Ungebetener Gast: die Hausratte Foto: dpa

Unseriöse Schädlingsbekämpfer treiben mit Wucherpreisen ihr Unwesen. Das zeigt ein Fall aus Stuttgart-Zuffenhausen. Wer nicht aufpasst, wird statt der Schädlinge eine Menge Geld los.

Eine Ratte -und das mitten im Wohnzimmer. Julia Schneider erinnert sich noch genau an den ungebetenen Gast in ihrer Dachgeschosswohnung. „Ich lag auf dem Sofa, es war heiß, die Fenster offen – da kam plötzlich diese Ratte um die Ecke“, erzählt die Zuffenhäuserin. „Ich dachte nur ,Oh mein Gott´ und bin ihr nachgerannt.“ Doch das Tier war schnell und flugs hinter dem Spülschrank in der Küche verschwunden. Es folgten mehrtägige, erfolglose Jagdszenen im Fachwerkhaus. „Ich hörte die Ratte immer wieder rascheln, aber konnte sie nirgends sehen.“ Schneiders Verzweiflung wuchs, sie besorgte sich Schlagfallen aus dem Baumarkt und legte sie aus. Doch die Hoffnung auf erfolgreiche Beute schwand ebenso wie die ungezählten Wurst- und Käsewürfel in den ausgelegten Fallen. Das raffinierte Tier war zu clever. Nach vier Tagen war der jungen Frau klar: Ein Kammerjäger muss her.

 

600 Euro für den Kurzeinsatz?

Im Internet machte sich Schneider auf die Suche nach einem Profi, googelte die Begriffe „Kammerjäger, Ratte, Stuttgart“ und stieß auf eine Vermittlung: „Im Namen stand etwas von e.V. – da dachte ich, das wird schon seriös sein“, sagt sie. Falsch gedacht.

Der versprochene „Fachmann aus der Gegend“ stand am nächsten Morgen mit Maske und Giftspritze vor ihrer Wohnungstüre und machte sich gleich geschäftig ans Werk. „Er war supernett und ich war froh, dass er so schnell da war, dass ich gar nicht daran dachte, seine Identität zu prüfen.“ Doch seinen Ausweis blieb der Mann genauso schuldig, wie ein Zertifikat, einen Einsatzplan, Hinweise über eingesetzte Fallen und Wirkstoffe. „Er schickte mich nur schnell aus der Wohnung und verspritzte dort eine Viertelstunde lang irgendein Gift und deponierte Fallen wie aus dem Baumarkt.“

Gleich im Anschluss erhielt Schneider die Rechnung auf einem schlichten Formblatt: 600 Euro sollte sie berappen – an Ort und Stelle. „Ich habe mit EC-Karte bezahlt und dachte, er kommt ja sowieso bald wieder, um nach der toten Ratte zu schauen.“ Die große Summe machte sie nicht stutzig. „Wir haben eine Hausratsversicherung, die bei Schädlingsbefall 500 Euro für die Beseitigung übernimmt. Da dachte ich, dass die 100 Euro, die ich obendrauf zahle, schon in Ordnung sind.“ Hauptsache das Tier war weg. Weg war aber nur der Kammerjäger.

Kammerjäger ging in die Falle

Dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, merkte Schneider erst, als die Versicherung sich weigerte, die Rechnung zu übernehmen. Es stellte sich heraus, dass der Kammerjäger einen falschen Namen und falsche Firmendaten angegeben hatte. „Er ging nie mehr ans Handy und kam nie wieder!“ Im Gegensatz zur Ratte.

Den tierischen Störenfried wurde Schneider erst los, nachdem die Versicherung einen echten Fachmann vorbeigeschickt hatte. Dieser Kammerjäger eruierte die Situation, machte einen Plan, erklärte Wirkstoffe und die zu ergreifenden Maßnahmen, legte professionelle Giftköder aus und machte so dem nervigen Nager schließlich den Garaus. Kostenpunkt: rund 200 Euro.

Schneider brachte den Fall mit dem falschen Kammerjäger übrigens zur Polizei und siehe da: Weil der Betrüger immer wieder denselben falschen Namen benutzt hatte, ging er den Behörden ins Netz. „Das Verfahren gegen ihn läuft noch, aber unser Geld sehen wir bestimmt nicht wieder“, sagt Schneider, die mit wirklichem Namen anders heißt, diesen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie hofft allerdings, dass andere Leser aus ihrem Fall lernen und vorsichtiger bei der Auswahl vermeintlicher Notdienste sind.

Geschäft mit dem Notfall

Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg kennt viele solcher Fälle: „Das kommt öfter vor als man denkt und ist schon eine Form der organisierten Kriminalität“. Beim „Geschäft mit dem Notfall“ würden unseriöse Haushaltsdienste immer öfter versuchen, arglose Kunden über den Tisch zu ziehen. Neben Schädlingsbekämpfern seien das auch Schlüsseldienste, Rohrreinigungsfirmen und Dachdecker. „Im Internet tummeln sich viele Betrüger mit täuschend echten Homepages“, weiß Bauer. Meist würde zentral über ein kriminell agierendes Call-Center ein fliegender Monteur vermittelt. „Der vermeintliche Fachmann fängt meist hektisch an zu arbeiten, erzählt Mist und liefert Pfusch ab, für den er einen überhöhten Preis verlangt.“ Er rät: „Wer Hilfe braucht, sollte einen Experten möglichst in Ruhe und lieber über die Berufsverbände oder die IHK suchen.“ Und falls man doch aus Versehen via Call-Center an einen dieser üblen Dienstleister gerate, „hat man in der Regel keinen Vertrag abgeschlossen, dann kann man ihn noch an der Haustüre wieder wegschicken“. Wenn der sich weigere zu gehen oder Geld verlange, solle man einen Nachbarn dazu rufen oder gleich die Polizei. Auf gar keinen Fall solle man Vorkasse leisten und sich drängen lassen. „Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen, eine Rechnung sofort zu zahlen – das ist Nötigung“, sagt Bauer. Einmal gezahltes Geld erhalte man nur schwer wieder zurück. Geschädigte können sich an die Verbraucherzentrale wenden.

Wölfe im Schafspelz!

Auch Werner Steinheuser vom Schädlingsbekämpfer-Verband West ärgert sich über die hohe Zahl an Betrügern im Internet. „Seriöse Firmen dagegen arbeiten oft mit Anfahrts- und Beratungspauschalen und bieten stets Transparenz über die Kosten – und in vielen Fällen ist die Beratung schon die Lösung.“ Wer einen seriösen Kammerjäger suche, solle auf den Webseiten im Internet aufs Impressum achten, ob Adressen, Festnetznummer und Steuernummern angegeben sind. Auch könne man bei der Suche über die Fachverbände gehen. Bestenfalls solle man sich Zeit nehmen. „Die Leute haben oft zu wenig Geduld, wenn sie Hilfe suchen. Alles muss sofort passieren.“

Die betrügerischen Firmen hätten nicht im Entferntesten etwas mit zertifizierten Fachbetrieben gemein: Die Schwindler seien keine schwarzen Schafe aus der Branche – es seien Wölfe im Schafspelz!

Tipps