Krumme Geschäfte beim Arbeiter-Samariter-Bund in Stuttgart beschäftigen das Landgericht. (Symbolfoto) Foto: dpa

Sie stellten Rechnungen über Dienstleistungen aus, die sie nie erbrachten, kassierten dafür und teilten sich das Geld mit einem Geschäftsführer der bezahlenden Firma. Der Prozess um die Vorkommnisse beim Arbeiter-Samariterbund hat am Montag begonnen.

Stuttgart - Es existierten Rechnungen und Belege für deren Bezahlung, doch die abgerechneten Leistungen hat es so nie gegeben: Scheinbar mühelos und ungestört haben verschiedene Dienstleister jahrelang den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) in Stuttgart um insgesamt rund eine Million Euro betrogen. Sechs Männer stehen seit Montag für diese gewerbsmäßige Untreue und Bestechung vor der 11. Großen Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Stuttgart.

„Alle Angeklagten wollten sich persönlich bereichern und im Wettbewerb mit anderen Dienstleistern bevorzugt werden“, wirft Oberstaatsanwalt Andreas Thul den Männern im Alter zwischen 52 und 68 Jahren vor. Im Mittelpunkt der betrügerischen Vorgänge steht der damalige Regionalgeschäftsführer der Hilfs- und Wohltätigkeitsorganisation. Der Verwaltungsfachmann arbeitete sich jahrelang in verschiedenen Bereichen an unterschiedlichen Orten im ASB zum Geschäftsführer des Regionalverbands hoch, bis er im September 2012 nach Bekanntwerden der Vorwürfe fristlos entlassenwurde.

260 Fälle von Bestechung und Untreue

Die Organisation ging damals von zwei Taten mit einem Schaden von rund 75 000 Euro aus. Nachdem die Stuttgarter Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstraftaten ein Jahr lang recherchierte und Fakten zusammentrug, standen nun in der Anklageschrift rund 260 Fälle von Bestechung und Untreue in der Zeit von Juni 2008 bis August 2012 mit einem Gesamtschaden von rund einer Million Euro.

Um die Seniorenheime des ASB mit seinen Fertigessen dauerhaft beliefern zu können, stellte etwa der Inhaber eines Menüservices laut Anklage fingierte Rechnungen über insgesamt mehr als 220 000 Euro, der Inhaber einer Hausverwaltungsfirma und selbst sein späterer Nachfolger sogar über 400 000 Euro aus. Diese beiden 67 und 57 Jahre alten Angeklagten bedienten sich darüber hinaus noch aus den ihnen in einer Tochterfirma anvertrauten Mieteinnahmen ihrer Kunden.

Die unsauberen Geschäfte wurden über die angebliche Beratungsfirma eines 62-jährigen Selfmade-Unternehmers in monatlichen oder quartalsmäßigen Tranchen abgewickelt. Dieser behielt einen abgesprochenen Teil des Geldes für sich selbst, den Großteil der Zahlungen leitete der 62-Jährige an den Regionalgeschäftsführer weiter. Alle Angeklagten sind weiterhin tätig, einige in anderen Firmen.

Der 52-jährige Ex-Regionalgeschäftsführer hat eigenen Angaben zufolge inzwischen rund 980 000 Euro an den ASB zurückgezahlt, weitere rund 450 000 Euro verlangte das Finanzamt von ihm zurück. Bei den übrigen Angeklagten forderten die Finanzbehörden weitere rund 720 000 Euro an Nachzahlungen.

980 000 Euro zurückbezahlt

Zum Prozessauftakt warben einige Verteidiger der Angeklagten für eine Verständigung. Der Vorsitzende Richter, Dr. Roderich Martis, sah sich zum Prozessauftakt zu „keinerlei Zugeständnissen an alle“ veranlasst und wies auf die unterschiedlichen Interessen der Angeklagten hin, andere Beteiligte zu belasten.

Die Staatsanwaltschaft plädierte für die Reihenfolge zuerst Geständnisse, dann Gespräche. Der vom Gericht vorsorglich bis Januar 2019 terminierte Prozess wird am Mittwoch mit der Anhörung eines Zeugen fortgesetzt.

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