Das Bestellen von Impfdosen durch Betriebsärzte seit Freitag erhöht den Druck auf das Verteilsystem. Aber welche Impfstoffmengen fließen eigentlich an Arztpraxen in Baden-Württemberg? Die Antwort ist knifflig.
Stuttgart - Der Apothekerverband in Baden-Württemberg erwartet eine steigende Konkurrenz um die Impfstoffe. „Seit Freitag können Betriebsärzte über ihre Apotheken Impfstoffe bestellen mit Kontingenten von bis zu 800 Impfdosen von Biontech“, sagte Frank Eickmann, der Sprecher des Apothekerbandes. Die Bestellmenge der Betriebsärzte, die vom 7. Juni an impfen, sei ein vielfaches dessen, was eine Hausarztpraxis ordern könne. Eickmann bestätigte, den Vorwurf von Hausärzten, dass das Bestellen von Impfstoffen einem Glücksspiel gleiche: „Die Ärzte bestellen am Dienstag eine bestimmte Menge, sie erhalten am Donnerstag eine Nachricht ihrer Apotheke, wie viel am Montag tatsächlich geliefert wird.“
Die Großhändler verteilen gemäß ihrer Marktanteile
Anders als bei den Mengen die an die Impfzentren in Baden-Württemberg geliefert werden – jede Woche laut Gesundheitsministerium rund 320 000 – besteht vielfach Unklarheit darüber, welche Menge an Haus- und Fachärzte sowie an die Betriebsärzte im Südwesten fließen. Wird dabei auf eine gerechte Verteilung innerhalb der Bundesländer geachtet? Der Weg ist kompliziert: der Bund verteilt die Impfstoffe an den Pharmagroßhandel, der gibt sie weiter an die Apotheken, die ihm ihrerseits die Bestellungen der Ärzte übermittelt hatten. Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums klärt auf: „Apotheken in Baden-Württemberg werden durch die Pharmagroßhändler beliefert, die mit den dortigen Apotheken Geschäftsbeziehungen unterhalten, also insbesondere durch im Land ansässige pharmazeutische Großhändler. Die Gesamtmenge der an die Arztpraxen in Baden-Württemberg verteilten Impfstoffdosen orientiert sich am Bevölkerungsanteil des Landes.“ Diese Gesamtmenge werde unter den im Südwesten tätigen Großhändlern dann „nach deren jeweiligen Marktanteilen“ aufgeteilt.
Der KV-Sprecher nennt die Verteilung ein „Mysterium“
Für den Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Kai Sonntag, ist das wenig durchschaubar: „Die Impfstoffverteilung gehört zu den großen Mysterien dieser Republik. Wir haben keine Ahnung inwieweit der Marktanteil der Großhandelsunternehmen da eingerechnet wird.“ Das Gesundheitsministerium in Stuttgart sieht die Transparenz allerdings gewahrt. Wie viele Impfstoffe die „Niedergelassenen“ nächste Woche zu erwarten haben, kann eine Ministeriumssprecherin allerdings auch nicht sagen: „Das Bundesgesundheitsministerium informiert die Länder nachträglich über die wöchentlichen Lieferungen mittels eines Berichts des Paul-Ehrlich-Instituts“, so die Sprecherin. Darin werde der Warenfluss der Impfstoffe nach Ländern dargestellt. Unter dem Namen „Meldeprojekt Großhandel“ werde die Verteilung der Impfstoffe an die niedergelassenen Ärzte ausgewiesen. „Hieraus wird ersichtlich, dass die Länder – wie auch vom Bund angekündigt – grundsätzlich nach Bevölkerungsschlüssel beliefert werden.“ Abweichungen davon resultierten aus den Bestellungen der niedergelassenen Ärzteschaft.
Pro Woche im Durchschnitt 210.000 Impfdosen für die Arztpraxen
Vom Ostern bis Mitte Mai – also binnen sechs Wochen- seien auf dem Wege 1,263 Millionen Dosen nach Baden-Württemberg geflossen. Pro Woche rund 210 000 Dosen. Apothekensprecher Eickmann weist auf theoretische Schieflagen hin, wenn Ärzte in einem Land viel bestellen, in einem anderen wenig. Aber die Pharmabranche ist von der Gerechtigkeit des Systems überzeugt. Matthias Dehmel von der Firma Sanacorp sagt: „In Abhängigkeit ihres Marktanteils erhalten alle Pharmagroßhändler vom Bund einen bevölkerungsbezogenen Verteilungsschlüssel für die zugeteilten Impfstofflieferungen.“ Die dort enthalten behördlichen Vorgaben seien für alle Großhändler verpflichtend.
Der Bund kann immerhin die Liefermengen für alle Praxen und Betriebsärzte bundesweit vorher sagen: Nächste Woche sollen es 2,6 Millionen sein, ab Juni wöchentlich rund 3,6 Millionen. Auf Baden-Württemberg müssten davon laut Bevölkerungsanteil elf Prozent entfallen.