres Vaters Lennart fort, der die Insel früh Richtung Wissenschaft öffnete. Er lud Nobelpreisträger ein, die sich alljährlich im nahen Lindau treffen. Junge Doktoranden sind für einen Tag zu Gast und können sich auf der feinen Insel umsehen. Junge Talente werden in der Mentoring-Stiftung gefördert. Doch wozu der Aufwand, wo die Mainau ein überschaubares Unternehmen ist und kein staatlich gefüttertes College? „Das nützt auch uns“, sagt die Chefin im Romanow-Salon. Ihr hellrotes Shirt zeichnet sich von den vornehmen Pastelltönen ab, die den russisch gehaltenen Salon mit den Empire-Möbeln beherrschen.
Feierabend auf dem Festland
Als unkompliziert wird sie ihren Gärtnern und Mitarbeiterinnen beschrieben. Man muss die Insel lange abwandern, um etwas Negatives über sie zu hören. Das zeigt sich auch an der Frage der Anrede, die in adligen Kreisen immer etwas speziell ist und bei jeder alten Familie anders gehandhabt wird. Die Chefin im Reich von Rosen und Rhododron hat dafür eine schlichte Antwort: „Gräfin Bettina reicht.“ So reden sie ihre Mitarbeiter an. Auf Du steht sie mit den wenigsten, doch Vorname plus Adelstitel, das erscheint ihr passend. „Das ist familiär, und das passt auch zu diesem Betrieb“, sagt sie im Gespräch. Gemessen an anderen Adelshäusern ist diese Anrede noch niederschwellig. Die Mitglieder der Familie Baden erwarten bis heute die Ansprache „Königliche Hoheit“.
Bettina Gräfin Bernadotte ist gerne im bürgerlichen Milieu unterwegs. Nach getaner Arbeit im Schloss und auf vielen grünen Baustellen setzt sie sich aufs Fahrrad und radelt über die Brücke zurück in die Stadtwohnung. „Wir haben nur ein Auto“, sagt sie. Eines ist ihr aufgefallen: Wenn Sie und ihre Familie Besuch bekommen, dann bringt keiner etwas Grünes mit. „Ich kriege nie Blumen geschenkt“, sagt die Frau, auf deren Feldern jährlich tausende von Blumenzwiebeln austreiben und blühen. Das wiederum findet sie schade: Dass alle denken, dass sie ohnehin kübelweise Dahlien in der Wohnung stehen habe. Dabei wohnt sie doch in der Stadt – jenseits von Rosen und jenseits vom alten Mammutbaum auf der Mainau, den acht Menschen gerade so umspannen können.