Kann man arglose Stuttgarter Passanten zu menschlichen Bankomaten machen? Reisende Betrüger haben eine neue Masche gefunden – mit einer vorgetäuschten Notlage und einem Handy-Trick. Wer sind die Täter?
I need your help – wer würde gerade in der Adventszeit denn nicht einem Menschen in einer außergewöhnlichen Notlage helfen? Etwa diesem britischen Touristen, der seinen Geldbeutel verloren hat und dringend seinen Flug nach London kriegen muss? Am Dienstag gegen 11.45 Uhr ist eine 22-Jährige in diese Situation geraten, als sie vor einer Bank nahe der Kreuzung Rotebühl- und Schwabstraße im Stuttgarter Westen von einem kräftigen Mann mit dunkelgrüner Jacke angesprochen wurde. Und dann wurde sie das 13. Stuttgarter Opfer einer neuen Betrugsmasche.
Sein Geldbeutel sei verloren gegangen, erzählt der junge Mann auf Englisch. Dabei müsse er heute dringend nach London zurückfliegen, habe jetzt aber kein Geld für das Flugticket, das er fatalerweise noch nicht gekauft habe. Das Ticket müsse er in bar bezahlen – 1000 Euro. Das Abheben am Bankomaten funktioniere aber nicht – ob die 22-Jährige da helfen könne?
Der Trick mit der App
Durch geschickte Gesprächsführung überzeugt er die junge Frau von seinem Deal: Per Banking-App auf seinem Mobiltelefon überweist er 1000 Pfund, umgerechnet 1200 Euro, auf ihr Konto, und davon soll sie 1000 Euro für ihn abheben. Die 200 Euro Gewinn dürfe sie behalten. Er zeigt ihr sein Smartphone, tippt ihre IBAN-Kontonummer in die App ein – und schon ploppt eine Bestätigung der Transaktion auf. Die 22-Jährige hebt in der Bankfiliale 1000 Euro ab und übergibt ihm das Geld.
Allerdings sind die 1000 Pfund nie überwiesen worden. Der Betrug wäre für den Täter beinahe schief gegangen, weil sich ein Zeuge einschaltet und die junge Frau warnt. Der Gauner, etwa 25 Jahre alt, 1,75 Meter groß, kräftig, breite Nase, unreine Haut, rennt in die Gutenbergstraße und lässt sich von einem Komplizen in einem roten Kleinwagen mit gelbem Kennzeichen davon chauffieren.
Vor Banken, an Bahnhöfen und Autobahnraststätten
Nicht einmal zwei Wochen zuvor ist die Masche mit der Notlage und der Handyüberweisung in der unteren Königstraße in der Innenstadt angezeigt worden. Ein angeblicher Engländer hatte einen 58-jährigen Passanten vor einer Bankfiliale angesprochen und ihn ebenfalls mit einer Fake-Überweisung getäuscht. Beinahe jedenfalls, denn der 58-Jährige wurde am Geldautomat stutzig, weil der Kontostand unverändert war. Dreist schickte der Betrüger sein Opfer daher an den Schalter. Doch ein aufmerksamer Bankmitarbeiter konnte den 58-Jährigen rechtzeitig warnen. Der Täter flüchtete ohne Beute.
Die Polizeispezialisten der Abteilung Gewerbe/Umwelt/ Zentrale Ermittlungen sind den Tätern auf der Spur. „Das ist ein bundesweites Phänomen“, sagt Polizeisprecher Stephan Widmann, „da ist eine Gruppierung in wechselnder Besetzung unterwegs.“ Das Polizeipräsidium Mannheim hat einen 23-Jährigen mit britischem Pass identifiziert, der mit einem britischen Fahrzeug in Deutschland unterwegs ist und an Bahnhöfen und Autobahnraststätten zugeschlagen hat. Anfang Oktober erbeutete er mit der Fake-Handyüberweisung bei einem 22-Jährigen in der Mannheimer Innenstadt 2000 Euro. Weitere Delikte gab es in Heidelberg, Karlsruhe, Heilbronn sowie in Südhessen.
Zwei Tatverdächtige gefasst – und wieder frei
Aber auch die Stuttgarter Polizei kennt bereits konkrete Tatverdächtige. Am 5. November gegen 16.20 Uhr war ein 22-Jähriger auf dem Marienplatz im Stuttgarter Süden angesprochen worden. Zwei Männer behaupteten, am Abend zuvor kräftig gefeiert und ihre Geldbörsen verloren zu haben. Sie spielten auf ihrem Handy eine Überweisung von 350 Pfund vor – doch der 22-Jährige ließ sich nicht täuschen. Die Polizei nahm die beiden Verdächtigen wenig später in der Lehenstraße fest.
Dabei handelte es sich um zwei 33 und 35 Jahre alte Männer aus Irland – auch sie offenbar Angehörige einer britisch-irischen ethnischen Minderheit, die als Landfahrer und Hausierer umherziehen. Sogenannte Tinker haben in der Vergangenheit besonders als Teerkolonnen von sich reden gemacht, die arglosen Hausbesitzern die Hofeinfahrten asphaltieren – am Ende zu Mondpreisen. Polizeiexperten schließen nicht aus, dass diese Personenkreise die Werkzeuge getauscht haben könnten. Smartphones statt Teerschieber. Die beiden Verdächtigen wurden übrigens wieder auf freien Fuß gesetzt.