Lange Zeit war Ruhe, doch in diesem Sommer sind sie wieder da: Dubiose Hausierer, die Hofeinfahrten zu angeblichen Schnäppchenpreisen asphaltieren. Zollfahnder und Polizei warnen vor den Teerkolonnen.
Stuttgart - Diesen Bauarbeiter schien der Himmel geschickt zu haben. Das glaubte zumindest eine Frau in Feuerbach. Schon lange hätte man die Risse in der Hofeinfahrt ausbessern müssen, und das Unkraut musste raus. Doch wie sollte man das bezahlen? „Und dann stand da der Mann mit seinem Transporter an der Straße“, sagt die 40-Jährige, „und sagte, er habe noch Asphalt von einer Baustelle übrig und könne das sehr günstig reparieren.“ Den englischen Akzent des Mannes hatte sie bemerkt – aber von den berüchtigten britischen Teerkolonnen hatte sie noch nie gehört.
Der Wink des Himmels wurde bald schon ein Blick in die Hölle. Die Frau glaubte, dass nur die Risse repariert würden, für 25 Euro pro Quadratmeter. Doch als ein Arbeiter plötzlich mit einer Spitzhacke überall herumhackte und die Baustelle immer größer wurde, blickte sie in die Abgründe der Hölle. Plötzlich ging es darum, den ganzen Hof neu zu asphaltieren. Okay, nicht für 6000 Euro, aber für 3000 Euro. Und 1500 sollten für das Material vorab gezahlt werden.
„Ich war in Panik“, sagt die 40-Jährige, die mit ihrer Schwiegermutter allein im Haus wohnt. Diese finanziellen Mittel standen nicht zur Verfügung. Und vorab würde sie schon gar nichts zahlen. Der Lkw mit dem Bitumen war noch nicht einmal vorgefahren. Irgendwie schien sich das zu verzögern. Die Feuerbacherin fühlte, dass sie einem Betrug aufgesessen war, aus dem es kein Entrinnen gab. Wie hieß die Firma überhaupt? Wer war der Chef? Die Männer wollten am nächsten Tag wiederkommen. „Und der Hof war mehr kaputt als vorher.“
Beamte des Hauptzollamts stoppen den LKW
Was sie nicht wusste: Die Teer-Betrüger hatten mit ihrem Werk nicht beginnen können, weil sie aufgehalten wurden. An einem Asphalt-Mischwerk in Untertürkheim waren Beamte des Hauptzollamts Stuttgart auf den Lkw mit dem britischen Kennzeichen aufmerksam geworden. Die Täter wollten dort Bitumen laden. Die Beamten kennen diese Pappenheimer: Mitglieder einer britisch-irischen ethnischen Minderheit, die als Landfahrer und Hausierer umherziehen – Tinker genannt. Wo sie herkommen, wo ihre Clanchefs sitzen – alles ungewiss. „Da gibt es nur Scheinadressen“, sagt Steffen Rumsauer, Zolloberinspektor bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit, „Ermittlungen verlaufen im Sande.“
Mit den Firmen in Großbritannien, mit denen sich die Täter schmücken, stehen die reisenden Bauarbeiter jedenfalls nicht in Verbindung. Und selbst wenn die Täter mal eine Niederlassung in München benennen, hilft das nicht weiter: „Unter dieser Adresse sind laut Gewerbeamt 180 Firmen eingetragen“, sagt Rumsauer, „das Gebäude hat aber nur ein paar Büros.“ Briefkastenadressen eben. Reisegewerbekarten hätten die Beteiligten keine. Der Zoll kann nur wegen Verstößen gegen das Arbeitnehmerentsendegesetz ermitteln – das ist nicht gerade der große Hammer gegen Betrüger. Zumal bei den Kontrollen meist auch gar nicht klar ist, wo die Opfer sind, für die der überteuerte Asphalt bestimmt ist.
Den Ermittlern bleiben so nur die Nadelstiche. Die Verkehrspolizei wird hinzubestellt, um die zumeist mangelhaften Lkw aus dem Verkehr zu ziehen. Dabei sind es längst nicht mehr nur die Tinker, die als Arbeiter in den Teerkolonnen unterwegs sind. Längst heuert man noch billige Kräfte vom sogenannten Arbeiterstrich an. „Als wir letzte Woche erneut einen Teer-Lkw in Untertürkheim aufspürten, trafen wir auf drei Litauer“, sagt Rumsauer. Der britische Chef war nur per Handy zu erreichen, aber angeblich unabkömmlich. In diesem Fall hatte ein aufmerksamer Nachbar dem Zoll einen Hinweis gegeben. „Wir sind auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen“, sagt der Schwarzarbeit-Fahnder Rumsauer. Das Hauptzollamt ist erreichbar unter der Rufnummer 07 11 / 9 22 - 0.
Hof sieht kaputter aus als zuvor
Den hat der Himmel auch der Frau aus Feuerbach geschickt. Rumsauer fand ihre Adresse auf einem Zettel im Lkw der Teer-Betrüger – und konnte sie so als Opfer identifizieren. Die 40-Jährige erfuhr, dass die Razzia in Untertürkheim verhindert hatte, dass sie von den Tätern abgezockt wurde. Immerhin hat sie kein Geld verloren – auch wenn der Hof jetzt kaputter aussieht als vorher.
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Teerkolonnen: Die Betrüger bieten bestenfalls Pfuscharbeit zu Wucherpreisen. Der Mix aus Splitt und Bitumen hält meistens keinen Winter lang. Von Rücktrittsrecht und Garantie keine Spur – die von den Hausierern genannten Firmen gibt es nicht. „Wer meint, er spart, der zahlt zweimal“, so ein Fahnder.
Dachhaie: Unseriöse Dachdecker gaukeln Hausbesitzern vor, die Ziegel seien beschädigt und müssten sofort ausgetauscht werden. Oft sind die alten Ziegel selbst mitgebracht. Verdächtig: Die Arbeiten sollen sofort starten, und schon vor Beginn der Arbeiten werden Barzahlungen gefordert.
Stromableser: Als Mitarbeiter des Energieversorgers tarnt sich ein Betrüger ebenfalls gerne. Beliebt ist auch die Rolle des Mannes vom Wasserwerk. Einziger Zweck ist es jedoch, in die Wohnung des Opfers zu gelangen und dort nach Wertsachen zu suchen. Hierzu wird das Opfer abgelenkt, mit der Bitte um ein Glas Wasser etwa. Oder mit dem Auftrag, den Wasserhahn aufzudrehen, um den Zähler überprüfen zu können.
Telefonanbieter: Sie erscheinen als angebliche Mitarbeiter von Telekommunikationsunternehmen und wollen die Verträge überprüfen. Ganoven haben es aber eher darauf abgesehen, den Opfern einen anderen Vertrag aufzuschwatzen, der den Hausierern eine Provision einbringt – die Telefonrechnung letztlich teurer macht.
Polizist: In dieser Rolle will ein Betrüger, der angeblich einen Einbruch ermittelt, das Schmuckversteck ausbaldowern. (wdo)